Geschlechterdebatte um Barbiehaus Die Codierung ist komplex

Ist es denn nicht so, dass Mädchen Puppen und Versorgungs-Rollenspiele lieben und Jungs Autos und Ballspiele, selbst wenn deren Eltern ihnen das bewusst nicht nahebringen?

Die Aneignung der Geschlechterrollen hat viele Facetten - vieles können wir gar nicht einfach so außer Kraft setzen. Die symbolische Repräsentation von Mann und Frau, die Lieder, die Kinderbücher, sie alle sind codiert nach einem System der kulturellen Zweigeschlechtlichkeit. Einem System, in dem klar ist, dass Frauen Krankenschwester werden und keine KFZ-Mechatronikerin. Diese Codierung ist so komplex, dass selbst ich als Feministin nicht in der Lage bin, sie vom eigenen Kind fern zu halten, zumindest gelingt es nur partiell. Es gibt beispielsweise nur wenige Kinderbücher, die eine andere Realität zeigen.

Aber wäre das überhaupt sinnvoll? Schließlich würden Ihre Kinder dann in unserer Gesellschaft nur anecken.

Das ist in der Tat ein Problem - Kinder müssen diese allgegenwärtige Codierung kennen und sich darin bewegen können. Das ist ein Drahtseilakt, weil es Faktoren gibt, auf die wir keinen Einfluss haben: Kita, Schule, Pubertät, wechselseitige Regulierung unter Kindern, Plakate mit Werbung, auf denen nackte Frauen oder Männer in Anzug zu sehen sind. Diese Faktoren zeigen ihnen, dass sie sich einen Platz in der Gesellschaft suchen müssen. Wenn sie Glück haben, wachsen sie in einem Milieu auf, das ihnen eine größere Freiheit zugesteht - etwa als Mädchen in einer Skaterkultur oder als Junge in einer Gothic-Szene, wo Weiblichkeit hochstilisiert wird. Dann haben sie die Möglichkeit, Geschlechteridentität anders zu leben.

Was, wenn Kinder auf einer einsamen Insel aufwüchsen, fern von all diesen Codierungen? Würden Jungs dann Sandburgen bauen und Mädchen sie mit Muscheln verzieren?

Ich würde die These von angeborenen Verhaltensweisen in Frage stellen. Es ist auch schwer, das zu untersuchen, weil man das Ganze immer durch die Brille der eigenen gesellschaftlichen Normen betrachten würde. Kulturanthropologen wie Ina Rösing, die in den Anden geforscht hat, kennen Völker, die bis zu zehn Geschlechter unterscheiden. Und in Argentinien kann man sein Geschlecht auf einem Amt ändern lassen. Da stellt sich die Frage, ob wir mit unserer zweigeschlechtlichen Kenntnis überhaupt in der Lage sind, zu verstehen, dass es auch Mehrfachzugehörigkeiten und nicht eindeutige Zuordnungen gibt.

Der österreichische Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt hat in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung darauf hingewiesen, dass die Annäherung der Geschlechter das Aussterben unserer Kultur zur Folge hätte.

Grundsätzlich geht es nicht darum, Identitäten abzuschaffen, sondern darum, Einschränkungen aufzuheben. Es geht um Anerkennung der Vielfalt, um Kritik an dieser rigiden Zweigeschlechtlichkeit, die viele Menschen als gewaltförmig empfinden, weil sie sich verbiegen müssten, um sich einzugliedern. Die Gesellschaft muss Räume schaffen, Nischen, mehr Angebote für Männlichkeit und Weiblichkeit.

Also sollten Männer wie Frauen und Frauen wie Männer sein dürfen?

Auch das. Wir wissen, dass die Differenz im Hinblick auf Fähigkeiten, Vorlieben, Kompetenz unter verschiedenen Frauen größer ist als zwischen Männern und Frauen. Wir tun aber so, als wäre das nicht der Fall. Damit machen wir es den Menschen verdammt schwer, hineinzupassen. Ich plädiere dafür, die Vielfalt anzuerkennen. Die Profifußballerin hat ebenso ihren Platz wie die KFZ-Mechatronikerin, die Pink mag, oder eben die Verkäuferin, die vielleicht Frauen liebt. Sampeln sie das mal durch, wieviele Varianten sie da haben können.

Finden sie, dass unsere Gesellschaft genug für diese Vielfalt tut?

Nein - wenn wir Twitterbeiträge wie #aufschrei anschauen, dann wird klar, dass wir uns nicht in einem problemfreien Raum bewegen. Andererseits gibt es in der Popkultur oder bei TV-Serien mehr Angebote. In Daily Soaps etwa ist die Geschlechternormierung nicht mehr so eindeutig - da kommt inzwischen kaum mehr eine aus ohne schwules oder lesbisches Paar, das gehört einfach dazu. In "Six Feet Under" zum Beispiel ist die einzige Beziehung, die Bestand hat, die zwischen zwei Männern. Es gibt also durchaus viele Zwischentöne, die Nischen zulassen für Mädchen und Jungs.

Eine Frage noch zum Barbiehaus: Handelt es sich um einen rosaroten Traum, in dem sich Mädchen ausleben können - oder eher um eine Hölle in Pink, die haltlose Geschlechterbilder verfestigt?

Es ist beides. Für Kinder wie für uns Erwachsene, auch für mich als Geschlechterforscherin. Wenn man das ganze Pink und die abartigen Körpernormen ausklammert, ist die Installation, in der man sich dort ausleben kann, ein Traum. Zur Hölle wird es dann, wenn es das einzige Identitätsangebot ist, das wir unseren Kindern bieten.

Und, würden Sie das Barbiehaus besuchen?

In einer gesellschaftlichen Landschaft mit vielen Optionen, zum Beispiel, einer Skaterbahn, die Mädchen-Contests veranstaltet, einem Festival mit Frauenbands oder einem Programmiererinnentreffen, bin ich entspannt beim Barbiehaus. Dann kann ich da sogar durchgehen.