Amtsdeutsch:Hallöchen!

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Amtsdeutsch: Das Fräulein vermittelt: Mitarbeiterin der Telefonzentrale von VW im Jahr 1962.

Das Fräulein vermittelt: Mitarbeiterin der Telefonzentrale von VW im Jahr 1962.

(Foto: Erich Andres/imago images / United Archives)

Vor 50 Jahren wurde das "Fräulein" offiziell abgeschafft. Lange galt die Anrede als piefig, jetzt wandelt sich der Begriff zur Marke.

Von Claudia Fromme

Wenn es lustig wird im Bundestag, versehen die Stenografen ihre Protokolle mit dem Begriff "Heiterkeit". Brüllkomisch muss es also zugegangen sein, als die FDP-Politikerin Dr. Dr. h. c. Marie-Elisabeth Lüders 1954 einen Anlauf nahm, das "Fräulein" als offizielle Bezeichnung für ledige Frauen abzuschaffen. Was haben alle gelacht. Der Antrag blieb erst einmal folgenlos, die Frauen kämpften weiter, und fast 20 Jahre später verkündete der damalige Innenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) am 16. Januar 1972 dann endlich die Anordnung: "Es ist an der Zeit, im behördlichen Sprachgebrauch der Gleichstellung von Mann und Frau (...) Rechnung zu tragen." Die Bundesrepublik schickte das "Fräulein" damit offiziell in den Orkus.

Seit 50 Jahren gibt es das "Fräulein" also nicht mehr in Formularen und Anreden von Behörden, zumindest im Westen der Republik. In der BRD hat das zwei Jahrzehnte länger gedauert als in der DDR. Da wurde die Verkleinerungsform bereits 1951 storniert. Mit ähnlichen Argumenten wie nebenan.

"Ach, Fräulein Haßelmann, nicht immer die gleichen Kamellen hier!"

Manche Banken adressierten gleichwohl bis tief in die Neunziger Kontoauszüge an "Fräulein" soundso, mit "Herrlein" schrieben die Geldinstitute aber nie jemanden an. Beim ewiggestrigen AfD-Politiker Stephan Brandner, 55, gibt es die Anrede natürlich weiterhin. "Ach, Fräulein Haßelmann, nicht immer die gleichen Kamellen hier!", rief er der Grünen-Politikerin Britta Haßelmann, 60, im vergangenen Jahr im Bundestag zu. Das war nicht so freundlich gemeint wie die Bitte der älteren Dame, die letztens in einem Münchner Wirtshaus das "Fräulein" herbeirief. Dazu passt ein Urteil des Frankfurter Amtsgerichts aus dem Jahr 2019. Eine Frau hatte ihre Vermieter verklagt, die hartnäckig "Fräulein" vor ihren Namen in den Putzplan im Hausflur schrieben. Die Anrede sei unhöflich, aber nicht ehrverletzend, wiesen die Richter die Klage auf Unterlassung ab. Das Alter der Eigentümer (beide um die 90 Jahre alt) müsse berücksichtigt werden, "Fräulein" meinten sie nicht despektierlich.

Zur Frau wurde man im Amtsdeutschen lange nur durch die Ehe. In der Regel wurde das "Fräulein" besonders betont, wenn es sich um eine arbeitende ledige Frau handelte. Das Fräulein vom Amt, Fräulein Lehrerin, Fräulein Regina zum Diktat! Wenn es heiratet, das war klar, wird es nicht mehr arbeiten, sondern Kinder hüten und für den Mann den Braten anrichten. Das befeuerte wiederum den Protest der emanzipierten Frauen. Viele wollten unbedingt Fräulein genannt werden, manche wollen es bis heute, um zu zeigen: Ich bin von keinem Mann abhängig. Die mit deutschen und französischen Auszeichnungen und Orden überhäufte Schriftstellerin Annette Kolb zum Beispiel bestand auf die Anrede, bis sie im Alter von 97 Jahren in den Sechzigern verstarb.

Auch wenn sich kaum noch eine Frau bewusst "Fräulein" nennt, in der populären Literatur und im Film lebt es weiter: Liselotte Pulver ist die sexy Betriebsnudel Fräulein Ingeborg in Billy Wilders "Eins, zwei, drei", Kinder fürchten die Schreckschraube Fräulein Rottenmeier in "Heidi". In den Achtzigern trat dann die Sängerin Frl. Menke auf den Plan, die für eine neue Generation stand, die gar nicht artig war. In der ZDF-Hitparade trat sie damals in einem sehr knappen Brautkleid auf, was dem Sender gar nicht gefiel. Zu viel Haut! Und sowieso eine Verunglimpfung der Ehe! Ein Jahrzehnt später ermittelte ein fragiles, aber ziemlich taffes Fräulein Smilla in Peter Hoegs Thriller. Und 2010 gründete sich das Frauenmagazin Fräulein, eine Ansage der Postmoderne an die Piefigkeit mit arty Layouts und ebensolchen Texten für "starke und selbstbewusste Frauen".

Ein Apfel, der "Fräulein" heißt? Klingt albern, Kenner schätzen die Sorte aber sehr

Ob auch das Deutsche Obstsortenkonsortium in Hollern-Twielenfleth diese Definition kennt? Das hat vor einem Jahr die Apfelsorte "Fräulein" auf den Markt gebracht, die, nun ja, besonders knackig und süß ist. Der Sortenname ist GS 66, aber so einen Apfel kauft ja kein Mensch, und darum erfanden Brand Manager den Namen, der eine Hommage sein soll an "die Generation junger Frauen, die sich im Leben behauptet". Puh. Ein Rückgriff, klar, auf das "Fräuleinwunder" in der Nachkriegszeit, das nicht zwingend für Feminismus stand. Aber dafür stehen die Apfelsorten Granny Smith und Pink Lady auch nicht. Das "Fräulein" ist dabei eine Entdeckung eines Obstbauern aus der Hildesheimer Börde. "Das Fruchtfleisch ist beim ersten Biss förmlich in meinem Mund explodiert!", schwärmt Gerd Sundermeyer, der "Fräulein"-Erfinder.

Die neue Sorte hat einen Hype unter Apfelkennern ausgelöst, und sowieso fällt auf, dass seit der Abschaffung der piefigen Anrede derart viel Zeit vergangen ist, dass viele sie freundlich-ironisch betrachten. Zuletzt haben sich jedenfalls erstaunlich viele Menschen ein "Fräulein" schützen lassen beim Deutschen Patent- und Markenamt. Neben dem krispen Apfel ist in dessen Datenbank zum Beispiel "Fräulein Grün" mit Naturkosmetik aus Berlin zu finden, das "Garten-Fräulein" bloggt von München aus, wo auch das Restaurant "Fräulein Wagner" beheimatet ist, hinter "Fräulein Prusselise" verbergen sich zwei Modedesignerinnen aus Trier, hinter "Fräulein von Elbe" ein Eisverkäufer aus Hamburg. Nur das "Fräulein vom Amt" wurde als Marke vor einem Jahr gelöscht. Eine Telekommunikationsfirma hatte sie sich schützen lassen. Vielleicht klang das doch zu sehr nach gestern.

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