Gleichstellung der Geschlechter Bei jungen Frauen steigt die Ungeduld

Demonstration in Zürich während des Schweizer Frauenstreiks.

(Foto: REUTERS)

Die Frauenproteste in der Schweiz senden ein Zeichen auch nach Berlin oder Paris: Wer das Versprechen der Geschlechtergerechtigkeit nicht einlöst, wird unglaubwürdig.

Kommentar von Isabel Pfaff

In der Schweiz ist am Freitag etwas Großartiges gelungen. Es sind nicht nur Hunderttausende Frauen auf die Straße gegangen und haben ein kraftvolles Zeichen für Geschlechtergerechtigkeit gesetzt. Wenn junge Frauen mitten auf dem Berner Bundesplatz in aller Seelenruhe das Wort "Vulva" auf ein riesiges Plakat pinseln, wenn sie stolz eine lila Gebärmutter als Symbol ihres Protests in die Höhe halten, wenn sie sich lautstark über die hohe Besteuerung von Tampons ärgern: Dann wird Weiblichkeit neu bewertet. Und Feminismus zu einer Haltung, die Mädchen und junge Frauen selbstbewusst für sich reklamieren.

Das ist nicht banal. Die Diskriminierung von Frauen basiert nicht zuletzt darauf, dass Menschen, Mädchen wie Jungen, von klein auf immer noch häufig mit der Botschaft aufwachsen, das Weibliche sei weniger wert als das Männliche. Wenn nun junge Schweizerinnen mit dem Gefühl dieses besonderen Wochenendes ins Erwachsenenleben starten, wird sich etliches vielleicht schneller ändern, als es vielen heutigen Erwachsenen lieb ist.

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Leserdiskussion

Frauenstreik - gelingt so Gleichberechtigung?

"Mann und Frau sind gleichberechtigt." So steht es seit dem 14. Juni 1981 in der Schweizer Verfassung. Im Jahr 2019 bedeutet das: Männer verdienen durchschnittlich ein Fünftel mehr als Frauen. Deshalb legen heute Nachmittag hunderttausende Schweizerinnen ihre Arbeit nieder.

Dass es in der Schweiz Änderungsbedarf gibt, haben die Streikenden mit ihrem Protest gezeigt. Schweizerinnen können Beruf und Familie nur schwer verbinden, es gibt keine gesetzliche Elternzeit wie in Deutschland, nur 14 Wochen Mutterschaftsurlaub - plus einen Tag für die Väter. Die öffentliche Hand beteiligt sich außerdem wenig an den Kosten für Kitas und Betreuungsangebote, die Plätze sind deshalb knapp und teuer. Ein Unicef-Ranking der reichsten Staaten zum Thema Familienfreundlichkeit verweist die Schweiz in Europa auf den letzten Platz. In den politischen Institutionen des Landes sind Frauen deutlich unterrepräsentiert, der Frauenanteil in den Geschäftsleitungen großer Schweizer Unternehmen liegt bei nicht einmal zehn Prozent.

Kampf um Gleichberechtigung ist eine Jahrhundertaufgabe

Doch auch wenn die Schweiz in puncto Gleichstellung anderen europäischen Staaten hinterherhinken mag: Kaum ein Land kann sich entspannt zurücklehnen, wenn es um Frauenrechte geht. Der Kampf um Gleichberechtigung ist eine Jahrhundertaufgabe, und er ist auch in Deutschland, Frankreich oder Schweden noch nicht gewonnen. Ein paar Beispiele: In Deutschland ist die Lohnungleichheit mit 21 Prozent höher als in der Schweiz. 100 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts sind die Abgeordneten im Bundestag zu knapp 70 Prozent männlich. 67 Prozent der Vorstandsgremien deutscher börsennotierter Unternehmen sind ausschließlich mit Männern besetzt. Und vor wenigen Tagen wurden in Berlin zwei Gynäkologinnen dafür verurteilt, dass sie auf ihrer Internetseite ausweisen, mit welchen Methoden sie Schwangerschaftsabbrüche vornehmen.

In Frankreich ist die Betreuungsinfrastruktur für Kinder zwar gut und der Frauenanteil im Parlament hoch, dafür klagen viele Französinnen über Dauererschöpfung. Der Grund: Zusätzlich zum Beruf übernehmen sie 70 Prozent der Hausarbeit und 65 Prozent der Kindererziehung. In Italien ist die Beschäftigungsquote von Frauen so niedrig wie fast nirgends in Europa, viele rutschen deshalb in Altersarmut. Polen debattiert über eine Verschärfung des ohnehin schon strengen Abtreibungsgesetzes. Und in Schweden, dem Musterland in Gleichstellungsfragen, berichten Frauen genauso über sexuelle Übergriffe wie ihre Geschlechtsgenossinnen überall auf der Welt.

Wenn es aber all diesen reichen, demokratischen Staaten nicht gelingt, Frauenrechte umfassend umzusetzen - wer soll es dann schaffen? In weniger privilegierten Teilen der Welt kämpfen die Menschen mit ganz anderen Problemen, oft fehlt es an den grundlegendsten Gesetzen zum Schutz von Frauen. In Europa oder Nordamerika haben Staaten dagegen die Mittel, die es braucht, um ihre Gesellschaften gerecht zu gestalten: Geld, funktionierende Institutionen und eine wachsame Zivilgesellschaft, die sich kritisch äußern darf, ohne deswegen in Schwierigkeiten zu geraten. An vielen Stellen geschieht trotzdem nichts, oder es geschieht viel zu langsam. Das ist beschämend, schließlich ist die Gleichstellung der Geschlechter ein altes Versprechen.

Doch wer seine Versprechen zu lange nicht einlöst, wird unglaubwürdig. Das erfahren die Eliten in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gerade beim Thema Klima, vielleicht erfahren sie es nun auch von den Frauen. Wer den jungen Feministinnen in der Schweiz am Freitag zugeschaut hat (und auch ihren männlichen Begleitern), erhält einen Eindruck von der Ungeduld, die in dieser Generation herrscht. Der Frauenstreik dürfte diese Ungeduld noch befeuern. Es sieht nicht so aus, als würde diese Bewegung rasch erlahmen.

Auch vielen anderen Ländern ist so ein Frauenstreik zu wünschen - mitsamt der dringend nötigen Aufwertung all dessen, was als typisch weiblich gilt: sogenannte Frauenberufe, Care-Arbeit, Kooperation und Rücksicht statt Egoverhalten. Vielleicht schafft es die sogenannte entwickelte Welt dann, Frauen endlich zu all ihren Rechten zu verhelfen.

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