Tiere:Warum in Stuttgart seltene Papageien leben

Lesezeit: 4 min

Bianca Hahn

Im Winter kann man die grünen Papageien mit der typischen Gelbfärbung am Kopf besonders gut beobachten, wenn sie tagsüber in den Parks nach Futter suchen.

(Foto: Bianca Hahn)

Die Gelbkopfamazonen sind in ihrer Heimat vom Aussterben bedroht. In Stuttgart leben die Papageien seit 35 Jahren mitten in der Stadt. Die Geschichte einer gelungenen Integration.

Von Claudia Henzler

Eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang stauen sich schon Autos vor der Ampel am Wilhelmsplatz im Stuttgarter Stadtteil Bad Cannstatt. Es ist laut und kalt, höchstens ein oder zwei Grad. Bianca Hahn wartet, warm eingepackt in eine lange schwarze Winterjacke und mit dicker Wollmütze, unter der ihre langen blonden Haar hervorquellen. Sie hat diesen unwirtlichen Ort als Treffpunkt vorgeschlagen, um Stuttgarts ungewöhnlichste Vogelart zu beobachten. In einem der Bäume am Straßenrand herrscht schon morgendliches Getöse, doch dafür ist nur ein Schwarm Krähen verantwortlich. Hahns Blick richtet sich suchend auf die Baumkronen der Platanen, in denen es noch still ist. Mit geübtem Auge macht sie dort schnell die Silhouetten einiger Papageien aus. Manche hocken leicht aufgeplustert allein auf einem Ast, andere eng nebeneinandergeschmiegt als Pärchen. Trotz des Verkehrslärms und des Krähengeschreis schlafen die Tiere noch.

Gelbkopfamazonen sind etwa taubengroße Papageien, die bei Tageslicht mit ihrem grünen Gefieder und der typischen Gelbfärbung am Kopf leicht zu erkennen sind. Ihre Heimat sind die warmen Gegenden Mittelamerikas, wo sie aber vom Aussterben bedroht sind. Schon seit 35 Jahren gehören sie zum Stadtbild von Stuttgart.

Wie genau die einzige freilebende Population von Gelbkopfamazonen in Europa entstand, ist heute nicht mehr ganz nachzuvollziehen. Sicher aber ist, dass die Geschichte 1984 mit einem einzigen Vogel begann, der freigelassen wurde oder irgendwo ausgebüxt war. Als irgendjemand, wohl aus vermeintlicher Tierliebe, noch einen zweiten Papagei aussetzte, gelang dieses Experiment tatsächlich: Die beiden Gelbkopfamazonen überlebten. 1986 waren die ersten Jungtiere da. Zehn Jahre später war der Schwarm auf 30 Tiere gewachsen, seit einigen Jahren stagniert der Bestand bei um die 60. Weil sich vor einiger Zeit eine Blaustirnamazone dazugesellte, besteht die Population heute nicht mehr ausschließlich aus reinen Gelbkopfamazonen.

Bianca Hahn

Die Fotografin Bianca Hahn beobachtet die Stuttgarter Amazonen seit sechs Jahren. Sie hat jedem einzelnen Tier einen Namen gegeben.

(Foto: Silvia Wolf)

Bianca Hahn, 49, ist Profifotografin und beobachtet die Stuttgarter Papageien seit sechs Jahren. Die Amazonen sind ihre private Leidenschaft, hauptberuflich macht sie Porträtbilder, Hochzeitsfotos, Familienaufnahmen. Bevor sie ihr Atelier in Kornwestheim aufsperrt, fährt sie mehrmals in der Woche ins 15 Kilometer entfernte Bad Cannstatt, um nach den Vögeln zu sehen. Sie kennt den Schwarm so gut wie kaum jemand anderes und informiert auf einer Facebookseite über Neuigkeiten. Hahn kann genau vortragen, welches Pärchen in welchem Jahr Nachwuchs bekam und wer überlebt hat. Die ersten drei Lebensjahre seien besonders gefährlich, sagt sie. Im vergangenen Jahr zählte Hahn 15 Verluste und 14 Neuzugänge.

Mit einer befreundeten Hobbyfotografin hat sie allen Papageien sogar Namen gegeben. Da drüben zum Beispiel sitzen Willi und Maja, sagt Hahn: "Den Willi kann man super gut erkennen, weil er unter den Augen weiße Flecken hat." Sie nimmt die schwere Kamera, die über ihrer Jacke hängt, und vergewissert sich durch das 500mm Teleobjektiv, dass sie recht hat.

