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Finanzkrise in Spanien:Tausende Zwangsräumungen seit 2008

Am selben Abend mitten in Madrid. Die "Plataforma por una Vivienda Digna" (Plattform für würdiges Wohnen) hat abends zu ihrer wöchentlichen Gesprächsrunde eingeladen. Circa 40 Leute sind diesmal gekommen, 40 Menschen, die alle ihre Hypothekenkredite nicht mehr zurückzahlen können. Graue Gesichter, zitternde Hände, Verträge, die aus Klarsichtfolien geholt und rumgereicht werden. Und Geschichten wie die von Matilda: Matilda ist 62. Ihre Tochter hat eine Wohnung gekauft. Matilda hat damals gebürgt. Warum auch nicht. Damals, das ist fünf Jahre her und war doch in einer anderen Epoche, damals also gab es Jobs und eine Zukunft. Die Krise kam, Matildas Schwiegersohn ging und ließ die Tochter mit den Kindern sitzen. Die kann jetzt nicht mehr so viel arbeiten wie früher, wegen der Kinder, und somit die Kreditraten nicht bedienen.

Wenn man in Spanien eine Rate seiner Hypothek nicht rechtzeitig zahlt, kann die Bank den Vertrag für nichtig erklären und das gesamte Darlehen auf einen Schlag zurückfordern. Welcher Kreditnehmer kann das leisten? Die Bank kann dann die Zwangsräumung veranlassen und die Wohnung zum aktuellen Preis zurückkaufen. Der aber beträgt nur noch die Hälfte von damals. Also muss nicht nur die Tochter, sondern auch Matilda ihre Wohnung verkaufen und räumen. Schließlich hat sie gebürgt.

Die Bank beknien? Oft versucht.

Wie gesagt, sie ist 62 Jahre alt. Ihr Mann ist durch die ganze Geschichte, die sich seit drei Jahren hinzieht, schwer krank geworden, Matilda muss ihn pflegen. Ihre Stimme klingt so gepresst, als sitze sie in einem tiefen, engen Schacht, immer wieder müssen sich einige der Zuhörer stellvertretend räuspern. Wenn jemand eine Frage stellt, winkt sie ab: die Bank beknien? Oft versucht. Woanders Geld leihen? Hab ich, jetzt hängt meine Schwester mit drin. Sie hat einen Anwalt genommen und den Prozess gegen die Bank verloren. Macht zusätzliche 30.000, die sie nicht zahlen kann. Soeben kam der Räumungsbescheid.

Das ist das Verrückteste an Spanien: Auf der einen Seite stehen 1,9 Millionen Wohnungen leer. Gleichzeitig aber wurden seit 2008 landesweit viele Tausend Verfahren zur Zwangsräumung eingeleitet. Die meisten dieser Immobilien stehen zwar leer oder sind Garagen und ähnliche Zweckbauten. Aber viele Wohnungen wurden tatsächlich geräumt. Die Leute der Plataforma sprechen von 40.000, die spanische Notenbank von 2405 im Jahr 2012. Die Wahrheit dürfte irgendwo in der Mitte liegen.

Matilda knetet das ganze Gespräch über ihre Hände so fest, als seien gar keine Knochen darin. "Ich schlaf nicht mehr. Ich schau nachts in dieses schwarze Loch und krieg keine Luft mehr."

Arbeitern steht das Wasser bis zum Hals

Es werden an diesem Abend acht ganz ähnliche Geschichten erzählt. Hoffentlich stehen sie nicht pars pro toto für das ganze Land. Schließlich haben sich 6,1 Millionen Spanier auf Pump eine Immobilie zugelegt. Bislang können die meisten zahlen. Und vielleicht ist der Tiefpunkt der Krise auch vorüber? Die Wirtschaft ist im drittes Quartal leicht gewachsen, die horrenden Arbeitslosenzahlen steigen zumindest nicht weiter an. In einigen Gebieten ziehen auch die Wohnungspreise wieder an.

Der Internationale Währungsfonds geht allerdings davon aus, dass die Preise im Durchschnitt weiter fallen werden. Vielen Banken und Sparkassen, die seinerzeit selbst einfache Arbeiter zu riesigen Krediten animiert haben, steht das Wasser bis zum Hals. Ein halbes Dutzend marode Sparkassen wurde verstaatlicht und musste mit EU-Krediten gerettet werden. Die Banken geben diesen Druck weiter an die Schuldner. An Leute wie Matilda.

