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Foto-Reportage:Abfall für alle

Nirgendwo sind die Müllsammler kreativer als in Kairo. Ganze Familien leben davon, den Unrat auf Verwertbares zu durchkämmen.

Von Paul-Anton Krüger

Mariam hockt knietief im Müll. Die 15-Jährige kauert auf einem umgedrehten weißen Plastikeimer, in dem einmal Ketchup war. Vor dem Verschlag aus rohen Backsteinen quillt der Abfall aus blauen, schwarzen, roten Säcken. Anders als viele Frauen in Kairos Müllstädten trägt Mariam zumindest Stoffhandschuhe, sonst aber auch keinerlei Schutzkleidung, nur Jeans und ein schwarzes Oberteil. Wasserflaschen aus Plastik wirft sie in einen mannshohen Sack aus weißem Kunststoffgewebe zu ihrer Rechten, daneben sammelt sie Zahnpastatuben, Shampoo-Flakons und anderen Kunststoff. Dosen und Glas fliegen nach links, ebenso Pappe und Papier. Essensreste oder Bananenschalen landen hinter ihr, wo unter dem Wellblechdach die Hühner picken. Daneben gibt es einen Haufen mit Dingen, die sich nicht verwerten lassen: Windeln etwa, wie sie vor allem aus Ausländer-Haushalten kommen.

Es riecht säuerlich, faulig, vergoren, und noch ist es nicht einmal richtig heiß hier. Tausende Fliegen umschwirren Mariam und den Müll. Nebenan durchstöbern zottelige Ziegen zerfledderte Tüten nach Fressbarem. Mariam blickt nur kurz auf von ihrer Arbeit. Um sechs Uhr morgens hat sie angefangen, sagt sie. "Am Nachmittag gehe ich in die Schule." Unterricht in zwei Schichten ist nichts Besonderes in Ägypten, vor allem nicht in ärmeren Gegenden. Wieder schaut die junge Frau kurz auf mit ihren dunklen braunen Augen. Sie hat zwei Schwestern und einen Bruder, erzählt sie. Der macht eine Ausbildung. Er soll es einmal besser haben - besser als die Eltern. Sie sind einst vom Land gekommen, aus Oberägypten, auf der Suche nach Arbeit. Die meisten können weder Lesen noch Schreiben. Heute gehen auch die Mädchen zur Schule, wenn sie Glück haben. Aber sie heiraten früh; die Ehen sind in der Regel arrangiert innerhalb der Großfamilien oder zumindest der Gemeinschaft. Die große Mehrheit sind koptische Christen.

Plastikflaschen werden zu Chips geschreddert und nach China exportiert

Mehrere Hunderttausend Menschen in den sieben Müllstädten von Kairo leben von dem, was die Einwohner der 20-Millionen-Metropole wegwerfen. Auf 65 000 Bewohner wird allein die größte dieser informellen Siedlungen geschätzt, Manschijet Nasr, die am Fuß der Mukattam-Berge im Osten der Hauptstadt liegt. Morgens um fünf schwärmen die Männer aus mit ihren Pick-ups und den großen Körben, die sie auf dem Rücken schleppen, um die Müllsäcke einzusammeln. Über verrostete Stahltreppen gelangen sie in wohlhabenderen Vierteln zu den Hintertüren der Küchen, wo die Bewohner den Abfall deponieren. Anderswo liegt der Müll oft auf der Straße.

Wer kein Auto hat, zieht mit dem Eselskarren los oder zu Fuß. Oder der Nachbar wirft einen Ballen vom Auto, wenn er zurückkehrt in die Siedlung. Dafür allerdings müssen sie zahlen. Die Familien haben ihre Claims, die von Generation zu Generation vererbt werden - wie den Beruf des Müllsammlers, im ägyptischen Dialekt Zabbalin genannt, was wörtlich übersetzt "Müllmenschen" heißt. Steigt eine Familie aus dem Geschäft mit dem Abfall aus, vermietet sie ihre Sammelstellen weiter.

Wenn die Männer mittags zurückkommen mit der Ausbeute des Tages, sortieren die Frauen, was sich meterhoch auf den Ladeflächen gestapelt hat. Sie machen den größten Teil der Arbeit, den unhygienischsten und gefährlichsten. Sie und die Kinder. Wenn sie sieben, acht, zehn sind, fangen sie an zu helfen, sagen die Männer in Moatamadiya, einer der anderen Müllstädte, doch auch die jüngeren Geschwister sitzen im Dreck. Die ganze Familie muss anfassen, damit es zum Leben reicht; viele Kinder heißt hier auch: viele Arbeitskräfte.

Alles was brauchbar ist, wird weiterverkauft. Die Plastikflaschen werden zu Chips geschreddert und gewaschen nach China exportiert, wo Kunstfasern daraus hergestellt werden. Blech, Aluminium und Glas schmelzen Firmen in Ägypten wieder ein, Papier und Karton werden recycelt. Bis zu 85 Prozent des Mülls würden so wiederverwertet, heißt es, wobei manche Sabalin deutlich niedrigere Quoten nennen. In Ballen gebündelt lagern die Rohstoffe auf den Dächern oder wo sonst Platz ist. Die Reste werden verbrannt, offiziell in einer Verbrennungsanlage. Doch auch das kostet, und so schwelen hier und dort offene Halden unter beißendem Qualm vor sich hin.

Manche haben es aus dem Abfall zu Wohlstand gebracht, Gamil etwa, 52, der eine Recyclinganlage für Plastikflaschen betreibt. Er ist zum Großhändler geworden. Was er verdient? Das will er nicht erzählen, aber das neue Auto im Hof und eine dicke Uhr am Handgelenk deuten auf Wohlstand hin. Die Müllsammler zählen nicht ausnahmslos zu den Ärmsten der Armen; eine Familie könne auch schon mal 100 Pfund pro Tag machen, sagt Gamil, umgerechnet etwa zwölf Euro. Die offizielle Armutsgrenze liegt bei 1,65 Euro. Manchmal bekommen die Männer auch Geld von den Bewohnern der Gebäude, in denen sie den Abfall abholen.

Wer von Resten der Riesenstadt lebt, muss einiges aushalten. In den Hauseingängen stapelt sich Abfall, der noch sortiert werden muss. Über die Treppe gelangt man in die Wohnräume. Ratten flitzen am helllichten Tag über die unbefestigten Straßen, in denen die Exkremente der Tiere liegen. Hepatitis C, andere Infektionen, Hautkrankheiten und andere Leiden sind wegen der unhygienischen Arbeitsbedingungen weit verbreitet, die Verletzungsgefahr beim Sortieren des Mülls groß - doch eine Kranken- oder Sozialversicherung gibt es hier nicht.

Die Menschen versuchen, dennoch ihre Würde zu bewahren, ihren Stolz. Mariam hat sich ihre Haare mit einem lila Tuch hochgebunden, grüne Ohrstecker blitzen unter den schwarzen Strähnen hervor. "Ich tue, was ich kann, um meine Familie zu ernähren", sagt sie, und über ihr Gesicht huscht ein schüchternes Lächeln.

Die Bilder des niederländischen Fotografen Iwan Baan sind noch bis zum 21. Juni in der Ausstellung "Zoom! Architektur und Stadt im Bild" im Architekturmuseum der Pinakothek der Moderne in München zu sehen.

© SZ vom 02.05.2015
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