Süddeutsche Zeitung

Anglizismus des Jahres:Ist nur eine Phrase

Der Ausdruck "For Future" wurde soeben von einer Jury zum Anglizismus des Jahres gewählt. Die Wahl dieser Schablone ist mehr als berechtigt.

Zu einer Zeit, da weniger das Englische als vielmehr noch das Fränkische populär war, bildete sich in der rheinischen Region eine äußerst amüsante Sprache: Kölsch. Noch heute sorgt der saure Aufstoß des Ripuarischen für innerdeutsche Kommunikationsprobleme, etwa, wenn der WDR einen auf Satire macht oder es in einem Lied der Gruppe Höhner ("Hühner") heißt: "Kumm loss mer fiere, net lamentiere". Was, bitte, ist fiere?

In einem aktuellen Artikel des Kölner Stadtanzeigers über ein Puppenstück des Kölner Hänneschen-Theaters immerhin ist zu erfahren, der Ausdruck "Loss mer fiere un demonstriere" beschreibe den "Fastelovend for Future" - und das kommt einem schon bekannter vor. Denn "for Future" wurde soeben zum Anglizismus des Jahres gewählt.

Bei "for Future", so erklärt der Berliner Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch, kein Kölner, aber Vorsitzender der Anglizismus-Jury, handele es sich um eine "Phraseo-Schablone". Um eine Redewendung mit einer Leerstelle. Der Ausdruck gehe zurück auf das im Jahr 2018 von der schwedischen Klimaaktivistin Greta Thunberg geprägte "Fridays for Future", habe aber bereits in "Scientists for Future", "Students for Future" oder "Silvester for Future" Neudeutungen erfahren, heißt es in seiner Aussendung. Spätestens seit "Fastelovend for Future" dürfte damit jedem klar sein: Die Wahl dieser Schablone zum "Anglizismus des Jahres 2019" ist mehr als berechtigt. In den vergangenen Jahren hatte die Jury bereits "leaken", "Fake News" und "Influencer", nun ja, geliked. Solche Anglizismen zeigten, dass die englische Sprache längst "uns allen" gehöre, so Stefanowitsch. Seine Wahl ist übrigens durchaus im Sinne von Karl Kraus, der einst in der Fackel schrieb, er würde lieber verhungern als statt eines Roastbeefs ein "blutiges Rindslendendoppelzwischenstück mit Barbarentunke" essen zu müssen.

Auf Platz 2 der diesjährigen Wahl landete sodann der Ausdruck "OK Boomer". Junge Menschen kommentieren damit gerne auf sarkastische Art Ansichten der Baby-Boomer-Generation. (Baby-Boomer nannten das früher "Altherrengeschwätz" oder meinten: "Der Oppa erzählt mal wieder watt vom Kriech"). Auf Platz 3 schließlich: Deepfake, ein Kofferwort aus Deep Learning und fake, welches für die manipulative Verfälschung von Fotos und Videos steht. Baby-Boomer berufen sich hier gerne auf Kurt Tucholsky, der einst meinte: Das Englische bestehe vor allem aus "Fremdwörtern, die falsch ausgesprochen werden".

Im aktuellen Kölner "Fastelovend for Future"-Puppenstück jedenfalls soll neben Hänneschen und Bärbelchen auch eine Stoff-Greta-Thunberg zu sehen sein. Total nice, wenn man das mal spoilern darf. Ihre Botschaft: "Loss mer fiere un demonstriere". Jürgen von der Lippe hätte "fiere" jetzt sicher mit "frieren" übersetzt. Aber das wäre wahrscheinlich Altherrengeschwätz. Fiere, das heißt natürlich: Feiern.

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SZ vom 29.01.2020
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