Süddeutsche Zeitung

Kolumne La Boum:Quark

Lesezeit: 2 min

Es gibt Brot für Pessach, Ostereier und Ramadan-Zahnstocher: Unsere Kolumnistin über einen Supermarkt, der sie froh macht.

Von Nadia Pantel

Manchmal, wenn ich etwas in diese Zeitung oder in das ihr angeschlossene Internet schreibe, das grob den Gedanken formuliert, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlicher Überzeugung entspannt zusammenleben können, bekomme ich sehr zornige Zuschriften. Erzählen Sie das mal den Menschen in den Banlieues! Oder: Hoffentlich muss Ihren naiven Quark nie ein Terroropfer lesen!

Nun war es so, dass ich diese Woche mal wieder völlig naiv Quark kaufen wollte. Dafür ging ich in den nächstgelegenen Supermarkt. Dort lernte ich: Es ist gerade Ramadan, nächste Woche ist Ostern. Und das Pessachfest beginnt auch in wenigen Tagen. Ich habe das ungute Gefühl, dass das direkt wieder irgendjemandem den Puls in die Höhe treibt, aber in unserem Supermarkt kann man sich für muslimische, christliche und jüdische Feiertage gleichzeitig eindecken. Ich kann Ihnen diese schockierende Wahrheit leider nicht ersparen, aber Sie müssen nur fünf Meter in den Supermarkt reinlaufen, dann finden Sie direkt neben großen Ostereiern den Ramadan-Stand. Dort kann man unter anderem Zahnstocherdosen kaufen, auf denen "Eid Mubarak", also gesegnetes Fest, steht. Zwischen Zahnstochern und Osterschokolade wurde außerdem auch ein sehr hochprozentiges Bier geparkt, weil unser Supermarkt nicht sehr groß ist.

Ein Regal weiter, aus irgendwelchen Gründen zwischen veganen Reiswaffeln und Salami, stapeln sich Schachteln mit ungesäuertem Brot, auf denen "Spezialprodukt für Pessach" steht. Hebräische Schrift und "made in France".

Die Leute in meinem Viertel kaufen Brot für Pessach, Schokoladenhasen und Ramadan-Zahnstocher

Bin ich nun also falsch gewickelt, wenn mich dieser Supermarkt froh macht? Und das, obwohl ich Stunden und Tage in Terrorprozessen zugebracht habe und Frankreichs liebste Ach-du-Schreck-Banlieue Seine-Saint-Denis zehn Minuten Fußweg von meiner Haustür beginnt? Bin ich also unerträglich naiv, wenn ich denke: Ici, tout va bien. Hier, in unserem kleinen Supermarkt, ist doch alles in Ordnung.

Wenn es nach dem französischen Innenminister geht, dann eventuell ja. Der hat vergangenes Jahr in einer Talkshow gesagt, dass ihm das "kommunitäre Essen" in Supermärkten Sorgen mache. Dass es zwar irgendwie okay sei, wenn nicht alle immer nur Schweineschinken essen, dass es aber irgendwie problematisch sei, wenn man Supermärkten ansieht, dass sich die französische Gesellschaft innerhalb der vergangenen 60 Jahre verändert hat.

Und so kaufen die Leute in meinem Viertel Brot für Pessach und Schokoladenhasen und Ramadan-Zahnstocher, aber wenn an diesem Wochenende in Frankreich gewählt wird, dann stimmen ziemlich wahrscheinlich 30 Prozent für Parteien, die sagen, dass dieses Nebeneinanderher der Kulturen den Untergang der Zivilisation bringt. Das sind Wählerentscheidungen, die als radikal gelten, als wütend und verzweifelt. Interessanterweise aber nie als naiv. Aber gut, ich will nicht streiten. Ich wollte ja eh nur Quark kaufen. Obwohl, klemmt mir da nicht was zwischen den Zähnen? Sie finden mich im Ramadan-Starkbier-Regal.

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