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Geburtenrate und Kinderbetreuung:Mehr Kitas, mehr Kinder

Kita

Beispiel München: Hier ist die Nachfrage nach Betreuungsplätzen riesig. Gäbe es mehr Angebote, könnte sich das auch auf die Zahl der Geburten auswirken.

(Foto: Inga Kjer/dpa)

Klappt der Kita-Ausbau, ist der Alterungsprozess der Bundesrepublik gestoppt. Oder so ähnlich. Wissenschaftler wollen erstmals einen Zusammenhang zwischen Betreuungsangeboten und Geburtenrate festgestellt haben. Um etwas über deutsche Mütter herauszufinden, blickten sie nach Belgien.

Die Kinderfeindlichkeit der deutschen Wirtschaft? Das Karrierebewusstsein der Frauen? Das abschreckende kulturelle Leitbild der "guten Mutter" und Hausfrau? Woran es liegt, dass in Deutschland die Geburtenrate auf 1,3 herumdümpelt und die Bundesrepublik damit zur ältesten Nation in der EU geworden ist, darüber streiten sich Familienpolitiker, Feministinnen, Frauenverbände und Journalisten und andere seit Jahren. Eine Studie des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung liefert jetzt einen Hinweis: Dass es an Nachwuchs mangelt, liegt demzufolge am Betreuungsmangel.

Schuld sei nicht die deutsche "Kultur der wenigen Kinder", sondern "Defizite in der Familienpolitik", heißt es in der Pressemitteilung zu der Untersuchung. Deren Ergebnisse haben die Autoren Sebastian Klüsener und Michaela Kreyenfeld in der Fachzeitschrift "Population and Development Review" veröffentlicht. Den Wissenschaftlern zufolge gelang es in der Studie erstmals, "die Einflüsse von Kultur und Politik auf die Fertilitätsentwicklung zu trennen".

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Die Geburtenrate bei deutschsprachigen Belgierinnen liegt deutlich über der in Westdeutschland.

(Foto: demogr)

Kreyenfeld und Klüsener analysierten die Geburtenrate im deutschsprachigen Landesteil Belgiens. Diese 75.000 Menschen umfassende Gruppe ist demnach fest in der deutschen Kultur verankert - von der Alltags- und Schulsprache bis hin zum Konsum von Massenmedien. Dennoch bekommen die deutschsprachigen Belgierinnen mehr Kinder als westdeutsche Frauen. Während in unserem Nachbarland die durchschnittliche Kinderanzahl bei 50-Jährigen zwischen 2005 und 2009 bei 1,88 lag, war dieser Wert hierzulande mit 1,65 deutlich niedriger.

Das Fazit der Forscher: "Wären kulturelle Normen ausschlaggebend für die Geburtenrate, müsste sie in der deutschsprachigen Region Belgiens ähnlich niedrig wie in Deutschland sein", sagt Klüsener. Da dem nicht so sei, schlussfolgert er, müsse die Kinderbetreuung die entscheidende Rolle spielen. Sie ist in Belgien seit den 1950er Jahren massiv ausgebaut worden. "Das belgische Betreuungssystem scheint potentielle Eltern in der Entscheidung für ein Kind zu unterstützen, weil es die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtert."

Wie in den meisten entwickelten Ländern sank die durchschnittliche Zahl der Kinder, die Frauen zur Welt bringen, auch in Belgien massiv. Im Unterschied zu Deutschland ging dort jedoch vor allem die Zahl der Frauen zurück, die drei oder mehr Kinder zur Welt bringen. Der Rückgang der Geburtenrate ist den Max-Planck-Forschern zufolge in unserem Nachbarland momentan gestoppt.

© Süddeutsche.de//leja/vs/jab

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