„Aus dem Haus raus, schnell! Ich habe gerade ferngesehen, als wir plötzlich fliehen mussten. Das war ganz schön schrecklich. Ich war acht Jahre alt, kannte mich nicht aus, spürte nur die Panik bei meiner Mama. Sie hatte gerade einen Anruf bekommen. Danach war nichts mehr wie zuvor. Ich weiß bis heute nicht, wer da eigentlich angerufen hat. Ich weiß nur, was mir meine Mama später erzählte: Wir mussten weg, sofort, sonst wären wir angegriffen worden. Kurz nach dem Anruf haben meine Eltern die Handys ausgeschaltet. Die Gefahr, so erzählte es mir meine Mama, war zu hoch, dass wir verfolgt werden. Ich selbst habe in dem Moment überhaupt nicht verstanden, was los war. Ich habe nur meine Mama gesehen, wie sie in Aufruhr war. Ich solle meine Schuhe anziehen, sagte sie, vor die Tür gehen. Jetzt. Sie selbst ist aus dem Haus gelaufen, meine Geschwister einsammeln, die schon auf dem Weg in die Schule waren. Alle zusammen sind wir dann zur Hauptstraße gerannt, ein Taxi. Alles war voller Angst. Wir haben nie erfahren, was mit unserem Haus und den ganzen Sachen dort passiert ist. Den Kontakt zu Nachbarn, Bekannten und Freunden haben wir abgebrochen. Zuerst, um uns nicht in Gefahr zu bringen, später dann, um sie nicht in Gefahr zu bringen. Noch heute will ich lieber nicht mein Gesicht zeigen. Den Schal hat meine Mama eingepackt. Er hat meiner Oma gehört, der Mutter meiner Mama. Die ist bei der Geburt meiner Tante gestorben. Sie lebten damals in einem Dorf, das Krankenhaus war weit weg, entbunden wurde zu Hause. Sie wäre heute etwa 70 Jahre alt. So genau weiß das niemand, weil die Menschen früher in Afghanistan ihr Geburtsdatum nicht aufgeschrieben haben. Es war einfach unwichtig. Dieser Schal ist das Einzige, was wir von Oma haben und was uns mit ihr verbindet. Er ist für uns wertvoller als jedes Geld der Welt. Wir bewahren ihn in einer kleinen, golden schimmernden Box auf. Getragen wird er nie, damit er nicht beschädigt wird. Wenn ich mich einsam fühle oder mir wünsche, wieder dort zu sein, dann nehme ich den Schal in die Hand. In diesen Momenten tröstet er mich.“
FluchtMitgenommen
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Wer flüchtet, muss viel zurücklassen. Hier erzählen Kinder und Jugendliche, was sie retten konnten. Diesmal: Tahera, 19, aus Herat im Westen Afghanistans. Sie lebt seit elf Jahren in der Nähe von Magdeburg.
Protokoll: Jennifer Priesing