FluchtDas eigene Leben neu denken

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Rayan mit einer Tasse in der Hand, einer Erinnerung an ihre Heimat Syrien.
Rayan mit einer Tasse in der Hand, einer Erinnerung an ihre Heimat Syrien. Mohamad Alkhalaf

Wer flieht, muss fast alles hinter sich lassen und neu anfangen.  Als Sechsjährige verliert Rayan bei einem Granatenangriff auf ihren syrischen Heimatort das linke Bein. Hier erzählt die heute 17-Jährige von ihrem Weg zurück ins Leben.

Protokoll von Mohamad Alkhalaf

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„Ein bisschen sieht sie aus wie eine Schnabeltasse: schnörkelloser Henkel, transparentes Plastik, dazu ein orangefarbener Strohhalm, der im Deckel eingelassen ist. Diese kleine Tasse ist mein größter Schatz. Flucht lässt wenig Platz für Erinnerungsstücke. In dieser Tasse sammelt sich alles, was verloren gegangen ist – das Haus meiner Großmutter, der Geruch des Essens dort, das Gefühl von Sicherheit. Sie ist kein Andenken. Sie ist ein Beweis dafür, dass es einmal ein anderes Leben gab.

Ich komme aus Ost-Ghuta, östlich von Damaskus, der Hauptstadt Syriens. Bekannt ist Ost-Ghuta als Rebellenstadt. Jahrelang kämpften sie dort gegen den Diktator Assad. Und Ost-Ghuta ist bekannt, weil 2013 dort Hunderte Menschen bei einem Chemiewaffenangriff starben. Trotz des Kriegs war meine Kindheit ziemlich gewöhnlich. Ich spielte vor dem Haus, hatte Träume, keine große Angst.

Dann kam der Tag, der alles veränderte. Ich war sechs Jahre alt, mehr als die Hälfte meines Lebens war da schon Krieg. Ich spielte draußen mit meinem Cousin, als meine Mutter sagte: ‚Geh ins Haus. Ich habe Angst.‘ Einige Momente später kam es zu einem gewaltigen Knall. Dann Stille. Als ich wieder zu mir kam, war mein linkes Bein weg. Das rechte gelähmt. Ich verstand nicht, was geschehen war. Ich wartete darauf, dass mein Bein zurückkam. Kinder glauben an solche Dinge. Erwachsene wissen, dass nichts zurückkommt. Wir flohen in die Türkei.

Vor drei Jahren erwischte uns dort das Erdbeben. Häuser stürzten ein, auch unseres wurde unbewohnbar. Wieder überlebten wir – und wieder verloren wir alles, was sich nach Sicherheit angefühlt hatte. Einen Monat lang lebten wir in einem Zelt. Dann fiel die Entscheidung weiterzureisen.

Vor zweieinhalb Jahren kamen wir nach Deutschland. Ich war 14, hinter mir lagen Jahre ohne Zuhause. Würde es hier zu Ende gehen, dieses ewige Fliehen? Könnte das hier der Anfang sein von etwas, das man vorsichtig ‚Ankommen‘ nennen könnte? Deutschland war von Anfang an nicht einfach. Die Sprache fremd, das System komplex, der Alltag in der Unterkunft anstrengend. Aber es gibt Schulen hier. Es gibt Struktur. Und es gibt die Möglichkeit zu planen.

Jetzt bin ich 17, wir leben in München, in einer Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete. Sechs Menschen teilen sich einen kleinen Raum: meine Eltern, meine beiden Schwestern, mein kleiner Bruder und ich. Der Platz reicht kaum aus für unseren Alltag, schon gar nicht für unsere Erinnerungen. Und doch ist dieser Raum ein Versprechen: Er ist vorübergehend. Nach Jahren der Unsicherheit hoffen wir auf mehr als ein Dach über dem Kopf, auf ein Zuhause.

Ich besuche die zehnte Klasse. Lernen ist für mich nicht irgendwie ein lästiges Übel, sondern eine Notwendigkeit. Es ist der Versuch, mir eine Zukunft aufzubauen, die nicht allein von dem bestimmt wird, was ich verloren habe. Ich möchte im Bereich der Prothetik arbeiten, also dem künstlichen Ersatz für verlorene Körperteile – nicht nur, weil ich es spannend finde, sondern wegen meiner eigenen Erfahrung. Ich weiß, wie es ist, einen Teil seines Körpers zu verlieren. Und wie lange es dauert, das eigene Leben neu zu denken.

Ich kenne die Blicke, die Unsicherheit, die Angst vor einem Körper, der nicht mehr selbstverständlich funktioniert. Ich möchte Teil dieser Gesellschaft sein. Nicht als jemand, der nur Schutz sucht, sondern als jemand, der etwas zurückgibt. Ich träume von einer Wohnung für meine Familie. Von einem Schreibtisch. Von einem Alltag ohne ständige Übergänge.

Meine Behinderung ist Teil meines Lebens – aber sie definiert es nicht vollständig. Meine Geschichte ist für mich der Beweis, dass man weitergehen kann – auch dann, wenn Gehen selbst nie wieder selbstverständlich ist. Derzeit suche ich eine Ausbildung, idealerweise im medizinischen Bereich oder in der Orthopädietechnik. Dort, wo Verlust nicht das Ende bedeutet, sondern der Anfang von etwas Neuem sein kann.“

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