Süddeutsche Zeitung

Altern:Zu schön, um alt zu sein

Unzählige Bücher erklären Frauen, dass nichts so glücklich macht wie das Altern. Da kann man schon mal misstrauisch werden.

Die verqueren Tage, an denen man anlasslos Bäh sagen will statt Guten Morgen und schon weiß, dass man nichts zum Anziehen finden wird, weil nur ein Stachelschwein-Outfit passend wäre. Und trotzdem, auf einmal neigt man plötzlich dazu, dieses anstrengende Chaos - im Kleiderschrank, im Leben - fast kostbar zu finden. Es macht einen weniger folgsam. Es fühlt sich an wie Rebellion.

Was ist passiert? Es könnte daran liegen, dass man sich mal kurz rein prophylaktisch und für alle Fälle ins Thema Wechseljahre einlesen wollte. (Voller Rätsel das Ganze: Warum litt die Mutter wie eine Katze im Hochsommer und die Tante gar nicht?) Und dann aus Buchhandlung, Bücherei und Internet mit einer eklig klebrigen Überdosis Feel Good zurückkam.

Es sind lauter lustige bunte Bücher in fröhlichen Farben über Frauen, die sich eigentlich nie besser gefühlt haben als mit Ende vierzig, Anfang fünfzig. Bücher mit munteren Titeln wie "Shades of Fifty", "Ich hatte mich jünger in Erinnerung - Lesebotox für die Frau ab 40", "Die Midlife-Boomer" "Wechseljahre? Keine Panik" oder "Ich bin immer noch heiß, es kommt jetzt nur in Wellen" (das sich dann als viel weniger dämlich als sein Titel erweist). Damit kein Missverständnis aufkommt: Es ist unglaublich wertvoll, dass Fakten über Hormone, Osteoporose, Vorsorge und überhaupt die Veränderungen im Körper so tabufrei geworden sind, dass man darüber reden kann; Wissen über den eigenen Körper ist das Wichtigste - Wissen, Erfahrungsaustausch sind lebensrettend. Aber darum ging es in den meisten Büchern nicht.

Oder jedenfalls nicht in erster Linie. Die erschütternd erfolgreiche Babyboomer-Generation hat die Selbstoptimierung verinnerlicht und ist anscheinend zur Strafe jetzt als Best-Ager umgeben von Ratgeberliteratur für, nun ja, erfolgreiches Altern. Das ist wenig überraschend, der Käufermarkt ist groß. Auch der luftige Lifestyle-Bestseller "How to be Parisian" hat ein altersgerechtes Spin-off bekommen. Spoiler: in "Older, but better, but older" darf das erste wirklich schockierend graue Haar ein Schamhaar sein. Anscheinend gibt es für die öffentliche Frau ab Mitte vierzig eine feste Rollenbeschreibung, nämlich die der gut gelaunten Superheldin im eigenen Leben.

Diese Bücher tun so, als würden sie sich hingebungsvoll um die Leserin kümmern. Sie sagen: Du musst nur durch die Hormonhölle, Baby, aber du wirst besser dadurch! Die Texte handeln davon, wie die Heldin endlich souverän wird, weil sie reifer ist und sich selbst gefunden hat; wie sie genau weiß, was ihr Stil ist. Wie sie Ordnung in ihrem Leben und ihren Beziehungen schafft, konsequent Sport macht oder wahlweise endlich schuldgefühlfrei faul sein kann, Dating-Portale ausprobiert und den besten Sex ihres Lebens hat oder zumindest eine beste Freundin, die ihn hat. Das macht schon was mit einem, wie man so sagt. Es macht misstrauisch. Misstrauisch bei so viel tollem Lebensgefühl. Danke, aber so gut wollte man sich eigentlich gar nie fühlen.

Dinner-Cancelling zum Figurhalten

Misstrauisch machen auch diese Sätze, dass man so alt sei, wie man sich fühlt, oder Lachen das Beste gegen Falten. So steht es logischerweise dann auch im Werbetext für Mimi Fiedlers angekündigtes Buch "Eigentlich wollte ich mich selbst entfalten". Todsicher findet sich früher oder später aber überall der Spruch von Bette Davis, dass Altwerden nichts für Feiglinge sei. Wie man es anstellt, lieber Feigling zu sein und nicht zu altern, steht nirgends.

Lösung: Eigentlich ist gar keiner alt. Frauenzeitschriften beteuern analog und digital, dass 50 das neue 30 sei und geben neben Tipps für jüngeres Aussehen gleichzeitig grausame Stilratschläge wie die Anschaffung von Pashmina-Schals, denn "sie lassen sich wunderbar überwerfen und kaschieren auch noch nicht mehr ganz so straffe Arme". Gern empfohlen wird auch ein wenig Botox oder Dinner-Cancelling zum Figurhalten - die Umschreibung für "finde dich damit ab, dass es nicht mehr jeden Tag Abendessen gibt".

Es werden also ganz so wie schon immer Anforderungen an Frauen formuliert, sie dürfen sich diesmal nur gern schon selber vorher gefunden haben. Was übrigens, wenn nicht? Wenn man mit 60 noch genauso verwirrt wäre vom Leben wie mit 30?

Vielleicht würde man dann irgendwann keine Pashmina-Schals tragen, sondern einen Seidenturban mit dicken Ohrringen oder einen zu kurzen, wunderschönen Rock, würde geäderte weiße Arme zeigen oder falsche Wimpern an faltigen Augen - so wie die Frauen in dem herrlichen Bildband "Advanced Style" von Ari Seth Cohen. Der Fotograf aus New York porträtiert sorgfältig gekleidete Frauen und ein paar Männer über 60 auf der Straße. Sie sind so unterschiedlich, dass keiner auf die Idee käme, sie als Leidensgemeinschaft zu betrachten, nur weil sie etwa gleich alt sind.

Bei manchen Frauen denkt man, dass sie sich mit Schrillem gegen das Nicht-mehr-gesehen-Werden stemmen, das gespenstisch reale Verschwinden älterer Frauen aus der gesellschaftlichen Wahrnehmung. Andere pflegen hingebungsvoll den Stil einer aus der Mode gekommenen Zeit, tragen zu viel Schminke oder Netzhandschuhe oder Eulenbrillen oder das Gewagteste: beiges Popeline! Aber sie sind da, und keiner kann sie daran hindern, so zu spinnen, wie sie wollen.

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SZ vom 18.01.2020/mpu/vs
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