FluchtFerien im Krieg

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Luise Schaller (Illustration)

Seit knapp vier Jahren kämpft Russland gegen die Ukraine. Genauso lang lebt Andrii, 9, in Berlin. Hier erzählt er von seinen Urlauben zu Hause in Odessa, von Angst, dem traurigstem Geburtstag der Welt und Verlobungsringen aus Papier.

Protokoll von Katja Schrader

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„Ich war schon in einigen Städten – keine ist so schön wie Odessa, die ukrainische Hafenstadt, aus der ich komme. Dort bin ich in den Kindergarten gegangen, habe mit Freunden gespielt und mich in Dascha verliebt. Ein Mädchen mit goldbraunen Haaren. Wir planten, dass wir für immer zusammenbleiben werden. Odessa war mal die fröhlichste Stadt der Welt, erzählt Mama. Das war vor dem Krieg, bevor Russland die Ukraine angegriffen hat. Jetzt ist alles anders und doch auch so wie immer.

Das weiß ich so genau, weil wir, obwohl wir seit drei Jahren in Deutschland leben, immer wieder die Ferien in Odessa verbringen. Ferien im Krieg – das klingt vielleicht komisch, aber für mich ist das inzwischen normal. Ich habe keine Angst mehr, und mir kommt es so vor, als hätten auch die Menschen in Odessa ihre Angst irgendwo verloren oder vergessen.

Das war nicht immer so. Ich kann mich genau an den Moment erinnern, als der Krieg anfing. Ich hatte mit Mama und meinem Bruder Urlaub in Schweden gemacht. Der Rückflug sollte über Polen gehen. Mein Bruder hatte am nächsten Tag seinen zehnten Geburtstag. Eine Feier war geplant. Am Flughafen sahen wir, dass alle Flüge in die Ukraine gestrichen waren. Wir wussten nicht, warum. Mamas Telefonakku war leer. Wir übernachteten in einem Hotel. Morgens hatte Mama viele Nachrichten auf dem Telefon. Sie dachte, es seien Geburtstagsgratulationen, aber in allen stand: ‚Es ist Krieg.‘ Ich wusste, was Krieg ist, aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass es bei uns sein sollte. Wir weinten. Zum Glück fand Mama am Bahnhof einen Muffin. Sie steckte eine kleine Kerze darauf. Trauriger könnte ein Geburtstag nicht sein.

Mama überlegte, was wir jetzt machen könnten. Wir fuhren zu Bekannten nach Berlin. Dort lebten wir ein paar Tage mit der Familie zusammen. Diese wenigen Tage kamen mir vor wie ein Jahr. Dann bekamen wir eine eigene Wohnung, in der gar nichts war. Nichts gefiel mir hier. Ich wollte zu Hause sein. Ich sollte im Sommer zur Schule kommen.

Eingeschult wurde ich dann aber in Berlin. Der Anfang war hart, ich konnte kaum ein Wort verstehen. Alles von mir wollte nach Odessa. Trotzdem hatte ich gleichzeitig Angst davor. Wie wird es dort sein? Haben sich die Menschen verändert? Was heißt es, im Krieg zu leben? In den ersten Ferien war es so weit: Es ging nach Hause, in die Ukraine.

Nach ein paar Tagen fürchtete ich mich dort nicht mehr. Nur einmal ging die Sirene los, als ich noch nicht im Haus war. Das war schlimm. Aber die Freude über meine Familie, Freunde und Dascha waren so groß, dass ich schnell alles andere vergaß.

Andrii, 9, mit einem Verlobungsring aus Papier.
Andrii, 9, mit einem Verlobungsring aus Papier. privat

In der zweiten Klasse habe ich für Dascha und mich Ringe aus Papier gebastelt. Bei unserem nächsten Besuch in Odessa fragte ich sie, ob sie mich heiraten will – so richtig auf Knien in einem Restaurant, in dem wir mit unseren Müttern aßen. Wir überlegten, dass wir später zusammen in Odessa leben würden. Dabei kann ich gar nicht zurück. Früher hat man dort Russisch gesprochen. Das ist seit dem Krieg in den Schulen verboten. Die Kinder sollen Ukrainisch sprechen. Ich habe das aber nicht gelernt, kann nur Russisch. Ich vermisse meine Freunde. Wir spielen jeden Tag zusammen auf einer Onlineplattform und telefonieren. Ich mag auch Berlin und die Menschen hier, aber mein richtiges Zuhause ist Odessa, wo alle sind, die ich gern habe.

Jetzt waren wir wieder in Odessa. Es kommt mir vor, als hätten sich alle ein bisschen an den Krieg gewöhnt. Die Menschen gehen, wenn die Sirenen heulen, kaum noch in die Keller. Sie laufen in den Flur oder nur weg vom Fenster. Jeden Tag gibt es Sirenen, die vor den gefährlichen Drohnen warnen, manchmal bis zu acht Stunden lang. Drohnen sehen von Weitem aus wie Punkte, die auf einmal explodieren. Im Trampolinzentrum ertönten die Sirenen und wir mussten in die untere Etage. Als wir wieder oben waren, ging es noch einmal los. Ich habe ein Haus gesehen, in dem nur noch die äußeren Mauern stehen. Innen war ein einziges Loch.

In den vergangenen Tagen wurde Odessa wieder heftig aus der Luft angegriffen. Es gibt gerade so gut wie keinen Strom in der Stadt. Heizung und Wasser fallen aus. Manchmal frage ich mich, wozu dieser Krieg gut sein soll. Warum sagt Russland, dass wir in seinem Land sein sollen? Sie könnten ja auch in unserem Land sein. Ich denke, sie wollen immer alles gewinnen.

Dascha habe ich bei der letzten Reise einen zwei Kilogramm schweren Gummibären mitgebracht. An einem Strandtag am Schwarzen Meer wollte sie plötzlich mit mir reden. Keine ihrer Freundinnen hat einen verliebten Jungen, und deshalb will sie auch keinen mehr, hat sie gesagt. Vielleicht will sie es mit fünfzehn noch einmal versuchen, wahrscheinlich aber niemals mehr. Ob sie den Ring noch hat, weiß ich nicht.“

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