Süddeutsche Zeitung

Geburtshilfe:Wie das Leben beginnt, geht uns alle an

Was ist eine gute Geburt? Eine, die Mütter als solche empfinden. Hebammenmangel und Kreißsaalschließungen sind daher nicht hinnehmbar.

Kommentar von Meredith Haaf

Zum Beispiel Steffi: die Frau, mit der ich nach der Geburt meines zweiten Kindes das Zimmer auf der Wochenbett­­­­sta­tion teilte. Über unsere Frühstückstabletts und schlummernden Neugeborenen hinweg tauschten wir Geburtsgeschichten aus.

Sie lebte in einem Vorort von München und hatte sich in der nächsten großen Klinik angemeldet, doch als sie unter Wehen und mit geplatzter Fruchtblase dort ankam, war kein Platz für sie. Der Krankenwagen klapperte noch zwei Häuser ab, bis sie am anderen Ende der Stadt landete, wo ihr die diensthabende Hebamme im Kreißsaal mitteilte, dass man sie hier eigentlich gar nicht gebrauchen könne, aber nun sei da ja offensichtlich nichts zu machen.

Im Normalfall hat eine Frau in den Wehen viel zu tun. Im Idealfall muss sie sich dabei auf nichts anderes konzentrieren als auf ihren Körper. Sie sollte nicht in einem Krankenwagen durch die Stadt gurken, ohne zu wissen, wo sie ankommen wird.

Pro und Contra

Zu viele Geburtskliniken führen zu weniger Qualität, findet Nina von Hardenberg. Kreißsaalschließungen und Hebammenmangel sind nicht hinnehmbar, kommentiert Meredith Haaf.

Ein paar Stunden, nachdem sie mir von ihrer Odyssee erzählt hatte, begann Steffis Sohn plötzlich zu schreien und hörte nicht mehr auf, egal, wie lange sie ihn an die Brust gedrückt hielt. Steffi war felsenfest davon überzeugt, ihre Milch reiche nicht. Ich sagte zu ihr: "Du hast ganz sicher genug Milch, die kommt erst nach ein paar Tagen, das wird dir deine Nach­sorgehebamme alles erklären." Sie sah mich nur ratlos an und meinte: "In meinem Ort gibt es nur eine Hebamme, und die hatte keine Zeit mehr für mich."

Das ist nur eine von vielen Geschichten aus dem deutschen Geburtenboom. Man muss nicht lange nach ihnen suchen: Im vergangenen Sommer wurde eine Frau von so vielen Berliner Kliniken abgewiesen, dass sie ihr Kind schließlich im Auto gebar. Schwangere, die auf den Nordfriesischen Inseln leben, müssen nun rechtzeitig zur Entbindung aufs Festland übersetzen und in Unterkünften auf ihre Wehen warten, weil es dort keine Geburtsstationen gibt.

Unterversorgung ist ein Kampfbegriff

Auf der Website des Deutschen Hebammenverbandes entsteht derzeit eine "Landkarte der Unterversorgung", auf der täglich fehlgeschlagene Hebammensuchen in ganz Deutschland verzeichnet werden. Es sind knapp 15 000. Der Verein Mother Hood gab vor den Ferien eine "Reisewarnung für Schwangere" heraus: Wer ein Kind erwarte, solle zum Beispiel möglichst nicht nach Sylt oder ins Alpenvorland fahren, weil die Versorgung mit Kreißsälen oder Hebammen dort nicht gewährleistet sei.

Unterversorgung ist in Deutschland natürlich ein Kampfbegriff. Frauen, die im Taxi oder im Krankenwagen entbinden müssen, sind dann doch die Ausnahme. In Relation zur Gesamtbevölkerung hat Deutschland nicht zu wenige Kliniken oder Kreißsäle. Nicht einmal der Hebammenmangel ist eindeutig feststellbar: Hebammen sind bei den Kommunen gemeldet und nicht zentral erfasst. In Bayern und in Nordrhein-Westfalen soll im kommenden Jahr mit Studien erstmals festgestellt werden, wie viele Hebammen in den Ländern arbeiten und was sie anbieten.

Unzweifelhaft aber ist, dass in den großen Kliniken in Städten die räumlichen und personellen Kapazitäten nicht mehr ausreichen: 2016 kamen in Berlin 4500 Kinder mehr zur Welt als im Jahr zuvor. In Bayern ist die Zahl der Geburten um vier Prozent gestiegen, aber in den letzten acht Jahren wurden über 30 Geburtsstationen geschlossen. In den verbleibenden arbeiten Ärzte wie Hebammen am Limit ihrer Kräfte.

Das hat Folgen: Übervolle Kreißsäle führen dazu, dass der Druck auf Ärzte und Hebammen steigt. Das macht Kaiserschnitte wahrscheinlicher, und die sind medizinisch gesehen für Mutter und Kind riskant - laut einer großen Studie aus Dänemark sind Kinder später anfälliger für Asthma und Allergien.

