Flüchtlinge in Deutschland Übergriffe im Freibad: Starr mich nicht an!

Viele Menschen, viel nackte Haut: Schwimmbäder sind ein besonders sensibler öffentlicher Raum.

(Foto: dpa)

Seit der Silvesternacht von Köln verfestigt sich der Eindruck, Frauen würden immer wieder von Flüchtlingen belästigt - vor allem im Schwimmbad. Nur: Stimmt das auch?

Von Oliver Klasen, Tübingen

Es muss sich hier um ein Riesenthema handeln, sonst würde der Pressesprecher Ulrich Schermaul von den Tübinger Stadtwerken an diesem Nachmittag nicht eine ziemlich große Gruppe von Presseleuten durch das Freibad schleusen. Inmitten von Hunderten Menschen, die schwimmen, planschen, Ball spielen oder auf der Wiese liegen, balancieren die Presseleute umständlich über die Steine neben der Dusche vor dem Schwimmerbecken, um nicht nass zu werden. Seinetwegen: Aiham Shalghin aus Syrien, der neue Bademeister, der hier in Tübingen seit dieser Saison seinen Dienst verrichtet. Aiham Shalghin ist jetzt sehr gefragt, ein Foto mit dem Sprungturm im Hintergrund, dann eins mit der großen Wasserrutsche, ein bisschen weiter rechts bitte, danke.

Ein Riesenthema? Offenbar, und zwar in jeglicher Hinsicht: Die Deutsche Gesellschaft für Badewesen hat diesen Hashtag auf ihrer Startseite, "#Flüchtlinge" steht da, in roter Schrift. Der Link führt zu Baderegeln in Comic-Form, die in neun Sprachen übersetzt sind. Und die größte deutsche Boulevard-Zeitung titelte neulich: "Sex-Mob-Alarm im Schwimmbad" und zitierte aus einem "Geheimpapier" der Düsseldorfer Polizei über sexuelle Übergriffe in Schwimmbädern.

"Viele syrische Männer waren nie mit einer Frau schwimmen"

Es hat sich etwas geändert in Deutschland, seit an Silvester in Köln Hunderte Nordafrikaner Frauen umkreist, ausgeraubt, begrapscht und in einigen Fällen auch vergewaltigt haben. Die Frage, die seitdem im Hintergrund mitschwingt, lautet: Wie sicher sind Frauen im öffentlichen Raum, wenn sich dort viele männliche Flüchtlinge versammeln, die in fremden Kulturen mit rigider Sexualmoral sozialisiert wurden und den Umgang mit selbstbewussten Frauen nicht gewöhnt sind?

Viele unterschiedliche Menschen dicht beieinander, viel nackte Haut: Schwimmbäder sind ein besonders sensibler öffentlicher Raum, das weiß auch Bademeister Shalghin. "Viele syrische Männer, die hierherkommen, waren noch nie mit einer Frau schwimmen oder haben sie im Bikini gesehen", sagt der 24-Jährige. Bis vor einem Jahr lebte er in Damaskus. Bevor Krieg und Perspektivlosigkeit ihn zur Flucht zwangen, studierte er Jura, spielte in seiner Freizeit Wasserball und jobbte als Bademeister in einem Hallenbad. Es war eines der wenigen in Syrien, in dem sowohl Frauen als auch Männer Zutritt hatten.

Badewiese, weiße Socken, Adiletten, Ghettoblaster an

Schwimmbäder und Flüchtlinge - das ist ein sensibles Thema. Im Grugabad in Essen treffen sich Badegäste aller Schichten und Nationalitäten. Eine ZDF-Doku zeigt den chaotischen Mikrokosmos. TV-Kritik von Oliver Klasen mehr ...

Jetzt trägt Shalghin blaue Shorts und das weiße Poloshirt der Tübinger Stadtwerke und läuft zwischen den Becken auf und ab. Auch hier haben sie Faltblätter mit Baderegeln in mehreren Sprachen verteilen lassen und ein Schild aufgestellt, auf dem die wichtigsten Verbote mit Piktogrammen dargestellt sind. Besser als der Flyer helfen Shalghins grimmiger Blick und seine Trillerpfeife. Wenn Jungs im Bad allzu wild werden, ruft er sie auch auf Arabisch zur Ordnung. Das hat bisher noch immer Eindruck gemacht.

Anders als in anderen Bädern,etwa im riesigen Grugabad in Essen, setzen sie in Tübingen nicht auf externe Security-Dienste, sondern auf die Autorität der zehn Bademeister, die hier im Schichtbetrieb arbeiten - und auf Shalghin als interkulturellen Vermittler. Oberbürgermeister Boris Palmer, der wegen seines Vorschlags, straffällig gewordene Syrer auch in ihr Heimatland abzuschieben, massive Kritik auf sich gezogen hat, pries Shalghin wenige Tage zuvor auf Facebook als Musterbeispiel gelungener Integration. "Gute Arbeit, Aiham", schrieb der Grünen-Politiker und ist damit wohl schuld daran, dass in diesen Tagen sehr oft Presseleute und Fotografen zwischen den Badegästen herumlaufen.

Mit Trillerpfeife und arabischer Sprache sorgt Bademeister Aiham Shalghin für Ordnung im Tübinger Freibad.

(Foto: dpa)

"Bisher hat es in den Bädern in Tübingen keine sexuellen Übergriffe gegeben", sagt Pressesprecher Schermaul. Es ist eine Auskunft, die er in diesem Sommer oft geben muss. Genauso wie die Badbetreiber anderer Städte. Nachdem die Bild-Zeitung Anfang Juli über das Düsseldorfer "Geheimpapier" berichtet hatte, entstand eine Welle von Artikeln über sexuelle Übergriffe in Schwimmbädern. Matthias Oloew, der Pressesprecher der Berliner Bäder und früher selbst Journalist, beklagte sich später in einem Interview über seltsame Anfragen ehemaliger Kollegen. "Bitte nehmen Sie mich in den Verteiler für Vergewaltigungen auf", soll ein Journalist verlangt haben.