Geliebter, verhasster Afrolook Haarige Entscheidung

Ironischerweise lebte Garveys Zeitung Negro World wie auch alle anderen schwarzen Presseerzeugnisse zu gut zwei Drittel von Anzeigen für Haarprodukte einschließlich Entkrausungsmitteln. Schließlich galt dem durchschnittlichen Afroamerikaner gekraustes Haar immer noch als rückständig, ländlich und unattraktiv.

In vielen Berufen, von der Sekretärin bis zur Stripteasetänzerin, wurden bevorzugt glatthaarige schwarze Frauen eingestellt. Und wer als Mann von Welt gelten wollte, der rieb sich als Initiationsritus ein Sodium-Hydroxid-Gel ins Haar. So wie auch der künftige schwarze Nationalist Malcolm X: "Mein Kopf fing Feuer", erinnert er sich in seiner Autobiographie an seine chemische Entkrausung: "Ich biss die Zähne zusammen und hielt mich am Küchentisch fest. Der Kamm fühlte sich an, als würde er meine Kopfhaut abziehen. Meine Knie zitterten."

Aber das Ergebnis war ihm den Schmerz wert: "Ich hatte schon einige herrliche Dauerwellen gesehen, aber wenn du sie nach lebenslangem Kraushaar das erste Mal auf dem eigenen Kopf trägst, ist das Gefühl unbeschreiblich." Später sollte derselbe Malcolm X diesen Moment als "ersten großen Schritt in Richtung Selbstentwertung" erinnern.

Per Fahndungsfoto zum Mode-Idol

Muhammad Ali gehörte zu den ersten Pophelden, die ihr Haar bewusst kraus trugen. Sängerinnen wie Abbey Lincoln, Nina Simone und Aretha Franklin ließen sich auf ihren Plattencovern mit Afros oder zumindest einem "Natural" abbilden. Und sogar James Brown, bisher Inbegriff weltmännischer Eleganz, ersetzte seinen gepflegten Conk kurzzeitig durch einen wuchernden Krauskopf.

Frisuren galten mehr und mehr als Bekenntnisse, wahlweise für politische Integration oder schwarzen Nationalismus. Black Panther-Anführer Angela Davis und Kathleen Cleaver predigten "black is beautiful" mit Worten wie Frisuren. "Als wir anfingen, unsere Afros zu tragen", erinnert sich Jesse Jackson, "war das ein großes politisches Statement - etwas, was uns die Weißen nicht so leicht nachmachen konnten".

Die Black Power Bewegung versandete Mitte der siebziger Jahre. Afros, Cornrows, Braids und andere afrikanisch inspirierte Frisuren aber blieben - unter veränderten Vorzeichen: "Als ich untertauchen musste", erinnert sich Angela Davis, "legte ich mir glatte Haare und viel Schminke zu. Ich dachte damals, glamourös und revolutionär seien Gegensätze. Zwei Jahrzehnte später aber wurde ich aufgrund des FBI-Fahndungsfotos mit dem Afro vom New York Times Magazin zu einem der 50 einflussreichsten Mode-Idole unserer Zeit gewählt."

Wolle mit Glamourpotenzial

Tatsächlich war der Afro zum Glamour geworden: Auch die Jackson 5, Diana Ross und Schauspielerin Pam Grier ließen sich die Haare zu Berge stehen. Die Armee und viele Fluggesellschaften änderten ihre Kopfbedeckungen mit Rücksicht auf die Afromode. Und ein New Yorker Friseur bot Afroamerikanern mit zu glattem Haar eine chemische Methode an, um ihnen einen simulierten Afro zu frisieren. Spätestens als auch Barbra Streisand einen Afro trug und Bo Derek nach dem Film "10 - Die Traumfrau" eine typisch schwarze Flechtzopffrisur für weiße Hausfrauen popularisierte, war klar: Die vermeintlich minderwertige "Wolle" hatte höchstes Modepotential.

Mit dem schwarzen Stolz des Hip-Hop erlebten die Haarmoden der Sechziger und Siebziger eine Wiederauferstehung. Heute gehören Rapmusiker zu den einflussreichsten Frisurmodellen Afroamerikas: Wenn Ahmir Uestlove Thompson oder Maxwell etwa turmhohe Afros tragen, Lauryn Hill sich das Haar zu Dreadlocks verfilzen lässt, Ludacris und Snoop Dogg sogenannte Cornrows oder Braids zur Schau stellt, so verbinden die Fans damit typische Zuschreibungen. Etwa politische Denker (Afro), Rebell (Dreadlocks) oder Gangster (Cornrows und Braids).

Repolitisierung der Frisuren

Doch kann man wirklich von einer Repolitisierung der Frisuren sprechen? Schwarze Popstars wie Lil' Kim, Mary J. Blige oder Beyoncé Knowles repräsentieren mit blonden Perücken und Haarverlängerungen auch 2007 dasselbe weiße Frisurenideal, das schon die Supremes zur Schau trugen. "Warum dürfen wir es nicht den weißen Frauen gleichtun?", kontert Mary J. Blige die Kritik: "Deren Dauerwellen und blondierte Haare sind doch auch nicht echt - und niemand wirft ihnen das vor."

Ironischerweise bleibt von den geschätzten 700 Millionen Dollar, die schwarze Frauen und Männer jährlich in Haarpflegeprodukte investieren, kaum etwas in der afroamerikanischen Community hängen. Das hat soeben die preisgekrönte Filmdokumentation "Black Hair" aufgedeckt. Koreanische Geschäftsleute haben die Afroamerikaner inzwischen verdrängt und beherrschen 90 Prozent des Großhandels, des Vertriebs und der Herstellung.

"Eine Tragödie" schreibt die afroamerikanische Internet-Zeitung Eurweb, "besonders, wenn man die hohe Arbeitslosenziffer im Ghetto bedenkt". Und der Chicago Defender appelliert an Hip-Hop-Tycoons wie Sean Combs: "Warum nicht einen kleinen Teil der mit dem Rap-Business verdienten Milliarden als Kredit an afroamerikanische Vertriebsläden für Haarprodukte geben? Das wäre die zeitgemäße Variante von Black Power."