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Frage der Woche:Warum bekommen wir Seitenstechen?

Und was tun wir dagegen? Nur durch die Nase einatmen und durch den Mund wieder aus?

Christian Wölbert

Da quält man sich in völliger Dunkelheit aus dem Bett und nimmt das Lauftraining wieder auf. Ringt den inneren Schweinehund nieder, fliegt die ersten Schritte in federnder Manier über den Kiesweg. Saugt die Morgenluft ein. Das fühlt sich prächtig an. Bis es nach ein paar hundert Metern plötzlich heftig im Bauch zieht - Seitenstechen. Jetzt geht das wieder los! Erst mal das Tempo drosseln. Doch die Euphorie vom Anfang ist verflogen, mit verkrampftem Gesicht schleppen wir uns durch den Wald. Woher kommt eigentlich dieses verflixte Seitenstechen?

Die kurze Antwort lautet: Es gibt, wie immer im Leben, mehrere Ursachen. Und welche davon die entscheidende ist, ist von Fall zu Fall verschieden. "Bei den meisten Sportlern spielen zwei bis drei Faktoren zusammen, bei den wenigsten Personen gibt es eine alleinige Ursache für das Seitenstechen", sagt Ella Lachtermann, Internistin und Sportmedizinerin an der Uni Mainz.

Lange Zeit stand die Milz im Verdacht, die alleinige Übeltäterin zu sein. Das Organ liegt in unserer linken Flanke zwischen Zwerchfell und Niere. Strengen wir uns an, brauchen unsere Muskeln mehr Sauerstoff. Die Milz zieht sich zusammen und presst mehr Blut in den Kreislauf. Daher sollen die Schmerzen kommen - nur zieht es oft auch rechts. "Theoretisch können die Schmerzen von der Milz bis auf die rechte Bauchseite ausstrahlen, das ist aber unwahrscheinlich", meint Lachtermann.

Die zweite Erklärung für die Pein: Wir sind selbst schuld, da wir vor dem Sport zu viel gegessen haben. Unser voller Magen drückt auf das Zwerchfell, das durch seine hoch-runter-Bewegung die Atemluft ansaugt - das Luftschnappen gerät zur schmerzhaften Prozedur. "In den zwei Stunden vor dem Training sollte man keine schweren Mahlzeiten zu sich nehmen", empfiehlt daher auch Sportärztin Lachtermann. Das Problem: Selbst ambitionierte Läufer, die direkt vor dem Sport nichts essen, bekommen manchmal Seitenstechen.

Die dritte Theorie: Wiederum sind wir selbst schuld, da wir unsere Sit-Ups vergessen haben. "Bauchschmerzen beim Lauftraining können auch durch Erschütterungen der inneren Organe auftreten. Starke Bauchmuskeln stützen diese besser", erklärt Lachtermann. Doch auch die Baucherschütterung sei keineswegs die alleinige Ursache des Seitenstechens.

Die vierte Erklärung hängt mit unserem Blutkreislauf zusammen. "Bei hoher Belastung benötigt unsere Muskulatur mehr Energie. Andere Organe werden vernachlässigt", erläutert Lachtermann. Das meiste Blut fließt beim Joggen in die Beine, für den Bauch - zum Beispiel für Zwerchfell, Darm und Leber - bleibt nicht mehr viel übrig. "Studien zeigen, dass die Durchblutung des Bauchraums bei hoher Belastung um bis zu 80 Prozent zurückgeht. Auch bei trainierten Marathonläufern führt diese Unterversorgung zu Schmerzen, bis hin zu Erbrechen und Durchfall", erklärt die Sportmedizinerin.

Doch wie genau hängen die verminderte Durchblutung und die stechenden Schmerzen zusammen? "Bei zu geringer Durchblutung entstehen Stoffwechselprodukte im Zwerchfell, die nicht mehr abtransportiert werden und unsere Nervenenden reizen", verdeutlicht Lachmann. Neben dem Atemmuskel Zwerchfell kämen aber auch Leber und Darm als Quelle der Schmerzen in Betracht.

Was kann man nun gegen das Seitenstechen unternehmen? Laufen ist Volkssport, bezüglich der besten Soforthilfe gibt es mindestens ebensoviele unterschiedliche Ansichten wie Freikirchen in den USA. Jeder erzählt etwas anderes, jeder hat "mal gelesen" oder "sich sagen lassen" wie sich die Stiche am besten bekämpfen lassen. Die gängigsten Theorien: Auf die Atemtechnik achten (durch die Nase ein-, durch den Mund ausatmen) oder pausieren und die Arme hochnehmen, dann mehrmals tief durchatmen. Manche empfehlen gar, bei rechtsseitigen Schmerzen beim Aufsetzen des linken Fußes feste auszuatmen - und umgekehrt.

Die Wirkung dieser Tricks dürfte weiterhin Ansichtssache bleiben. Gesichert sind nur zwei Abhilfen: Vor dem Laufen auf das Schnitzel verzichten und nach längeren Trainingspausen langsam wieder anfangen. Denn mit zunehmender Fitness verschwindet auch das Seitenstechen.

© sueddeutsche.de

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