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Geschichte des Rauchens:Laster auf der Kippe

Hollywood war Feuer und Flamme

Die Zigarette triumphierte über die sozialen Muster. ,,Eine gewaltige Barriere zwischen den Geschlechtern war eingebrochen'', notierte der Historiker Frederick Lewis Allen 1931. ,,Die Sitte, sie nach dem Dinner zu trennen, wurde zu einem leeren Ritual. Gastgeber, die ihren männlichen Gästen Zigarren bereitgestellt hatten, fanden diese unberührt.'' Männer rauchten jetzt lieber zusammen mit den weiblichen Gästen - und diesen frechen, kleinen, schlanken Dingern, diesen Zigaretten. Wo könnte man auch eleganter anbandeln als bei der Bitte um Feuer? Während der Prohibition, als Amerika nur heimlich oder vor Augen korrupter Polizisten soff, übernahmen Zigaretten in der Öffentlichkeit die Rolle des Alkohols. Statt anzustoßen zündete man sich eine an. Niemand profitierte mehr vom Alkoholverbot als Mafia und Tabakkonzerne wie Big Tabacco.

Ein anderer von Bernays Geniestreichen ließ die Zigarette Filmkarriere machen. ,,Man kann mit einer Zigarette eine Menge sagen, was man sonst nur mit sehr vielen Worten ausdrücken kann'', schrieb er Regisseuren und Produzenten. Seine Idee: die Zigarette zum Teil des Drehbuchs machen. Der Held, der sich eine anzündet, um sich besser in Szene zu setzen vor dem entscheidenden Gespräch mit seinem zukünftigen Schwiegervater. Der Schurke, der hastig ein paar Züge nimmt, um Nervosität zu vertuschen. Der Spieler im Casino, der seine letzten Tausend auf eine Karte setzt und verliert - und die Zigarette fällt unangezündet aus der zitternden Hand. Ein rauchendes Paar im Bett - und dem Filmpublikum war klar, was der Szene vorausgegangen war. Hollywood war Feuer und Flamme.

Humphrey Bogart mit Malteser Falke, aber ohne Zigarette? Undenkbar. Von Marlene Dietrich, Bette Davis bis Gloria Swanson - Filmdiven und blauer Dunst wurden eins. Zur Mitte des Jahrhunderts listete das große Kulturmagazin Atlantic Monthly Affekte und Emotionen auf, die eine Zigarette auf Bühne und Leinwand als Requisite erzielen konnte. Es war die Hochzeit amerikanischer Rauchkultur: Fernsehmoderatoren, die nicht nur darauf bestehen, dass sie selbst, sondern auch ihre Gäste mit Kippen vor laufende Kameras treten. Ärzte, die in TV-Spots und auf Billboards zwischen Kindern sitzen und sagen: ,,Ärzte rauchen mehr Camels als jede andere Zigarette!''

Die erste umfassende Studie, die 1950 den Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs herstellte, blieb in dermaßen ekstatischen Zeiten nahezu unbeachtet. So konnten sich führende Zigarettenproduzenten auch drei Jahre Zeit lassen, bis sie mit einer lässigen PR-Kampagne jeglichen Zusammenhang bestritten. Amerikas Rauchseligkeit ging weiter, knapp die Hälfte der Erwachsenen zündete sich regelmäßig eine an, als 1964 ein zweiter Bericht aus dem Gesundheitsministerium die Politiker diesmal Warnhinweise auf den Packungen vorschreiben ließ.

Diesmal reagierte Big Tobacco prompt: Seine PR-Strategen erweiterten die Brigade der Lobbyisten auf dem Kapitolshügel in Washington, sie führten Filter ein und ,,Lights'' und Werbekampagnen mit dem Marlboro Man oder Joe Camel, die Lebensgefühle verbreiten sollten und amerikanische Uralttugenden - Freiheit, Individualismus, Unabhängigkeit.

Heute sind's die Schokoriegel

Ein Drittel der Amerikaner qualmte sich durch die Achtziger und Neunziger, als Interna nach draußen sickerten: Jahrzehntelang hatten Tabakproduzenten eigene Studien über die Suchtgefahr von Nikotin verheimlicht und außerdem ihre Marken mit Extranikotin angereichert, um ihren Konsumenten ,,vollen Genuss'' zu garantieren, also sie noch abhängiger zu machen.

Die ersten Kettenraucher, Lungenkrebskranken und Hinterbliebenen reichten Klagen gegen die Konzerne ein, ganze Bundesstaaten schlossen sich an. 1997 einigen sich beide Seiten auf einen Vergleich: Die Bundesstaaten ziehen ihre Klagen zurück, die Konzerne zahlen ihnen in den folgenden 25 Jahren 246 Milliarden Dollar für die Krankenkassenkosten, die das Rauchen ihrer Bürger verursacht haben. Sie verpflichten sich außerdem, Zigarettenautomaten abzubauen und fast jegliche Tabakwerbung einzustellen. Nach dem Milliardendeal stieg der Preis pro Packung um 45 Cents. Der Marlboro Man - zwei seiner Darsteller waren in der Zwischenzeit an Lungenkrebs gestorben - wurde aus Marlboro Country vertrieben, aus dem Land, dessen wirtschaftlicher Aufstieg vor einem halben Jahrtausend mit dem Tabakanbau begann.

Anstelle von Zigarettenautomaten locken jetzt also Süßigkeiten-, Limo- und Kaffeeautomaten. Die Industrie lässt das kalt. Egal, in welche Maschinen die Leute ihre Münzen stecken - die Chance ist groß, dass ihr Geld am Ende beim selben Empfänger landet: Philipp Morris, der größte Hersteller von Tabakwaren, gehört zum Altria-Konzern, und zum Altria-Konzern gehört - wenn auch des besseren Images wegen inzwischen ausgelagert - Kraft Foods, der weltweit zweitgrößte Nahrungsmittelhersteller vor allem von Snacks, Schokoriegeln und Fertiggerichten.

Früher kam man nicht ohne Fluppe aus, heute nicht ohne Latte Macchiato-to-go-Pappbecher. Es kann schon sein, dass auch das auf Lungen, Leber und Herz schlägt oder fett macht. Prohibition und Gesundheitskampagnen mögen kommen und gehen, aber die Unternehmen, die diese unsere Lust zu befriedigen wissen, bleiben - genauso wie unser innerer Schweinehund.

© SZ vom 28./29.7.2007
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