„Es gibt ein Foto – es ist mehr als 20 Jahre alt, ich war da noch nicht mal geboren – das ist mein größter Schatz. Darauf zu sehen sind meine beiden Eltern und zwei Brüder von mir. In ihren Gesichtern liegt Zuversicht, Frieden. Niemand dort auf dem Foto konnte sich vorstellen, unser kleines Dorf Amude an der syrisch-türkischen Grenzen je zu verlassen. Das Foto hält einen Moment fest, in dem Krieg noch keine Rolle spielte. Das erkenne ich vor allem an dem Leuchten der Augen meiner Mama. Dieses Leuchten ist heute weg. Der Krieg hat sie ihr Leben umgeworfen. Nach Deutschland zu fliehen, war eine große Umstellung. Das Foto erinnert mich an eine Zeit, in der unsere Familie noch ganz war, unzerrissen, ohne Flucht, in Frieden. So zusammen wie damals werden wir nie mehr sein.
Ich erinnere mich noch an eine späte, laue Sommernacht in Syrien. Ich war sieben, wir alle – meine Mama und meine acht Geschwister – schliefen draußen. Der Strom war ausgefallen, der Mond das einzige Licht. Von dem Krieg haben wir Kinder normalerweise nicht viel mitbekommen. Meine Eltern haben ihn so gut es ging vor uns abgeschirmt. Aber in dieser Nacht hörte ich Schüsse. Und meine Mama, die nicht schlafen konnte. Wir hatten Angst. Alles fühlte sich unruhig an. War das die Nacht, in der meine Mama beschlossen hat, dass dieses Land für uns nicht mehr sicher ist? Wenige Wochen später jedenfalls sind wir geflohen.
Ich zeige hier mein Gesicht nicht, weil ich fürchte, dass sich meine Geschichte auf meinen Berufsweg auswirken könnte. Wer will schon jemanden einstellen, der von Flucht und Krieg gezeichnet ist? Das Augenleuchten meiner Mutter auf dem Foto bedeutet für mich Frieden. Ich arbeite jeden Tag daran, es für mich selbst wiederzufinden. Die größte Hilfe dabei sind meine Freunde hier in Magdeburg.“