Noch so ein Denkmal des Größenwahns

Seseña. Noch so ein Denkmal des Größenwahns, eine Siedlung im Nichts, 50 Kilometer südlich von Madrid. Geplant für 20.000 Menschen. Brutalistische Klötze, dunkelbraune Plattenbautristesse. Ganze Fassaden mit runtergelassenen Fensterläden. Plätze und Straßen, die in ihrer Symmetrie wahrscheinlich am Reißbrett was hermachen, in der Realität aber so unwirtlich sind wie Autobahnraststätten, Aufmarschplätze oder Flughafenterminals: Die Straßen viel zu breit, die Plätze kahl und leer, nur der Wind fühlt sich hier zu Hause. Alle Menschen wirken in diesem Setting viel zu klein.

Mittlerweile ist in Seseña rund ein Viertel der Wohnungen belegt. Ana und Elena zählen zu den Pionieren, die beiden Schwestern aus Madrid haben 2008 gekauft, auf dem Gipfelpunkt des Wahnsinns, als das ganze Land ein Immobilienspielcasino war. "Als wir sahen, dass die Wohnung unserer Nachbarn innerhalb von nur einer Woche 5000 Euro teurer geworden war, haben wir beschlossen, mitzumachen bei diesem Roulette."

Tja, und so haben sie gemeinsam eine Wohnung hier draußen bezogen. 80 Quadratmeter, 180 000 Euro. Die Rechnung klang gut: "In fünf Jahren verdoppelt sich der Preis, wir verkaufen und kaufen uns von dem Geld dann beide eine eigene Wohnung", sagt Elena. Der Preis hat sich dann doch nicht verdoppelt, im Gegenteil, dieselben Wohnungen kann man jetzt für 60 000 kaufen. "Ich konnte damals nachts um drei Geige spielen", sagt Ana. "Es war ein Traum. Jetzt ist es ein Albtraum."

Ana arbeitet in Madrid, im Parque de Atracciones. Das war mal ein Studentenjob, aber mittlerweile geht sie auf die 40 zu und ist einfach nur froh, Arbeit zu haben, auch wenn sie heute 20 Prozent weniger bekommt als vor zwei Jahren. Sie drückt die Knöpfe für die Achterbahn, "deutsche Wertarbeit, die fährt und fährt und fährt. Die kleineren Fahrgeschäfte werden in Italien gebaut, das geht alles dauernd kaputt. Wie macht ihr Deutschen das nur. Alles so perfekt." Ihre Achterbahn heißt Abismo. Abgrund. Sie lacht: "Tagsüber herrsche ich über den Abgrund. Nachts schau ich rein."

Nirgendwo gab es mehr Hauseigentümer als in Spanien

Elena hat Biologie studiert. "Alle meine Kommilitonen sind gegangen. Nach Deutschland, in die USA, weg, weg, weg. Ich bin die einzige, die hier einen Job gefunden hat." Als Biologin? "Ach was, nein, in der Stadtverwaltung." Und warum wollten die beiden so unbedingt eine Wohnung kaufen? "Weil das in unserer spanischen DNA drin ist", sagt Elena.

Der Wirtschafts- und Politikwissenschaftler Vicenç Navarro erklärt den unbedingten Wunsch der Spanier nach einer eigenen Immobilie durch die Franco-Jahre: Nach dem Krieg setzte im ganzen Land aufgrund der großen Armut eine Landflucht ein. Die Regierung schob ein gigantisches Bauprogramm an und warb gleichzeitig dafür, dass die Bevölkerung mit staatlich geförderten Krediten all die neuen Wohnungen kaufen solle. Der Wohnungsbauminister José Luis Arrese erfand Ende der Fünfzigerjahre den berühmten Slogan, dass aus allen proletarios propietarios werden. Das Wortspiel beinhaltet das Versprechen, durch den Kauf einer Wohnung auch sozial aufzusteigen, sich aus dem Proletariat qua Eigentum herauszuheben. Was es aber kaschierte: Die vermeintlichen Besitzer blieben lebenslang Schuldner.

Das funktionierte, solange es bergauf ging. Und die Banken hatten ein herrliches Geschäftsmodell gefunden: Noch dem einfachsten Hilfsarbeiter wurden riesige Kredite hinterhergeworfen, Spanien wurde das Land mit dem höchsten Anteil von Hauseigentümern in der EU. Eines Morgens aber wachten all diese Menschen auf und merkten, dass sie gar keine Eigentümer waren.