„Die Blume ist ziemlich leicht und doch robust. Sie riecht immer noch ein bisschen nach Gips, aber das war früher stärker. Als ich zehn Jahre alt war, hat sie mir mein Cousin geschenkt – mitten im Krieg. Wir lebten damals in Damaskus, der Hauptstadt von Syrien. Ständig mussten wir umziehen. Wir haben immer da geschlafen, wo es für die Nacht am sichersten war. Es gab nur wenige, sichere Unterkünfte. Für ein paar Wochen war das eine Schule in Damaskus. Es gab da eine Kinderbetreuung: malen, basteln, zusammen spielen. Dort hat mein Cousin Gipsblumen gemacht. Einfach so, weil er sie lustig fand. Jeder aus meiner Familie hat eine bekommen. Jede Blume sieht etwas anders aus, aber alle sind selbstgemacht und etwas Besonderes. Meine ähnelt einer Rose, finde ich. Als ich elf war, sind wir nach Libanon geflohen. Ich kann mich noch an die quälend lange Autofahrt in diesem schrottigen Taxi erinnern. Vier Jahre später ginge es nach Deutschland. Meine Gipsblume hat all die langen Reisen überstanden. Ich lebe jetzt schon länger mit ihr als ohne sie. In meinem Alltag spielt sie natürlich keine Rolle. Aber sie ist eine Erinnerung, an den Krieg und an meine Heimat, an die vielen Spiele auf dem Schulhof, immer mit Jungs, was meinem Onkel gar nicht recht war, und an den Garten dort, ein Labyrinth aus Bäumen und Blumen.“
FluchtMitgenommen

Wer flüchtet, muss viel zurücklassen. Hier erzählen Kinder und junge Erwachsene, was sie retten konnten. Diesmal: Nirmin, 23, aus Damaskus in Syrien. Sie lebt seit acht Jahren in Borna bei Leipzig.
Protokoll von Lilly Schneeweiss