Geldmacherei mit Patienten Volkskrankheit: Depression

Die Depression ist zweifellos ein fürchterliches Leiden. Mittlerweile wird sie allerdings bei zu vielen Menschen diagnostiziert - die Zahl der psychisch Kranken habe nicht zugenommen, wohl aber die derjenigen, die als solche behandelt werden, monieren kritische Mediziner. In ihrem Buch "The Loss of Sadness" (2007) beschreiben Allan Horwitz und Jerome Wakefield, wie Psychiatrie und Pharmaindustrie aus normaler Traurigkeit eine depressive Erkrankung gemacht haben.

Verschreibungszahlen für Psychopharmaka spiegeln das wider: Mit Einführung der neuen Antidepressiva vom Typ SSRI in den achtziger und neunziger Jahren, deren Wirksamkeit zuletzt stark angezweifelt wurde, stieg auch die Zahl der angeblich Kranken. In den USA hat sich die Zahl derjenigen, die wegen einer Depression behandelt werden, allein in der Zeit von 1987 bis 1997 von 1,7 auf 6,3 Millionen fast vervierfacht.

Trotz der massiv gestiegenen Zahl an Depressiven wird das Leiden bei etlichen Betroffenen nicht erkannt; es gibt also ein Miteinander an Über- und Unterdiagnostik. Der Gesundheitswissenschaftler Norbert Schmacke warnt schon länger davor, dass sich die Behandlung mit Antidepressiva "zu einem modernen Nahrungsergänzungsbestandteil entwickelt, weil es am Ende nicht mehr gelingen wird, das normale Maß an schlechten Stimmungen von dem behandlungsbedürftigen Kern von Depressionen mit Krankheitswert abzugrenzen".

Selbst harmlose Begriffe wie Cellulite haben eine erstaunliche Karriere hingelegt. Die Neuschöpfung von Nicole Ronsard, Betreiberin eines New Yorker Schönheitssalons, brachte seit 1973 werbewirksam die ebenso grundlosen wie häufigen Ängste vieler Frauen auf den Punkt. Da die Veränderungen an Beinen, Hüften und Po dem Relief einer Waffel nachempfunden sind, liegt der Verdacht nahe, dass hier tatsächlich Zellen pathologisch verändert sind.

Und die meist umgangssprachlich als "Zellulitis" beschriebene Metamorphose der weiblichen Weichteile klingt durch die medizinische Endung -itis nach einer Entzündung, die unbedingt behandelt werden sollte, bevor es zu spät ist. Mit nutzlosen Mitteln gegen die Hügel auf der Haut werden jährlich Millionenumsätze gemacht.

Krankheitsbilder werden erfunden

Der australische Medizinkritiker Ray Moynihan hat sich besonders intensiv mit der Branche der Krankheitshändler beschäftigt. In seinem Buch "Sex, Lies and Pharmaceuticals" (2010) zeichnet er nach, wie die Arzneimittelindustrie Schwankungen der weiblichen Lust pathologisiert. Pharmafirmen unterstützten nicht nur die Erforschung des angeblichen Leidens "Female sexual dysfunction", sondern die Pillenhersteller halfen entscheidend dabei mit, das entsprechende Krankheitsbild zu erfinden.

Je nach dem Stand der Arzneientwicklung änderte sich der Fokus. Wurden Mittel erforscht, die den Blutfluss steigerten, galt die "Insuffizienz" der Vaginaldurchblutung als Ursache der vermeintlichen weiblichen Unlust. War hingegen ein Testosterongel für Frauen gerade der heiße Kandidat, wurde ihnen Hormon-"Mangel" unterstellt.

Als zuletzt ein Psychopharmakon erforscht wurde, das die Neurotransmitter im Gehirn beeinflusst, war die mangelhafte Libido der Frauen plötzlich in erster Linie Kopfsache und es galt, ein chemisches Problem im Hirn der Frau zu lösen. Um den Bedarf anzukurbeln, gaben die Arzneihersteller gelenkte Umfragen in Auftrag, wonach bis zu 60 Prozent der Frauen an sexueller Unlust litten und bezahlten Forscher für einseitige Expertenmeinungen.

Bisher ist der Erfolg der Kampagne verhalten, aber der Markt ist offen für weitere Krankheitsangebote. Schließlich gibt es keine Gesunden, nur Menschen, die noch nicht genug untersucht worden sind. Diagnosen sind für alle da.