Aber auch insgesamt sinkt die Qualität der Geburt. Frauen, die sich gut aufgehoben fühlen - zum Beispiel, weil sie vor, während und nach der Geburt von einer Hebamme begleitet wurden -, bringen ihre Babys laut einer großen Studie der Cochrane Pregnancy and Childbirth Group häu­figer ohne Zangen und an­dere Eingriffe zur Welt. Früh- oder Totgeburten sind seltener. Sie fühlen sich auch insgesamt besser, und das ist für die Gesundheit von Mutter und Kind nicht unbedeutend.

Wer viele Hebammen beschäftigt, muss dafür belohnt werden

Michael Abou-Dakn, der die Geburtenstation im St. Joseph Krankenhaus leitet, dem Haus mit den meisten Geburten in Berlin, sagt: "Die Qualität der Geburten lässt sich nicht nur in Zahlen wie zum Beispiel Sterblichkeitsraten messen. Eine gute Geburt ist es, wenn die Frau das später auch so empfindet."

Damit Geburten in Deutschland so gut werden, wie sie mit unserem Wohlstand und den technischen Möglichkeiten sein könnten, müsste sich die Finanzierungsgrundlage ändern: Wer viele Hebammen beschäftigt, muss dafür belohnt werden. Seit 2003 aber bekommt eine Klinik für jede Geburt (und auch jeden anderen Eingriff) einen Fixbetrag, der nur steigt, wenn Komplikationen hinzukommen. Die Frage, wie viel Personal beteiligt ist, spielt keine Rolle.

Dieses Finanzierungsmodell hat zum Beispiel in der Pflege zu so drastischen Personalkürzungen geführt, dass sich die Bundesregierung zuletzt genötigt sah einzuschreiten. Künftig soll in bestimmten Bereichen wieder festgelegt werden, wie viele Pfleger auf einer Station arbeiten müssen.

Warum nicht auch für die Hebammen? Bei ihnen ist die Situation gerade um eine Dimension absurder geworden: Laut dem Beschluss einer Schiedsstelle, die zwischen Krankenkassen und Hebammen vermittelte, sollen freiberufliche Hebammen nur noch zwei Geburten in einer Schicht betreuen dürfen. Bei der aktuellen Kreißsaalsituation würde das de facto bedeuten, dass Frauen bei der Geburt allein gelassen werden müssen oder die Hebammen sie unter der Hand und gratis betreuen.

Hebammen stehen für eine seltene Kunst: Die des Abwartens

Wo immer man im Gesundheitswesen spart, bei den Heb­ammen sollte man es nicht tun. In einem Land, in dem Ärzte zum Eingreifen neigen, stehen sie für eine seltene Kunst: die des Abwartens. In einem Land, in dem mehr Hüften und Knie operiert werden als in den meisten anderen euro­päischen Ländern und in dem auch überdurchschnittlich viele Kinder per Kaiserschnitt geholt werden, behalten sie den Blick auf die gesunde Frau. Und das Vertrauen, dass eine Geburt keine Krankheit ist und kein Notfall.

In Deutschland wird Schwangerschaft vorrangig als Gesundheitsgefährdung interpretiert, Geburten sind potenzielle Notfälle. Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung nehmen Schwangere deutlich mehr Tests und Unter­suchungen auf sich als medizinisch notwendig. Die Autorinnen der Studie vermuten, dass die vielen Untersuchungen Ängste bei der Geburt schüren und damit auch Kom­plikationen wahrscheinlicher machen.

Außerklinische Geburten sind in Deutschland die große Ausnahme - zum einen weil das Personal fehlt, aber auch weil sich immer weniger Frauen überhaupt noch eine unkomplizierte Geburt zutrauen. Dabei spricht bei einer normalen Schwangerschaft an sich wenig gegen eine Geburt zu Hause oder im Geburtshaus. Eine Geburt zu Hause ist bei einer unkomplizierten Schwangerschaft nicht riskanter als eine in der Klinik.

Der Beginn eines Lebens ist eine gesellschaftliche Angelegenheit

Doch Michael Abou-Dakn sagt: "Alles, was in Berlin in den letzten Jahren an Geburten dazugekommen ist, spielt sich in den Perinatal­zentren ab. Die Paare wollen in die Klinik." Der Wunsch, die Verantwortung bei Bedarf an medizinisches Fachpersonal abgeben zu können, gehört auch zur selbstbestimmten Geburt. Doch einige teure Urteile gegen Hausgeburtshebammen haben deren Haftpflichtversicherungskosten in die Höhe schießen lassen. Auch so wird die Wahlfreiheit eingeschränkt.

Der Beginn eines Menschenlebens ist nicht nur Privatsache, sondern eine gesellschaftliche Angelegenheit. Je sicherer sich Eltern fühlen, desto eher gelingt ihren Kindern ein guter Start. Von Eltern wird heute erwartet, dass sie sich finanziell, emotional und zeitlich ins Zeug legen, um ihren Kindern einen optimalen Start zu ermöglichen.

Wie wäre denn eine Gesellschaft, die sich für den Lebensstart genauso ins Zeug legt - und zwar nicht nur mit exzellenter Säuglingsversorgung, sondern auch mit exzellenter Mütterversorgung? Ich glaube, das wäre genau die Art von Gesellschaft, die sich jeder von uns für seine Kinder wünscht.

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