Inzwischen sind die Papageien aufgewacht, sie strecken sich ein bisschen, trippeln am Ast hin und her. Dann begrüßen sie sich lautstark. Es klingt nicht nach einem Krächzen oder Zwitschern, eher wie ein Rufen mit großem Stimmumfang, der bis in helle Höhen reicht. Der Morgengesang ist noch nicht beendet, als das erste Paar aufbricht. "Jetzt geht es Richtung Rosensteinpark", sagt Bianca Hahn. Die Papageien versammeln sich nur zum Schlafen zwischen Beton und Asphalt. Ihre Tage verbringen sie auf der anderen Seite des Neckars, wo große Landschaftsparks liegen. Ihr Flugstil erinnert an Enten, meist fliegen zwei Tiere eng nebeneinander. Gelbkopfamazonen bleiben ihrem Partner in der Regel ein Leben lang treu.

Bianca Hahn

Die Platanen in Stuttgarts historischen Parkanlagen sind bis zu 200 Jahre alt und 30 Meter hoch. Dort finden die Gelbkopfamazonen gut geschützte Baumhöhlen zum brüten.

(Foto: Bianca Hahn)

Stuttgart zählt zu den wärmsten Gebieten in Deutschland. Nicht nur deshalb eignet sich die Stadt offenbar gut als Lebensraum für die Papageien. Auch mäßiger Frost kann der Population nichts anhaben. Auch die vielen Platanen dürften eine Rolle spielen: In den historischen Parkanlagen sind diese Bäume bis zu 200 Jahre alt und 30 Meter hoch. Dort finden die Gelbkopfamazonen gut geschützte Baumhöhlen, wo sie zwischen Ende April und Anfang August brüten.

Bianca Hahn holt ihren E-Scooter aus dem Auto. Am Wilhelmsplatz kann sie sich zwar schnell einen Überblick über die Population verschaffen, richtig interessant wird es aber im Park, wo die Papageien fressen, spielen und ihre Reviere verteidigen. Die Tiere halten sich auch im Winter gern in der Nähe ihrer Brutplätze auf. Bei der Nahrungssuche sind sie nicht wählerisch. Gelbkopfamazonen fressen Früchte, Nüsse, Samen junger Triebe, Exotisches und Einheimisches, im Winter dürfen es auch vertrocknete Zieräpfel sein, die noch in den Zweigen hängen.

Viele Stuttgarter sind stolz, dass die exotischen Vögel in ihrer Stadt heimisch geworden sind. Die Tierliebe kann allerdings leiden, wenn man sein Auto unbedacht unter einem der Schlafbäume parkt oder an lauen Sommernächten bei offenem Fenster die Tagesschau sehen will. In den Neunzigerjahren war ein Anwohner so genervt, dass er zum Luftgewehr griff und zwei Papageien vom Baum holte, weshalb man eines der Tiere ausgestopft im Staatlichen Museum für Naturkunde besichtigen kann.

Bianca Hahn

Bei der Nahrungssuche sind die Papageien nicht wählerisch. Sie fressen Früchte, Nüsse oder die Samen junger Triebe.

(Foto: Bianca Hahn)

Dort arbeitet die Ornithologin Friederike Woog, die das Phänomen mit dem kühleren Blick einer Wissenschaftlerin betrachtet. Eine wichtige Frage ist für sie, ob die Vögel heimische Tiere und Pflanzen verdrängen. "Wir sehen bei den Amazonen nicht, dass sie gefährlich sind", kann sie beruhigen. Während Halsbandsittiche in vielen Städten zur Plage werden, bleibe die Population der Stuttgarter Papageienart stabil. Im Detail ist sie wissenschaftlich noch wenig erforscht. Vor einigen Jahren gab es mal eine Bachelorarbeit, in der das Fress- und Brutverhalten untersucht wurde. Das war's.

Bianca Hahn hat sich vorgenommen, auch in diesem Jahr wieder genau zu beobachten, welches Paar Nachwuchs bekommt und darüber auf ihrer Facebookseite zu berichten. Warum sie so viel Zeit dafür investiert? "Die Amazonen sind mir einfach ans Herz gewachsen."

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