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Flüchtlingsunterkünfte:"Das Schlimmste waren die Kollegen"

Charlie, ein stämmiger Typ mit türkischem Migrationshintergrund, hat sich für diesen Minimallohn vier Jahre lang als Wachmann in der Bayernkaserne verdingt. Die Bayernkaserne, das ist Münchens größtes Flüchtlingsheim. Die Arbeit dort, sagt Charlie, habe ihn an den Rand seiner seelischen Kräfte gebracht. "Wenn Flüchtlingsmütter mit ihren Babys ankamen und die Security-Mitarbeiter um Babynahrung und Decken anbetteln mussten, das ging mir schon an die Nieren", sagt der 32-jährige Familienvater. "Aber das Schlimmste, das waren die Kollegen." Wachmänner, die aus Ostdeutschland rekrutiert worden waren.

In der Bayernkaserne arbeitete Charlie als Subunternehmer der Firma Siba. Sie erledigte im Auftrag der Regierung von Oberbayern die Registrierung und Erstaufnahme der Flüchtlinge. "Die aus dem Osten haben ständig Streit gesucht. Als ich einmal einen betrunkenen Flüchtling am Boden fixierte, nutzte ein Kollege die Chance, dem wehrlosen Mann mit dem Stiefel ins Gesicht zu treten. Und das kam nicht nur einmal vor." Charlie schüttelt den Kopf. Nur unter Zusicherung strikter Anonymität ist er zusammen mit seinem Kollegen Hamid bereit gewesen, sich in einem McDonald's im Gewerbegebiet mit dem Reporter zu treffen. Beide wollen nicht, dass ihr richtiger Name in der Zeitung steht. "Viele Security-Mitarbeiter haben Kontakte in die Unterwelt, das weiß jeder."

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Hamid nickt zustimmend. Der afghanischstämmige Wachmann hatte mit seiner Arbeit die Hoffnung verbunden, seinen geflüchteten Landsleuten das Leben zumindest etwas erträglicher zu machen. Auf den Ton im Flüchtlingsheim aber war Hamid nicht vorbereitet: Einige Kollegen hätten ständig davon geredet, "dass man die Flüchtlingsweiber für ein paar Euro ficken könne. Und die Afrikaner hießen bei ihnen sowieso nur Affen".

Die Aussagen ehemaliger Wachmänner der Firma Guardian, die 2016 an die Presse gingen, oder Zeugenaussagen im Prozess gegen Wachmänner in Arnsberg lassen vermuten, dass sich ähnliche Szenen auch in anderen Asylheimen abspielen. Sicherheitsleute, die Flüchtlinge beschimpfen und schlagen, Frauen, die sexuell belästigt, Kinder die über Megafon angebrüllt werden: "Würde das im Zoo passieren", sagt Charlie, "die Tierschützer wären schon längst zur Stelle." Charlie und Hamid lachen. Aber hinter dem coolen Tonfall ist der Frust spürbar: Sie hätten immer versucht, Konflikte über freundschaftlichen Kontakt und Gespräche zu lösen. Doch der Schichtleiter habe das nicht gerne gesehen: "Wenn ihr weiter so viel mit den Leuten quatscht, fliegt ihr raus", habe er gedroht.

Anruf bei Joachim Feldhaus, dem Geschäftsführer der Wachfirma Siba in Karlsruhe. Hat er Kenntnis von kriminellen oder ausländerfeindlichen Wachleuten in seiner Firma? "Wir ziehen sofort personelle Konsequenzen, wenn uns etwas zur Kenntnis kommt", sagt er und seufzt. "Aber was sollen wir denn machen, wenn die Regierung von Oberbayern selbst die Führungszeugnisse überprüft und abgenickt hat?" Feldhaus räumt allerdings ein, dass er schon Mitarbeiter entlassen habe: Etwa wegen fremdenfeindlicher Facebook-Einträge. Ein "Riesen-Imageschaden" für die Firma sei das gewesen.

Trotzdem sieht er die Security-Branche als Opfer vieler Pauschalisierungen. Kein Gewerbe werde stärker kontrolliert. Dagegen werde die Leistung seiner Angestellten oft unterschätzt: "Wachmann ist kein ungefährlicher Job. Und wer das macht, kommt nicht unbedingt von der Sonnenseite des Lebens." Die Ansprüche seien hoch: Seine Leute sollten deeskalieren, sich wehren können und Menschen anderer Kulturen verstehen. Und das alles nach einer gerade mal einwöchigen Ausbildung. 40 Stunden dauert die Schulung der Wachmänner. Führungskräfte brauchen eine zusätzliche Sachkunde-Prüfung. "Eine bessere Ausbildung ist natürlich wünschenswert", sagt Feldhaus und erzählt, dass seine Firma seit zwei Jahren freiwillig einen Trainer für interkulturelle Kompetenz beschäftige. Letztlich aber müsse man konkurrenzfähig sein: "Bei den Preisen gibt es nicht viel Luft."

Neonazis, die das Sicherheitsgewerbe unterwandern

Was Feldhaus nicht sagt: Schon länger gibt es Anzeichen dafür, dass die Security-Szene in Deutschland von Rechtsradikalen unterwandert ist. Bereits 2003 hatte das Internet-Magazin Telepolis entsprechende Verbindungen aufgedeckt. Das Sicherheitsgewerbe hatte sich zur sicheren Einkommensquelle vieler Neonazis entwickelt.

"Viele der ostdeutschen Kollegen", sagt Charlie, "machten gar keinen Hehl aus ihrer Einstellung. Bei einigen konnte man die Hakenkreuz-Tätowierungen noch durch das weiße Hemd durchsehen", hieß es in dem Beitrag. In ihren Büros und auf den Funkgeräten sei immer wieder Nazi-Musik gelaufen. Und als ein Bus mit Flüchtlingen ankam, habe ein Siba-Wachmann über Funk durchgegeben: "Wir sind voll. Schicken wir die doch gleich zum Vergasen weiter nach Dachau."

Habe da niemand an eine Anzeige gedacht? So etwas sei in diesem Milieu undenkbar, sagt Charlie. Er habe seine ostdeutschen Kollegen mal gefragt, warum sie als Ausländerfeinde ausgerechnet diesen Job angenommen haben. "Sie sagten, der Action wegen. Um mal ein bisschen draufzuhauen."