Dieser Text stammt aus dem Familien-Newsletter der „Süddeutschen Zeitung“, der jeden Freitagabend verschickt wird. Hier können Sie ihn abonnieren.
Liebe Leserin, lieber Leser,
das Wichtigste in der Erziehung, so bekommt man es ständig und von allen Seiten eingeflüstert, sobald man sich ein Kind zulegt, sei Konsequenz. Klare Regeln, klare Kanten – damit die lieben Kleinen wissen, woran sie sind. Damit Entscheidungen nicht willkürlich erscheinen, damit so manche Konflikte gar nicht erst entstehen. Mal soll das Zimmer aufgeräumt sein, mal ist Chaos okay – ist doch nur verwirrend.
Und damit zum Sport: Wer Kinder hat, die sich auch nur am Rande für diese in den USA, Mexiko und Kanada stattfindenden Fußball- beziehungsweise Kommerzfestspiele, wie mein Kollege Holger Gertz analysiert hat (SZ Plus), interessieren, dürfte sich in der Konsequenzfrage gerade so fühlen wie in einem alten Gameboy-Spiel im schwersten Level: Von links und rechts greifen kleine Monster an, ständig droht der Boden durchzubrechen, durch die Luft schwingen Abrissbirnen, denen man ausweichen muss – und da hinten wartet schon der fiese Infantino, der Endgegner.
Bei der Trikot-Frage ging es noch einigermaßen: „Kann ich das von Deutschland haben?“ Nein, wir haben bereits so viele. „Dann das Auswärtstrikot?“ Nein! „Das von Norwegen?“ Ingen! „Curaçao?“ No, nò und nee! Schwieriger ist die Frage, ob man seine Kinder spätabends die Spiele schauen lässt. Das SZ-Familientrio gibt dazu gute Tipps (SZ Plus). Wir hatten uns daheim die Regel gesetzt: Wichtige Spiele um 19 Uhr sind okay, bei sehr, sehr wichtigen Spielen zu späteren Zeitpunkten die erste Halbzeit, wenn am nächsten Tag nichts Wichtiges in der Schule ansteht. Diese Regel haben wir bereits gebrochen. Sammelkarten oder gar Paninisticker, wie sie wahre Fans für teures Geld in ihre Alben kleben (SZ Plus)? Puh. Hier hatte der Familienrat beschlossen, verbindlich nur EINE Möglichkeit zu nutzen, das Taschengeld der Fifa und ihren Lizenznehmern in den Rachen zu werfen. Nur war das vermaledeite Sammelkartenalbum dann so schnell voll. Nun halt auch noch Sticker. Und die DFB-Elf-Karten, die es gibt, wenn Papi den Umweg zur nächsten Filiale der einen Supermarktkette macht und dort noch die teurere Flasche Wein kauft, um die Gesamtsumme auf dem Kassenzettel hochzutreiben und so noch ein zweites Päckchen ... „Und schau mal, Papi – da sind auch Sticker hinter den Etiketten von Colaflaschen, Mami trinkt doch so gerne ...?“
Na gut, dafür sind wir halt bei anderen Versuchungen umso konsequenter. Um die zu erwartenden Diskussionen zu vermeiden, ob die Kinder auf dem Smartphone mal kurz checken können, wer nach dem Spiel eben in der familieninternen Tipprunde vorne liegt, wurde von Anfang an glasklar kommuniziert: Da guckt nur der Vater rein! Und das tut er nun. Ganz konsequent und vor allem: ständig.
Ich wünsche Ihnen gute Nerven in diesem heißen Fußballsommer,
Moritz Baumstieger

