Fliegenfischen:Der Fisch ist nur Statist

Das Angeln hat sich hier komplett gelöst von seinem Ursprung, der Fisch ist nur noch Mitgenießer, ein Statist. "Ich mag es einfach, an der frischen Luft, in dieser wunderschönen Natur zu sein", sagt die Schülerin.

Die Fische sollen beim Fischen bitte auf keinen Fall Schaden nehmen - die Frage, ob das nun mehr über den Zustand des heutigen Menschen oder über die gegenwärtige Stellung des Fisches in der Gesellschaft verrät, versendet sich im Rauschen des Flusses.

Der Mann der Japanerin, ein Brite ("kein Engländer!"), der kurz vor der Pension steht und sich drei Wohnsitze leisten kann (Großbritannien, Tokio, Berlin), würde hingegen ungern mit leeren Händen nach Hause gehen. Unglücklicherweise ist er im Werfen nicht so talentiert wie seine Frau. Sie könnte also, will aber nicht, und er möchte unbedingt, kann aber nicht - das Leben kann ein echter Depp sein.

Frauen wollen ein friedliches Erlebnis, Männer ein Ergebnis

Das Paar sei ganz typisch für seine Kunden, sagt Vollrath, ein athletisches Mannsbild in den Fünfzigern, mit silbernem, vollem Haar und verwegen gegerbter Haut. Typisch, weil tatsächlich nicht mehr nur Männer zu ihm kämen; weil Frauen dann eher das friedliche Erlebnis im Freien suchten, während die Männer ergebnisorientierter seien; und weil die Frauen sich oft geschickter anstellten, die Männer aber meist glaubten, es besser zu wissen.

"Manchmal muss ich Paare getrennt unterrichten, weil die sich gegenseitig so hemmen", sagt Vollrath, der nach eigener Berechnung in den vergangenen acht Jahren jede Saison (also zwischen Anfang März und Mitte November) einen Zuwachs der Kundenanfragen um etwa 15 Prozent verbucht hat.

Auch typisch an dem Schüler-Paar: ihr Status. Die meisten seiner Kunden seien erfolgreich in dem, was sie tun, sagt Vollrath. Ärzte, Anwälte, IT-Spezialisten oder fleißige PR-Manager. Leute sind das wohl, denen das anspruchsvolle Fliegenfischen liegt: herausfordernder und anstrengender als das Grundfischen, das, wenn man sich nicht selbst einen Ruck gibt, eine ziellose Warterei sein kann, mit einer unsichtbaren Beute in der dunklen Tiefe.

Ein Hobby für Selbstoptimierer und Ehrgeizige

Die Ohnmacht, die Zufälligkeit und das gedankliche Umherschweifen, die oft zum stundenlangen Angeln vom Stuhl aus gehören - nix für Selbstoptimierer und Ehrgeizige. Sie gehen lieber auf die Pirsch, bewegen sich permanent in die optimalen Positionen, suchen die Fokussierung auf das Wesentliche.

"Viele meiner Kunden klagen, dass sie beim Tennis oder beim Segeln nach drei Minuten mit den Gedanken wieder im Büro sind. Beim Fliegenfischen geht das nicht, das ist wie Schach", sagt Vollrath beim Waten durch den Fluss, dessen mickrig erscheinende Strömung dann doch recht kraftvoll ist.

Fliegenfischer müssten alle paar Meter aufs Neue die Bedingungen checken, "das ist ein ständiges Filtern": Wie ist der Wasserstand, von wo kommt der Wind, und wie stark ist er? Fliegen die Schwalben tief, sind viele Insekten zu sehen? Wie steht die Sonne? Von wo werfe ich? Man muss den Menschen, damit er alles andere zu vergessen vermag, also nur mit genügend Aufgaben auf einmal versorgen.

Manche der Kunden aber könnten nicht akzeptieren, dass es bei diesem Schach auch ein Patt gibt - dass sich also Fischer, die an einem schönen Angeltag nicht gegen den Fisch gewinnen, sich keineswegs als Verlierer fühlen müssten. "Die bleiben stundenlang an einer Stelle und zielen auf diesen einen Fisch ab. Und wenn sie ihn nicht kriegen, fahren sie am nächsten Tag nochmal hin und sind noch ehrgeiziger."

Der Mensch, ein Schlamassel - der Fisch, weise und stumm

Vollrath will das gar nicht bewerten: ob das Angeln nun der Selbstfindung oder der Fischfindung dienen soll, dem hedonistischen Entspannen oder doch der zweckdienlichen Spannung.

Der Vater von Norman Macleans Protagonisten war da schon dezidierter in seiner Haltung: "Mein Bruder und ich hätten das Fischen lieber gleich so gelernt, daß wir hinausgingen, einfach ein paar fingen und bei den Vorbereitungen völlig auf alles Schwierige oder Komplizierte verzichteten, was von dem Spaß ablenken würde. Aber wir wurden nicht über den Spaß in die Kunst unseres Vaters eingeführt. Wenn unser Vater das Sagen gehabt hätte, so wäre es keinem Menschen, der nicht richtig zu fischen wußte, gestattet gewesen, einen Fisch durchs Fangen zu entehren."

Und dann sagt der Erzähler, an den Leser gerichtet: "Wenn Sie auch nie zuvor eine Flugangel in der Hand hatten, werden Sie es bald faktisch und theologisch als wahr erkennen, daß der Mensch von Natur aus ein Schlamassel ist." Die Fische, weise wie sie sind, kommentieren diesen Befund: stumm.

© SZ vom 06.09.2014/frdu
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