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Gamescom:Er will doch nur spielen

Gamescom 2019 Press Day

An die 400 000 Gamer wurden in diesem Jahr auf der Kölner Messe erwartet.

(Foto: Lukas Schulze/Getty Images)

Der Sohn unseres Autors hockt stundenlang vor dem Computer, sein Vater ist besorgt. Eine gemeinsame Reise auf die Gamescom soll die Frage klären: Wer von uns beiden ist hier eigentlich verrückt?

Sie hat blaue Haare und trägt schwarz-rot-goldene Hey-guck-mal-Stiefel, die sich fast über die Knie schieben. Gleichzeitig schiebt sich das Röckchen ständig nach oben, so dass sie es immer wieder runterziehen muss. Dabei bringt sie auch den anderthalb Meter langen buschigen Schwanz in Form, der dem Röckchen heckseitig entwächst. Ihr Begleiter, wie sie dürfte er höchstens Anfang zwanzig sein, ist dafür der schwarze Muskel-Lord: schwarze Sneaker, schwarze Jeans, schwarzes Shirt mit dem Aufdruck "Play until you die".

Offenbar fängt die weltweit größte Computerspielmesse Gamescom schon im Parkhaus P22 an. Das Auto, dem der schwarze Gaminglord und die blaue Gamingkatze an diesem ersten Publikumstag entsteigen, kommt aus Wermelskirchen, knapp vierzig Kilometer nordöstlich von Köln. "Das also", denke ich, "sind die neuen Spielgefährten meines Sohnes." In weltweit wie verrückt herumgereichten Computerspielen wie "Fortnite", bei dem die reale Spieler als E-Gamer und Popstars 2.0 mittlerweile Millionen verdienen können. Während die Spielemacher von Anfang an ganz sicher Milliarden einstreichen, weiß man ja nie so genau, wer neben einem über dem royalen virtuellen Schlachtfeld abgeworfen wird. Später in den Messehallen wird immer wieder eine Frage mikrofonverstärkt über das Areal tosen: "Wollt ihr spielen?" Dann brandet die Antwort vieltausendfach euphorisiert zurück: "Yeah! Wir wollen spielen."

Gamescom An die Controller, fertig, los - Großer Andrang bei Gamescom Video
Computerspiele

An die Controller, fertig, los - Großer Andrang bei Gamescom

In Köln hat die Gamescom ihre Türen geöffnet, tausende Fans strömten auf die Spiele-Messe. Im vergangenen Jahr kamen 370 000 Besucher.

Überall auf dem Gelände sind Ohrstöpsel zu haben, und das völlig zu Recht

Mögen die Spiele beginnen. Als erstes mache ich ein Katzenbild von der Katzenfrau mit dem Handy - und Leonard, 14 Jahre alt, rollt peinlich berührt mit den Augen und nuschelt etwas in Richtung "Datenschutz" und "Persönlichkeitsrechte". Mein Sohn, aber dies nur nebenbei, erklärte neulich, er wolle beruflich E-Gamer werden und hätte nicht vor, aus dem Kinderzimmer auszuziehen. Solange das Internet dort funktioniert. Heute findet er jedenfalls eher mich, einen 56-jährigen Nichtgamer, seltsam, als dass er das seltsame Gamerpaar seltsam fände, das sich vor uns zupfenderweise und dunkellordhaft auf die Messehallen hinter dem Rheinpark zubewegt. Spiele bis du stirbst. So ist das also.

An die 400 000 Besucher, "Gamer" sagt Leonard, genannt Lelo, vielleicht auch demnächst E-Lelo, dazu, werden noch bis zu diesem Wochenende nach Köln pilgern. Ins Herz einer Branche, die es mit den nackten Umsätzen der Pornoindustrie und den ikonischen Chiffren der Waffenindustrie aufnehmen kann. Auf der Suche ist man hier nach "Final Fantasy" Teil VII, anderen Cosplayern, neuen Youtubern und E-Sport-Turnieren oder auch nach Spielen, die zum Beispiel einfach "Maneater" heißen. Manche Gamer werden stattdessen Jesus finden, der mit einem Pappschild in der Hand die Massen der Spielenden teilt wie Moses einst das Rote Meer. Auf dem Schild steht, man solle sich Jesus anschließen. Mir ist nicht klar, ob das ein Spiel ist oder heiliger Ernst.

