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Flüchtlingsunterkünfte:Kultur der Angst

Dass der Wachmann-Job auch Menschen anzieht, die am sozialen Rand stehen und nun die Möglichkeit bekommen, über noch Schwächere Macht auszuüben, das liegt auf der Hand "Die Ausgrenzungspolitik qua Lager verleiht den Sicherheitsdiensten viel Macht", sagt Stephan Dünnwald vom Münchner Flüchtlingsrat. "Und dieses Machtgefälle kann zu allen möglichen Formen der Ausbeutung führen." So erreichten den Flüchtlingsrat immer wieder Beschwerden von Flüchtlingen über sexuellen Missbrauch - oder die willkürliche Konfiszierung ihrer Habseligkeiten. Aber nur selten ließen sich gerichtsfeste Aussagen erreichen. "Wir erleben da eine Kultur der Angst", sagt Dünnwald.

Ein Teil des Problems ist der Arbeitsmarkt. Nachdem in den letzten Jahren Hunderttausende Flüchtlinge Deutschland erreicht hatten und überall Asylbewerberunterkünfte aus dem Boden gestampft wurden, erlebten die Wachdienste einen Boom. In den letzten fünf Jahren erhöhte sich die Zahl ihrer Mitarbeiter von 183 000 auf 258 000. Derzeit werden laut Bundesagentur für Arbeit 13 800 Wachleute gesucht.

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Durch die massive Nachfrage sei der Markt total abgegrast, sagt Silke Wollmann vom Bundesverband der Sicherungswirtschaft. So seien im Eilverfahren viele Unqualifizierte angeworben worden. Probleme hat es aber nicht nur mit Rechtsradikalen gegeben. So verweigerten arabischstämmige Wachmänner in mehreren Fällen christlichen Flüchtlingen den Schutz und prügelten mit, als die von muslimischen Mitbewohnern angegriffen wurden. "Die in den deutschen Flüchtlingsheimen eingesetzten Sicherheitsdienste", wetterte der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, Anfang letzten Jahres, "sind ein Einfallstor für Kriminelle, Salafisten und Rechtsradikale."

Im März 2016 reagierte die Bundesregierung: Sie beschloss schärfere Regeln für Sicherheitsdienste - insbesondere im Hinblick auf die Arbeit mit Flüchtlingen. Nun ist außer der vierzigstündigen Unterrichtung auch eine Prüfung für die Zulassung zum Wachdienst vorgeschrieben. Künftig soll es alle drei Jahre eine Zuverlässigkeitsprüfung geben: Dazu gehört eine Abfrage bei der Polizei - und für diejenigen, die in Flüchtlingsheimen arbeiten, auch beim Verfassungsschutz.

Ob diese Maßnahmen ausreichen? Wendt bezweifelt das: "Die Achillesferse der privaten Sicherheitsdienste ist nicht beseitigt: Denn noch immer können Subunternehmer eingesetzt werden. Bei ihnen ist die Kontrolle ausgesprochen lückenhaft." Die Ausschreibungen setzten leider nur auf Billigangebote. Das Ergebnis: "Es werden Leute beschäftigt, die man nicht kennt."

Allerdings schiebt Wendt nicht den Wach-Unternehmen die Schuld daran zu. Die meisten in der Branche seien seriös. Vielmehr frage er sich, warum Polizisten eine dreijährige Ausbildung genössen, aber die öffentliche Hand nicht bereit sei, mehr für qualifizierte Wachleute zu bezahlen - und diese mit den Flüchtlingen alleine lasse: "Oft müssen sie sozialpädagogische und psychologische Aufgaben übernehmen, für die sie nicht ausgebildet sind."

"Es gibt sogar Tage ganz ohne Schlägerei"

Stefan Näther, Geschäftsführer des Sicherheitsdienstes Jonas Better Place, hat die Lücke erkannt: In seinem Unternehmen werden Mitarbeiter in Flüchtlingsheimen geschult, sie sollen lernen, was kulturelle Unterschiede bedeuten. Das sei Pflicht. Seine Firma kann als positives Gegenbeispiel in einer schlecht beleumundeten Branche dienen: "Wir legen einerseits auf multikulturelles Personal Wert. Andererseits müssen bei uns alle Bewerber Persönlichkeitstests absolvieren." Sie sollten etwa aufdecken, ob jemand "zu missbräuchlichem Verhalten gegenüber Schwächeren neigt".

Näther, selbst ein studierter Psychologe und Therapeut, hat vorher in der Jugendhilfe gearbeitet. Der Erfolg gibt seinem Unternehmen recht. Nachdem die Regierung von Oberbayern sich zum Jahresende aus den meisten Häusern der Bayernkaserne zurückzogen hatte, übernahm dort Jonas Better Place im Auftrag der Stadt München die Verantwortung. Das Klima hat sich seitdem deutlich verbessert: "Früher kam die Polizei viermal am Tag", sagt Hamid, der inzwischen für Jonas Better Place arbeitet. "Heute lösen wir das meiste mit Reden. Es gibt sogar Tage ganz ohne Schlägerei."

15 aus 2015 Der tägliche Kampf

Frauen in Flüchtlingsunterkünften

Der tägliche Kampf

Frauen haben in Flüchtlingsheimen nichts zu suchen, sagen Hilfsorganisationen. Sie werden bedrängt, sind Übergriffen schutzlos ausgeliefert - und bleiben mit ihrem Leid häufig allein. Eine Reportage aus dem Jahr 2015, als die Situation in den Unterkünften besonders dramatisch war.