Freddie Mercury Die Spandex-Königin

Queens Leadsänger war eine Mischung aus Ledermacho und Ballerina. Und nichts passte besser an diesen Leib als die knackenge Plastikhose.

Von Christoph Gröner

Freddie Mercurys ultimativer Abgang von der Bühne 1991 war ein Schock. Aids. Sein Leben mit dem HI-Virus hatte er jahrelang verheimlicht. "The Show must go on", sang er noch auf der letzten zu seinen Lebzeiten veröffentlichten Queen-Platte. Und wenn ihn bei den Studioaufnahmen dazu Schmerz und Schwäche übermannten, ließ er sich mit Knieproblemen entschuldigen. Das Gesundheitliche war, very british, privat, das Intime bis zum letzten Moment Verschlusssache. Einen Tag vor seinem Tod am 24. November 1991 erfuhr die Öffentlichkeit von seiner Krankheit.

Freddie Mercury

Oh Mamma Mia, let him rock

Dass er sie stets verschwieg, zeigt, wie sehr er Privates und Bühnenperson trennte, wie sehr sich Freddie Mercury von seinem bürgerlichen Ich Farrokh Bulsara, dem 1946 auf Sansibar geborenen Mann, in der Öffentlichkeit losgesagt hatte.

Der Nachwelt bleibt vor allem das öffentliche Bild aus den achtziger Jahren in Erinnerung: Ein Rocktier, mit Oberlippenbart, Brustfell und stets angespannten Arschbacken. Die Hybris in Person. 250.000 Zuschauer hatten Queen in Rio 1985, ihre ersten "Greatest Hits" sind noch immer das meistverkaufte britische Album vor den Beatles.

Was vor allem an Mercury liegt, an seiner Vier-Oktaven-Stimme und seinem Bühnenauftritt. Als die Band nach seinem Tod spielte, machte die Mischung aus Rock und Oper und Kitsch keinen Spaß mehr. Zu Lebzeiten krönte sich Mercury am Ende vieler Konzerte gern selber - Ironie und Pathos in einem.

Er war Projektionsfläche pur, schillernd zwischen Ledermacho und Primaballerina. Im Bandnamen Queen hielt sich der Pomp des Empire und der zweite Wortsinn, Tunte, die Waage. Nicht weniger ambivalent waren Mercurys Bühnenallüren. Und trotzdem waren seine Posen so offen, dass er als heterosexuelles Sexsymbol durchging.

Die Spandexhose passte genau an diese Nahtstelle: Weiblich einerseits, zugleich so männlich, dass es kräftig über der Schlüpferzone spannte. Dazu seine Bewegungen: Trippelschritte, Pirouetten, Drama, Baby, Kopf in den Nacken, Fuß anwinkeln.

Und doch ist die bekannteste Pose wieder Macho pur: Der Blick zum Himmel, eine Faust gereckt, und die Beine breit gespreizt. "We are the champions", dachten alle Fans. So zeichenhaft stand er da, verlängert mit seinem unverwechselbaren Mikrofonständer, dass ihn auch Zuschauer 70.001 in Wembley, Tokio oder Rio noch genau spürte. Bei "I want to break free" konnte er sich sogar Plastikbrüste umschnallen - das Lied blieb für viele Leute doch ein Freiheitssong. Mercury schlug stets den ganz großen Assoziationsbogen und alle zogen sich raus, was sie wollten.

Im Gegensatz zu den androgynen Bühnenwesen eines David Bowie, die stets Kühle abstrahlten, drehte Freddie Mercury das weibliche wie das männliche Posing extrem hoch, warf Kusshände, ballte Fäuste, war der "Great Pretender".

Das Spandex fügt sich gut in dieses Leben, das möglichst wenig Reibungswiderstand zulassen wollte und möglichst viel Ausschweifung. "Kamikaze" war ein vielgebrauchtes Wort, wenn es um Mercurys Eskapaden ging. In den achtziger Jahren hat er sich auch in München ausgelebt: Das Video "Living on my own", gedreht an Mercurys 40. Geburtstag, zeigt, wie es in der schwulen Szenekneipe Henderson damals abging.

Peter Fresstone, die rechte Hand des Sängers bis zu seinem Tod, hat 2006 gesagt, dass Mercury oft selber über seine extravaganten Outfits lachte. "Bevor Freddie auf die Bühne ging, schaute er in den Spiegel und sagte: "O Gott, wie sehe ich heute wieder aus!" Er nahm seine Musik ernst, aber nie sich selbst."

Mercury setzte trotzdem selten auf das extreme Crossdressing anderer Glamikonen. Auch der Spandex- und Dauerwellen-Overkill anderer Rockbands war nicht sein Stil. Es war immer dazwischen, Kerl und Weib, und letztlich so seltsam geheimnisvoll, dass er damit verschiedenste Menschen ansprach. Als Junge wollte Farrokh Bulsara Designer werden - und gestaltete sich perfekt selbst. Elastan half ihm dabei, eine äußerst dehnbare Kunstfaser - das war Freddie Mercury auch.

Das Original ist vom Verfall bedroht. Mercurys rote Hosen im Lederlook (aus Baumwolle überzogen mit Polyurethan) wurden in England restauriert, viele seiner Hosen waren Maßanfertigungen. In Fanshops finden sich heute außergewöhnlich hässliche "We will rock you"-Hosen - keine Empfehlung! Künftige Rocker sollen eher auf Enge und hohen Spandex-Anteil in der Jeans achten. So extravagante Outfits wie die von Mercury sind eigenlich nur auf Glam-Parties zulässig. Wer sich dann die Brust rasiert, ist selber schuld.