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Geburtenrate:Es ist gesellschaftlich gerade durchaus hoch angesehen, Kinder zu haben

Türkische Frauen haben in Deutschland 2015 erneut weniger Kinder bekommen als in den Jahren zuvor. Und bevor deutsche Frauen in ein Rentensystem einzahlen konnten, war die Geburtenrate aus heutiger Perspektive ebenfalls extrem hoch.

Der letztjährige Geburtenanstieg unterscheidet sich also vom Wachstum in den Jahren zuvor, zu dem in erster Linie Frauen mit deutscher Staatsbürgerschaft beigetragen haben. Deren Geburtenverhalten stagnierte 2015, nachdem es zwischen 2012 und 2014 erstmals seit vielen Jahrzehnten leicht angestiegen war.

Der Stolz der jungen Eltern ist unübersehbar

Womit man bei den Spekulationen über die Wirkung des Elterngeldes wäre: Natürlich hat sich die gesellschaftliche Gesamtstimmung in Bezug auf Kinder in den letzten zehn Jahren verändert. Väter laufen heute ganz selbstverständlich mit Babys vor die Brust geschnallt durch ihre Elternmonate, und Mütter kämpfen lautstark gegen jedes vereinzelte Stillverbot, das einem verrückten Restaurantbesitzer doch wieder rausgerutscht ist. Es ist gesellschaftlich gerade durchaus hoch angesehen, Kinder zu haben, und der Stolz der jungen Eltern ist unübersehbar.

Politische Entscheidungen haben diese Stimmung gewiss beeinflusst, aber es gibt auch andere Gründe. Menschen, die heute Kinder bekommen, gehören zum Beispiel einer Generation an, die sich mit Sicherheiten und Stabilität generell viel weniger schwertut, als es zumindest den unmittelbar vorherigen Generationen zugeschrieben wird. Mit dem Argument, keine Kinder zu wollen, weil das individuelle Freiheiten einschränken könnte, dürfte man heute bei einer Abendessenseinladung von um die 30-Jährigen zumindest einen mittleren Shitstorm auslösen.

Man könnte den Gedanken also auch umdrehen: Obwohl gerade viele Menschen zuwandern, die verhindern könnten, dass Deutschland ausstirbt, obwohl es das Elterngeld und noch mehr Familienpolitik gibt und obwohl sich die gesellschaftliche Gesamtstimmung zumindest unter den Jahrgängen, die gerade Familien gründen, kinderfreundlich entwickelt hat, wächst die Geburtenrate nur schleppend. Jede Prognose bleibt unsicher. Mit 1,5 Kindern pro Frau liegt die Zahl noch immer weit unter dem Niveau von 2,1 Kindern, bei dem Geburten und Todesfälle ausgeglichen wären.

Der Drogeriemarkteindruck zu den vielen Kinderwagen im Land ist also zum einen richtig, zum anderen täuscht er, falls es wirklich darum ginge, die Deutschen davon abzuhalten, zwar nicht auszusterben, doch weniger zu werden. Wobei die Frage offenbleibt, was genau daran so schlimm wäre.

© SZ vom 18.10.2016/dayk
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