Während ich noch grüble, ob die Gamescom wohl der Ort ist, den Friedrich Schiller meint, wenn er sagt, dass der Mensch nur dort ganz Mensch ist, "wo er spielt", steckt mir ein Mann, der aussieht, als habe er die längste Zeit seines Lebens als Söldner in diversen Kriegen gelebt, einen 100-Dollar-Schein zu. Es sind "Ork Bucks", die man erhält, sollte man sich als "Trooper Roleplayer" der "Tigerland Action Force" anschließen. Dann verzieht sich der Söldner wieder unter sein Tarnnetz zum gepanzerten Wagen in Sandfarbe. Überhaupt geht es ziemlich martialisch zu auf dieser Messe, die womöglich nicht jene Messe ist, die Jesus gerne feiern würde. Einer trägt ein Shirt mit der Aufschrift "Ich hasse Menschen". Hm. Spricht das eher für oder gegen die Gaming-Community?

Ich weiß gerade nicht mehr so recht, ob ich auch nur halbwegs ein guter Vater bin

Überall, und zwar völlig zu Recht, sind Ohrstöpsel zu haben. Ohrstöpsel und Kartonkisten zum Draufsitzen. Die Schlangen vor den Spieleneuheiten sind lang, zäh und geduldig. "Ab hier eine Stunde Wartezeit" belehrt ein Schild. Dahinter hat es sich eine Gamerin auf dem Boden gemütlich gemacht. Aus einem Beutel zieht sie ein Buch. Es heißt "Das Vermächtnis der Grimms". Schade eigentlich, dass es nicht der unter besorgten Eltern gern herumgereichte Sorgenbestseller "Digitale Demenz" von Manfred Spitzer ist. Untertitel: "Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen".

Aber vielleicht kennt sie es ja. Oder ihre Eltern. Das Mädchen, das hier auf der Messe vielleicht Einlass begehrt zu "Zombie Busters", "Stormborne" oder "Little Nightmares 2", ist dem Aussehen nach noch ein Teen. Der Psychiater und Talkshow-Liebling Spitzer, dessen Thesen bei vielen Wissenschaftlern - freundlich gesagt - auf einigen Widerstand stoßen, schreibt über sie, Lelo und andere ab Seite 292 den gern und oft zitierten Satz: "Computerspiele machen dick, dumm, gewalttätig und stumpfen ab. Als sechsfacher Vater weiß ich, wie schwierig es manchmal sein kann, seinen Kindern Grenzen zu setzen. Wer das aber nicht kann oder nicht will, der ist kein guter Vater und keine gute Mutter."

Genau das ist der Punkt, also der Grund, warum ich hier bin, in der mir rätselhaften Welt der Gamer. Als dreifacher Vater weiß ich nämlich gerade nicht mehr so recht, ob ich auch nur halbwegs ein guter Vater bin.

Unser Sohn liebt Fortnite. Fortnite. Und Fortnite. In dieser Reihenfolge.

Zwar haben wir uns als Familie gestern vor dem Messetag noch analog gebattlet und werden den Tag brav vor Gerhard Richters Südfenster im Kölner Dom beschließen, aber: Sind täglich eine bis anderthalb Stunden vor dem Computer, die unweigerlich aus Lelo ein dickes, dummes, gewalttätiges und stumpfes Monster namens E-Lelo machen müssen (und aus mir einen Vaterversager) des Bösen zuviel? Und was ist das eigentlich für eine Welt, in die sich das angehende Monster so gern versenkt?

Die analoge Battle, die am Abend vor der ersehnten Fortnite-Demonstration am Razer-Stand (so eine Art Apple unter den Gaming-Hardware-Herstellern, erklärt man mir) noch im gelegentlich intakt erscheinenden Familienkreis gespielt wird, heißt übrigens "Stadt, Land, Fluss". Es kommt noch ohne den Exo-Gaming-Seat von Recaro inklusive Lordosenstütze, Anti-Submarining-Hügel und atmungsaktiver Sitzschale aus. Jedenfalls solange Lelo unter "Gewässer" beim Buchstaben "G" noch die "Gurk" als Kärntner Fluss triumphal ausspielt. 15 Punkte dafür. Wollt ihr spielen? Aber immer. Until ... du weißt schon.

Als Familie würde ich, einerseits Gaming-Ignorant, der über "Tetris" kaum hinausgekommen ist und Super-Mario praktisch noch persönlich kennenlernen durfte, der andererseits von etlichen Debatten im Bekanntenkreis sorgenvoll beunruhigt wird, als Familie würde ich uns als relativ normal beschreiben: Die 20-jährige Tochter studiert und liebt Sport in jeder Form ohne "E"; der 17-Jährige macht bald Abitur und weiß noch nicht, ob er später Anwalt oder Fußballexperte werden soll. Und Lelo: liebt Fortnite. Fortnite. Und Fortnite. In dieser Reihenfolge. Daher machen wir uns Sorgen. Obwohl er Fußball und Tennis spielt und ein ganz ordentlicher bis guter Schüler ist.