Fossilien:Buddeln im größten Sandkasten der Welt

Lesezeit: 3 min

Hesham Sallam hat einen Knochenjob: Er sucht in der Wüste nach Überresten von Dinosauriern.

Interview: Birk Grüling

SZ: Sand, Steine, Geröll: Was wollten die Dinosaurier in der Wüste?

Hesham Sallam: Als sie vor etwa 100 Millionen Jahren gelebt haben, war die Sahara noch keine Wüste, sondern tropisch warm und sehr grün. Es gab riesige Flüsse, größer als der Nil. Darin machte zum Beispiel der Spinosaurus Jagd auf große Fische. Dieser Raubsaurier war mit seinen 15 Metern größer als der T-Rex, verbrachte aber wie ein Krokodil die meiste Zeit im Wasser. Ein richtiges Flussmonster! Außerdem lebten hier auch viele Raubsaurier oder große Langhalssaurier.

Und ihre Knochen findet man dort auch heute noch?

Nicht nur ihre Knochen. Wir finden auch versteinerte Knochen von Tieren, die vor und nach den Dinosauriern lebten. Urzeitliche Meeresbewohner zum Beispiel, aus einer Zeit, als Ägypten noch von einem Ozean bedeckt war. Wir haben die frühen Vorfahren von Elefanten und Nilpferden entdeckt und vor Kurzem sogar einen Wal auf vier Beinen.

Damit spazierte der Wal dann durchs Meer, oder was?

Fotos für die Kinderseiten

Paläontologen bei der Arbeit.

(Foto: privat)

Zugegeben, Phiomicetus Anubis sieht heutigen Walen nicht sehr ähnlich, ist aber einer ihrer Vorfahren. Er war etwa drei Meter lang, hatte ein spitzes Maul mit scharfen Zähnen, vier Beine und einen langen Schwanz. Er lebte nach den Dinosauriern, vor knapp 40 Millionen Jahren, an Land und im Wasser.

Klingt, als ob eine Menge Überraschungen in der Wüste stecken ...

Ganz sicher warten noch spannende Entdeckungen auf uns. Bisher kennen wir ja nur einen kleinen Teil der Dinosaurier, die einmal in Afrika lebten. Das liegt auch daran, dass sich nicht so viele Forscherinnen und Forscherin dorthin trauen.

Wovor haben sie Angst?

Es ist mühselig und gefährlich. Die Hitze und die Sonne sind extrem, tagsüber hat e oft mehr als 40 Grad. Und es gibt Skorpione und Schlangen. Die sind aber eher scheu und lassen uns meist in Ruhe. Gleiches gilt auch für Grabräuber: Einmal kamen grimmig dreinblickende Männer ins Lager und fragten uns, was wir da machen. Als wir ihnen erklärten, dass wir nach versteinerten Dino-Knochen suchen, haben sie nur gelacht und sind wieder gefahren. Seither haben wir meistens Ruhe.

Fotos für die Kinderseiten

Wirbel für Wirbel? Bei einem Langhalssaurier kommt da einiges zusammen. Die Knochen gehören zum Skelett des Mansourasaurus, den Hesham Sallam 2018 in Ägypten gefunden hat.

(Foto: privat)

Wie sieht denn so ein typischer Ausgrabungstag aus?

Um der größten Hitze zu entgehen, stehen wir gegen sechs Uhr auf, frühstücken schnell und graben direkt los. In der Mittagshitze suchen wir uns dann ein schattiges Plätzchen, legen uns ins Zelt oder unter ein Auto. Auch unsere Schaufeln, Haken und andere Werkzeuge müssen wir abdecken, sonst verbrennt man sich die Finger daran. Nach Sonnenuntergang graben wir weiter. Manchmal müssen wir mit Kettensägen und Presslufthämmern arbeiten, manchmal ist das Gestein so weich, dass Pinsel und Kratzer ausreichen.

Woher weiß man eigentlich, wo sich das Buddeln lohnt?

Es gibt auch von der Wüste Gesteinskarten, in denen alle Erdschichten eingezeichnet sind. So können wir schon am Schreibtisch nach guten Orten zum Graben schauen.

Schlaft ihr auch in der Wüste?

Ja. Die Nächte sind sehr schön, der Himmel ist oft sternenklar. Wir sitzen nach dem Graben oft noch lange am Feuer, essen und reden. Manchmal machen wir gemeinsam Musik. Vor Ort können wir auch besser auf unsere Funde aufpassen.

Fotos für die Kinderseiten

Paläontologie-Professor Hesham Sallam bei einer Ausgrabung in der Sahara.

(Foto: privat)

Damit die Knochen keiner klaut?

Bei einer meiner ersten Ausgrabungen am Rande der Sahara haben wir im Hotel geschlafen, ganz in der Nähe. Als wir eines Morgens zurück zur Fundstelle kamen, waren alle Fossilien kaputt und die Arbeit von Wochen zerstört. Das waren Grabräuber, die dachten, wir wären auf Schätze aus der Zeit der Pharaonen gestoßen. Mit versteinerten Knochen konnten sie nichts anfangen. Aber beim Durchsuchen der Gruben sind unsere zerbrechlichen Funde kaputt gegangen. Seitdem schlafe ich in der Wüste und passe auf, bis die Knochen in einem Schutzmantel aus Gips zu uns in die Universität nach Kairo gebracht werden.

Interessieren sich die Kinder in Ägypten eigentlich mehr für Pyramiden oder für Dinosaurier?

Dinos werden hier immer beliebter. Vor einigen Jahren entdeckte ich Teile des großen Langhalssauriers Mansourasaurus. Seither bekomme ich viele Briefe und E-Mails von Kindern. Das freut mich sehr. Vielleicht werden einige von ihnen ja selbst mal Forscher. Zu entdecken gibt es in der Sahara jedenfalls noch genug.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB