bedeckt München

Familien im Lockdown:Der Fernseher ist das neue Lagerfeuer

Gemeinsam vor dem Fernseher statt jeder am eigenen Smartphone: Nur die Bildschirme sind heute etwas größer als in den Vierziger- und Fünfzigerjahren.

(Foto: mauritius images/ClassicStock)

In der Pandemie wird das gemeinsame Fernsehen gerade als Familienritual wiederentdeckt. Neun kleine Geschichten über das Gemeinschaftsgefühl beim Fernsehen.

Von SZ-Autoren

Erdnussflips und Inga Lindström

Corona hat unser Leben verändert, vor allem sonntags. Früher haben meine Frau und ich abends erst unsere kleine Tochter ins Bett gebracht und dann "Tatort" geschaut. Weil das Homeschooling in der Regel später beginnt als die normale Schule, darf die Kleine nun länger aufbleiben. Aber für den "Tatort" ist sie noch zu jung. Also schauen wir gemeinsam die Schmachtfetzen von Rosamunde Pilcher oder Inga Lindström. Meine Frau mag diese Filme wegen der schönen Landschaften, sagt sie. Ich weiß nicht, ob ich das glauben soll. Meine Tochter mag die Filme wegen der Kleider und der Liebesgeschichten und wegen der Erdnussflips, die wir dazu futtern. Ich verachte selbstverständlich alles an diesen Filmen, die vorhersagbaren Handlungen und die grauenhaften Dialoge. Ich schaue das nur aus Liebe zu meiner Familie. Neulich hat meine Frau nach einem besonders romantischen Filmende behauptet, ich hätte feuchte Augen. Ich habe geantwortet, das sei nur die Müdigkeit. Aber ich weiß nicht, ob sie's geglaubt hat. Nico Fried

Panorama am Morgen

Die tägliche Frühschicht mit der Tochter, 1, hat sich im Home-Office verlängert, sie dauert jetzt von etwa sechs Uhr bis exakt eine Minute vor Arbeitsbeginn. Das fühlt sich an manchen dunklen Wintermorgen sehr lang an, zumal wenn einer noch nicht mal beide Augen offen hat. Lotti ist allerdings schon sehr wach und telefoniert viel. Dafür nimmt sie die TV-Fernbedienung ans Ohr, schaut genervt an die Decke und sagt immer das Gleiche: Ao, ao? Ja! Neiiiin! Schüss! Keine Ahnung, wo sie sich das abgeschaut hat. Jedenfalls - eines Morgens hat sie dabei versehentlich den Fernseher angeschaltet. Angetan starrten wir auf den Bildschirm: Berge, Liftanlagen, Zithermusik. Lotti fing ekstatisch an zu tanzen, und meine müden Augen heilten sofort, so angenehm war das: Schwenk über Skipiste, Schwenk über Gipfelpanorama, Schwenk über Nebelbank. Seitdem gehört das Alpenpanorama auf 3sat zu unseren Morgenritualen, und es ist gar nicht übel. Vor allem ist es schön sanft und frei von Aufregung oder neuen Corona-Zahlen. Es stillt das Fernweh ein wenig, ersetzt den Wetterbericht und es beschert den traurig leer baumelnden Liftsesseln ein kleines, aber begeistertes Publikum. Zumindest so lange, bis Lotti wieder telefonieren muss. Max Scharnigg

Eine Frage des Settings

Gerade wenn es darum geht, Kinder sehr verschiedener Altersstufen auf dem Sofa festzutackern, kann man natürlich ewig an der Filmauswahl schrauben ... Oder man versucht es mit einem anderen Setting: Unser Lockdown-Retter war ein Akkubeamer. Jeder Filmabend ein anderer Raum, schnell und ohne viel Rumgekabele, das Erlebnis liegt auch in der Abwechslung. Ölsardinig bei uns im Ehebett, übereinandergestapelt im Stockbett der Kinder (Achtung mit den Chipsbröseln von oben!) oder einfach draußen an der Frischluft: das Bild an der Hauswand, neben einem die Feuerschale, die Finger zusammengeklebt von gerösteten Marshmallows. Einmal habe ich mit der Siebenjährigen sogar aus der Badewanne geschaut. Da allerdings ist die Filmauswahl wirklich entscheidend: Unbedingt was Kurzes nehmen! Georg Cadeggianini

Popcorn und Parameter

Ich weiß natürlich, dass Erziehung über Belohnung eher fragwürdig ist, aber für größere pädagogische Ansprüche an uns selbst fehlt leider gerade oft die Kraft. So kam es, dass der Kinoabend am Samstag seit Weihnachten zu einem festen Ritual geworden ist: Unter der Woche dient die Aussicht darauf dem Sechsjährigen als Anreiz zum Aufräumen, am Samstag dient er uns allen als eineinhalbstündige Kuscheleinheit auf dem Sofa. Und so arbeiten wir uns nun durch das Kinderklassikerprogramm, nach zwei Parametern: Die Eltern müssen anderthalb Stunden durchhalten können, ohne aufs Handy zu schauen (gerade noch erfüllt von "Mullewapp 1 & 2"), der Sechsjährige muss mindestens drei Viertel der Handlung kapieren (knapp verfehlt bei "Asterix, der Gallier") und danach noch einschlafen können (erstaunlich problemlos nach "Hotzenplotz", erstaunlich schwierig nach "Sams in Gefahr"). Dazu gibt es angebranntes Popcorn aus der Mikrowelle, das ich danach aus den Sofaritzen pople. Es liegt nicht nur an der sonstigen Ereignisarmut dieser Wochen: Unser Sohn ist nicht der Einzige in der Familie, der sich die ganze Woche darauf freut. Diesen Samstag steht "Lotta aus der Krachmacherstraße" auf dem Programm. Ich bin optimistisch. Katharina Riehl

Klassische Bildung

Stehen drei Revolvermänner mit flatternden Staubmänteln an einer gottverlassenen Bahnstation im gottverlassenen Wilden Westen und warten. Und warten. Dem einen tropft Wasser in die Krempe, dem anderen trudelt eine Fliege in die Wumme, einer knackt mit den Fingern, im Wind quietscht die Wetterfahne. Sonst nichts. Zehn Minuten, bis der Zug eintrifft, aus dem Charles Bronson steigt und dem Warten im finalsten Sinne des Wortes ein Ende bereitet. Wie man sieht: Wir schauen mit unserem Sohn, er ist 13, gerade die Klassiker. "Das Leben des Brian" etwa (fand er ganz lustig), "Männer" (fand er langweilig), "Die Letzte Nacht des Boris Gruschenko" (hat er nicht kapiert) oder "Frühstück bei Tiffany" (schon wieder so 'ne peinliche Liebesgeschichte!). Aber er muss da durch, man kann seine Söhne ja nicht widerstandslos den Marvel-Helden in die Arme werfen. Niemals aber habe ich ihn so irritiert gesehen wie in den ersten zehn Minuten von "Spiel mir das Lied vom Tod". Kaum Schnitte, keine Action, keine Dialoge, kein Durchblick und trotzdem irgendwie - krank. Also cool. "Spiel mir das Lied vom Tod" wird ab 16 empfohlen, weil in den wenigen Szenen, in den tatsächlich was passiert, relativ großformatig gestorben wird. Haben wir ignoriert. Dafür hat unser Sohn jetzt Ennio Morricones Cheyenne-Thema auf seiner Playlist, das heißt mal was. Nächste Woche machen wir mit "Eine Handvoll Dollar" weiter. Tanja Rest

Freiwillige Selbstkontrolle

Freitagabend, selbstgemachte Pizza, Film. Zwei Bleche für drei Menschen, das ist zu viel, führt aber direkt ins nächste neue Ritual (Samstagmorgen, Pizza zum Frühstück). Die Pizza der Eltern ist scharf und fischig und stinkekäsig, die der Siebenjährigen auf Sicherheit belegt: keine Experimente, keine Überforderung, Margherita mit Schwammerl. Zwischen diesen zwei Polen - hier mutig, dort mild - wurde zu Beginn der neuen Regelmäßigkeit auch die Filmauswahl diskutiert. Die Eltern, zermürbt von sieben Jahren passivem Schnullibulli-Kinderfernsehen, gierten nach aktiver Sehbeteiligung und schlugen "Harry Potter" vor, FSK ab 6. Das Kind, offen für Abenteuer und fasziniert von gerade noch Verbotenem, nahm das ungewöhnliche Angebot natürlich sofort an. Wie der Film ausging? Das wissen wir nicht. In vorbildlicher freiwilliger Selbstkontrolle bat die Tochter mittig um Abbruch des Filmschauens. Zu furchteinflößend. Als Vater gibt man in solchen Situationen für gewöhnlich den großen Beruhiger. Wenn die Tochter den Vater aber für Voldemort hält, sind alle Bemühungen vergebens. Das war eine harte Nacht. Mittlerweile treffen sich Eltern und Tochter in der bewährten Mitte: Animationsfilme. Und mir ist es auch lieber, von der Tochter mit Kung Fu Panda verglichen zu werden als mit einem, dessen Name nicht genannt werden darf. Vor allem nicht mehr bei uns. Martin Wittmann

Endlich wieder Volleyball

Was für ein Glück, wenn die Kinder allmählich in ein Alter kommen, in dem sie Filme anschauen wollen, die man als Erwachsener auch gut findet. "Haikyu!!" zum Beispiel. Ganz großes japanisches Entertainment, die zwei Ausrufezeichen sind mehr als berechtigt. Wenn meine Elfjährige "Haikyu!!" ruft, spurte ich zum Fernseher, denn das gemeinsame Glotzen ist schon deshalb ein Erlebnis, weil meine Tochter jede Sequenz, jeden Spieler und jeden Spielzug aus der Manga-Serie kennt und mich auf Feinheiten der Dramaturgie aufmerksam macht. Und wehe, ich kann die Stammformation des Volleyballteams der Karasuno-Oberschule nicht runterbeten: Auf dem Feld stehen meist der viel zu kleine Mittelangreifer Hinata, der mürrisch-geniale Steller Kageyama, der draufgängerhafte Tanaka, der in sich gekehrte Tsukishima, der schüchterne Asahi und der blitzschnelle Nishinoya. Zusammen sind sie ein aufstrebendes Team mit dem Traum, endlich mal zur japanischen Landesmeisterschaft zu fahren - ihre Namen kenne ich jetzt beinahe auswendig, seit mich meine Tochter täglich abfragt. Seit meiner Jugend bin ich selbst Volleyballer, inzwischen auf mäßigem Freizeitniveau, aber wenn ich "Haikyu!!" anschaue, springe ich innerlich bei jedem Angriffsschlag mit. Meine Tochter lacht sich kaputt über meine frisch erblühte Manga-Begeisterung. Und das tut so gut. Christian Mayer

Feine Auslese

Wenn wir erzählen, dass wir als Kinder im Fernsehen immer nehmen mussten, was gerade so lief, schauen unsere Töchter (9 und 5) mitleidig. Nicht wegen der zeitlichen Fesseln, sondern weil für sie beim Familienfernsehen der Auswahlprozess das Größte ist. Bei uns ähnelt der dem Aufwand der Oscar-Jury. Wir sind eine TV-Demokratie, es wird nur gesehen, was alle okay finden. Also hocken wir am Küchentisch und diskutieren. Es werden Trailer bei Netflix und Youtube angesehen (selten unter fünf), Deals gemacht ("Wenn wir heute ,Hotel Transsilvanien' gucken, dann nächstes Mal ,Die kleine Hexe', okay?") und Infos eingeholt. "Ist ,Boss Baby 2' schon gestartet?" (Kommt erst Ende März ins Kino.) "Was ist mit ,Peter Hase'?" (Ist erst für Ende Mai angekündigt.) Irgendwann finden wir einen Film, erstaunlicherweise. Bevor es dann losgeht, werden riesige Tabletts angerichtet mit Flips, Salzstangen, Toffifee, Gummifröschen, Bier, Wein, Kindercola. Dann werden alle verfügbaren Decken und Kissen ins Wohnzimmer geschafft, bei Bedarf Wärmflaschen, alle Vorhänge zugezogen, die Lavalampe blubbert sich langsam warm. Wenn der Film dann endlich läuft, sind wir alle ein wenig erschöpft. Claudia Fromme

Tatort: Familiensofa

ARD, ZDF, das Dritte, tagsüber nix, nachts Testbild - und zum Umschalten aufstehen: So ging Fernsehen für uns als Kinder. Wäre man heute noch mal Kind, es wäre zweifellos der Himmel, bildet man sich ein: diese unbegrenzte Auswahl! Und alles so nah beieinander, die "Simpsons" nur einen Knopfdruck vom "Bachelor" entfernt! Doch der einzige Mitbewohner im Haus, der noch Kind ist, schüttelt nur matt den Kopf, nuschelt: "TV? Digger, so was von over!" Und entschwebt ins Nebenzimmer, wo er vier Stunden am Stück irgendwas mit "Survival" und "Horror" zockt. Doch im Lockdown, wenn jeder Abend gleich verläuft und um 21 Uhr mit Hausarrest endet, geht offenbar selbst dem härtesten Egoshooter das pausenlose Blutverspritzen auf die Nerven, wenn nicht gar an die Nieren. Jetzt wär ein bisschen heile Welt recht. Und so erscheint der 17-Jährige aus heiterem Himmel hinterm Sofa, wo die Eltern gerade im Schein des "Tatort" sitzen: Intro aus den 70ern, Altherren-Dialoge, analoge Abläufe. So was von over, schon klar - und genau deshalb das Richtige. Da fließt der Sohn auch schon, wie zähes Karamell, über die Rückenlehne. Wanzt sich an die väterliche Schulter ran. Aktiviert den Kuschelmodus. Und fragt eine Woche später: "Und, was geht, heute wieder 'Tatort'?" Der Junge weiß, was gut tut in Zeiten wie diesen. Violetta Simon

© SZ
Zur SZ-Startseite

SZ PlusFamilien in der Pandemie
:Wie man im Home-Schooling nicht die Nerven verliert

Bei vielen Familien wächst nach sechs Wochen Home-Schooling die Verzweiflung. Unser Autor lebt in Kalifornien und sein Sohn hat seit fast einem Jahr kein Klassenzimmer mehr von innen gesehen. Über Erschöpfung, Ausraster und die Erkenntnis: Wir schaffen das.

Von Jürgen Schmieder

Lesen Sie mehr zum Thema