Wenn Olegs Wecker morgens um sieben Uhr klingelt, ist seine Mama Mariia längst bei der Arbeit. Kater Pushok liegt eingerollt neben ihm und schnurrt leise, bis Oleg, 10, aufsteht, sich Frühstück macht, ein Brot für die Schule schmiert und losgeht. Nebeneinander einschlafen und aufwachen, das machen Oleg und Pushok erst, seit sie in Deutschland sind.
Ein Rucksack, eine Plastiktüte vollgestopft mit Klamotten und eine Transportbox mit Pushok. Mehr hatten Oleg und seine Mama nicht dabei, als sie im Februar 2022 aus der Nähe von Kiew nach Deutschland flohen. Nach vier Tagen kamen sie damals am Berliner Hauptbahnhof an. Sie konnten kein Deutsch und wussten nicht, wo sie am Abend schlafen würden. Am Bahnhof standen viele Freiwillige. Auch eine Frau mit einem Schild: „Zwei Personen, maximal zwei Wochen“ stand darauf. Etwa drei Monate lebten Oleg, seine Mama und Kater Pushok bei Anne, der Frau mit dem Schild, und ihren beiden Kindern Mika und Piet.
Heute sind die beiden Familien zwar keine Mitbewohner mehr, aber Freunde sind sie immer noch. Sie treffen sich auf dem Spielplatz, im Museum, zum Kuchenessen. Nur nicht bei Oleg und seiner Mama in der Wohnung, da sind zu wenig Stühle am Tisch für so viele Leute.
Mitbewohner haben Oleg und seine Mama trotzdem: jede Menge Pushoks. Ein schwarz-weißer Kater aus Legosteinen steht auf einem voll gestellten Regal, ein Plüschkater schaut zwischen Bastelkram auf dem Schreibtisch hervor, ein Kissen im Pushok-Look, fast so lang wie Oleg selbst, liegt auf der Matratze, und dort, wo kein Möbelstück an der Wand steht, hängt Pushok-Kunst. Alles aus dem Kunstunterricht der Schule. „Meine Mitschüler kennen Pushok“, sagt Oleg. Unter der Staffelei, die in der Mitte des Zimmers steht, das Wohnzimmer, Esszimmer, Olegs und Mariias Schlafzimmer zusammen ist, liegt der echte Pushok. Er kaut auf einem Zehenschoner aus Silikon herum, der eigentlich mal für Olegs kaputten Zeh gedacht war.
Mit einem Band, das an einen langen Stock gebunden ist, angelt Oleg nach Pushoks Aufmerksamkeit. Keine Chance. Erst als er den Kater wie ein Baby auf den Arm nimmt und seinen Bauch krault, lässt Pushok sein neues Spielzeug los.
„Pushok hat sich in Deutschland sofort wohlgefühlt“, sagt Oleg. Für ihn selbst war das nicht so einfach. Er konnte kein Deutsch, Freunde zu finden, war nicht einfach, von manchen Kindern wurde er geärgert. „Oleg, das klingt eben nicht Deutsch“, erklärt seine Mama die fiesen Sprüche von manchen Kindern. Oleg probierte verschiedene Hobbys aus: Auf Chor hatte er nach einer Weile keine Lust mehr, für den Theaterkurs war er bald zu alt, der Kampfsportkurs war zu weit weg, nachdem sie in einen anderen Bezirk gezogen waren. Seit einigen Monaten ist Oleg im Selbstverteidigungskurs. Der Trainer ist cool, die Kinder sind nett. „Und der Kurs macht, dass ich mich stark fühle“, sagt Oleg.
Dafür übt er manchmal mit den dicken schwarz-roten Polstern, die neben der kleinen Nische, Olegs kleinem Bereich in der Wohnung, hängen. Linke Faust, rechte Faust, Knie, die Polster quietschen mit jeder Erschütterung. Da haut Oleg einfach rein, weil er Lust hat. Manchmal auch, wenn er ein bisschen sauer ist oder Ablenkung braucht.
Olegs Papa, seine Großeltern, Tanten, Onkel – alle sind noch in der Ukraine. Seit vier Jahren hat er sie nur per Videoanruf gesehen. Wann er sie wieder richtig umarmen kann? „Irgendwann, wenn der Krieg vorbei ist“, sagt Oleg. Zurückziehen will er aber auch dann nicht. „Deutschland ist jetzt mein Zuhause.“ Traurig macht ihn die Entfernung trotzdem. Dann hilft Kuscheln mit dem Kater. „Pushok macht einfach alles besser.“
Auch mit den Freunden hat es nach einer Weile geklappt. Mit ihnen spielt er am liebsten auf dem Spielplatz. Die deutschen Spielplätze fand Oleg schon vor vier Jahren besonders cool, viel besser als die in der Ukraine. Und die Liste cooler Dinge in Deutschland ist seitdem länger geworden: Apfelschorle steht drauf, die trinkt man in der Ukraine nicht. Und diese megaewiglangen deutschen Wörter. Dass man Wörter im Deutschen so gern aneinander hängt: Krankenschwester, Lieblingsklettergerüst, Schulausflug – „das klingt so schön ausgedacht“, findet Oleg.
Vor vier Jahren hat unsere Autorin den damals sechsjährigen Oleg zum ersten Mal getroffen. Das könnt ihr hier nachlesen.
