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Dem Geheimnis auf der Spur:Schmerz der Finsternis

Welles in den Niederlanden (1948)

Überflieger im Dienst der Kunst: Orson Welles 1948.

(Foto: wikimedia commons/ Nationaal Archief/ public domain/Nationaal Archief)

Beinahe wäre nicht "Citizen Kane" Orson Welles' Hollywood-Debüt geworden, sondern ein ganz anderer Film, der Stoff für Legenden ist.

Von Sofia Glasl

Halb gelöste Geheimnisse sind manchmal schwerer zu ertragen als jene, die völlig im Dunklen bleiben. Zu diesen Halb-Geheimnissen gehört ein Film des amerikanischen Autors, Regisseurs und Schauspielers Orson Welles. Vielmehr: ein beinahe gedrehter Film. Um dieses Geheimnis einzukreisen, muss man die Geschichte seiner Entstehung rückwärts erzählen.

Es beginnt mit weitverbreitetem Filmwissen: Welles gab sein Hollywood-Debüt 1941 mit der Mediensatire "Citizen Kane", die über Jahrzehnte hinweg als bester Film aller Zeiten galt. "Rosebud", Kanes letztes Wort auf dem Sterbebett, ist zum geflügelten Wort für ungelöste Geheimnisse geworden. Kameraperspektiven, Lichtsetzung und Bildgestaltung waren damals nicht nur bahnbrechend, sondern prägten ganze Generationen von Filmschaffenden. Doch für den damals erst 26-jährigen Orson Welles war "Citizen Kane" kaum mehr als eine Fingerübung und eigentlich nur der Plan B. Mit anderen Worten: Einer der Grundpfeiler des amerikanischen und europäischen Kinoerzählens war eine Ausweichlösung.

Fieberträume und Wahnsinn: Das fand Orson Welles ungeheuer faszinierend

Und Plan A? Das war eine Literaturadaption, "Herz der Finsternis" von Joseph Conrad aus dem Jahr 1899 - eine der wichtigsten Erzählungen der englischsprachigen Literatur, weil sie tief in die Psyche ihres Protagonisten eintaucht: Aus der Perspektive des britischen Kapitäns Marlow erzählt sie von dessen Berufung in den Kongo, um für die Kolonialherren Elfenbein zu transportieren. Marlow soll zudem einen gewissen Elfenbeinhändler Kurtz finden, der verschollen scheint. Krankheit und Zweifel an der eigenen Rolle lassen ihn immer weiter in Fieberträume und Wahnsinn abdriften.

Diesen Part hätte Welles in seinem Drehbuch auch direkt aufgegriffen: Er plante, den gesamten Film nicht nur aus Marlows Perspektive zu erzählen, sondern auch zu filmen. Eine solche konsequent subjektive Kameraperspektive hätte es ihm ermöglicht, sowohl Marlow als auch Kurtz zu spielen - Bescheidenheit lag ihm auch damals nicht. Zudem hätte er Kamerabewegungen in das Medium eingeführt, die erst viel später mit handlicheren Gerätschaften funktionieren sollten. Wohlgemerkt: Er arbeitete in den Dreißigerjahren, damals waren Kameras noch ziemlich schwere und unbewegliche Kästen. Der logistische und technische Aufwand wäre enorm gewesen. Die Idee einer durchgängig subjektiven Perspektive wurde dann erst 1947 in "Die Dame im See" von Robert Montgomery umgesetzt - kein besonders großer Erfolg.

Möglicherweise hätte dieses Konzept bei Welles besser funktioniert, denn bei allem Neuerungswillen hatte er immer seine Zuschauer im Blick. Für "Herz der Finsternis" hatte er daher zwei kleine Intro-Szenen geschrieben, die das Publikum an die Hand nehmen und mit der Perspektive vertraut machen sollten: Die erste Szene ist aus der Perspektive eines Kanarienvogels im Käfig gefilmt, in dessen Sichtfeld Welles' überlebensgroßes Gesicht erscheint. "Sie spielen die Rolle eines Kanarienvogels. Ich bitte Sie zu singen und Sie weigern sich. Das ist die Handlung. Ich biete Ihnen eine Olive an", sagt er und wirft eine Olive in Richtung Kamera. Weshalb er einem Kanarienvogel gerade eine Olive hinwirft, ist nicht überliefert. "Hier sehen Sie aus der Vogelperspektive, wie ich wütend bin. Ich bedrohe Sie mit einer Pistole." Welles drückt ab und ein Feuerwerk richtet sich auf das Publikum.

"Herz der Finsternis" war also ein ziemlich gewagtes Projekt für einen Hollywood-Neuling. Doch Welles genoss nach seiner fulminanten Radiofassung von H. G. Wells' Roman "Krieg der Welten" Narrenfreiheit. Das Hörspiel hatte 1938 für Furore gesorgt und Welles ein Angebot aus Hollywood eingebracht, das im damaligen Studiosystem wie ein Freifahrtschein gewirkt haben muss: maximale künstlerische Freiheit.

Welles dachte groß, so viel steht fest, und das ließ auch die Kosten explodieren. Das Studio schloss einen Dreh im Dschungel aus, doch auch das Set-Design und die Dampfschiff-Ideen uferten aus und verzögerten das Projekt. Vermutlich kostete das Welles indirekt sein Vorhaben, denn er siedelte den Stoff in den faschistischen Dreißigerjahren an und verpasste allen Kolonialisten zackige deutsche Namen: Strunz, Butz, Tirpitz, Stitzer - passend zu Kurtz natürlich. Der hält obendrein auf dem Sterbebett eine lange Rede darüber, dass in Europa nun einer wie er selbst die Macht an sich zu reißen versucht. Das mag dem Studio damals dann etwas zu brenzlig und konfliktträchtig geworden sein. Offiziell scheiterte das Filmprojekt jedoch an eher profanen Gründen: Das Studio zog wegen der Kosten die Notbremse.

Mit diesem Filmstoff erlitten einige Regisseure Schiffbruch

Nachträglich mag man sagen, dass Welles sich möglicherweise ordentlich Ärger erspart hat, denn nach ihm bissen sich weitere Größen des Weltkinos beinahe die Zähne an dem Stoff aus: Werner Herzog drehte in den Siebzigerjahren in Peru "Aguirre, der Zorn Gottes" mit seinem geliebten Feind Klaus Kinski. Er habe Kinski sogar mit einem Gewehr gedroht, erzählte Herzog später über den irren Dreh. Francis Ford Coppola saß wenige Jahre später wie ein Häuflein Elend im philippinischen Urwald am Set von "Apocalypse Now" (1979) und dachte laut darüber nach, sich zu erschießen, weil die Produktion immer teurer wurde, sein Star Martin Sheen einen Herzinfarkt erlitt und Marlon Brando sich zunächst weigerte anzureisen. Coppolas Frau Eleanor filmte das Elend mit, daraus wurde dann der Dokumentarfilm "Hearts of Darkness: A Filmmaker's Apocalypse" (1991).

Welles' Film, der schon wie Hitzeflimmern greifbar nah schien, löste sich in vermeintliches Wohlgefallen auf. Doch wie ein wehmütiger Phantomschmerz bleibt die Frage, ob sein Projekt das Zeug zum genialen Klassiker gehabt hätte - so wie "Citizen Kane".

© SZ
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