Fehlende Selbstliebe Wie ist das mit Liebeskummer?

Warum leiden manche Menschen unter Liebeskummer, andere nicht?

Wenn man mit dem Partner eine Heilserwartung verbindet, dann ergibt das Leben nach einer Trennung keinen Sinn mehr. Diese Menschen leiden stark. Sie begeben sich in eine Abhängigkeit von der unerreichbaren Person. Oft wird in dem Geliebten ein Retter gesehen, der mich von meinen inneren Konflikten erlösen soll. Dabei vernachlässigt der Zurückgelassene, dass es zunächst einmal seine Aufgabe ist, sich mit beiden Beinen stabil auf den Boden zu stellen. Bei gelebter Selbstliebe hingegen weiß ich, dass es mir nach einem notwendigen Trauerprozess wieder besser gehen wird. Wenn es mir nicht gelingt, nach und nach den Liebeskummer abklingen zu lassen, dann arbeitet eine unerfüllte Sehnsucht in mir, um die ich mich zunächst einmal selbst kümmern sollte. Selbstverständlich kann Selbstliebe partnerschaftliche Liebe nicht ersetzen. Bei einem unerfüllten Liebeswunsch wird immer eine Leere zurückbleiben. Der Selbstliebende weiß aber, weil er sich selbst vertrauen kann, dass der Zeitpunkt kommen und der passende Mensch ihm über den Weg laufen wird, von dem seine Liebe erwidert wird.

Was machen Sie bei Menschen, die Ihnen sagen, dass sie sich selbst nicht lieben können, nach allem, was sie getan haben?

Insbesondere bei Suchtkranken erlebe ich regelmäßig, dass sie sich mit Selbstvorwürfen überhäufen, oft haben sie in Phasen starken Trinkens viel zerstört. Dann ist es unsere Aufgabe aufzuräumen. Häufig ist es im Zusammenhang mit der Suchterkrankung nicht möglich, etwas wiedergutzumachen. Was zählt, sind Veränderungen, nämlich ein suchtmittelfreies Leben, und das benötigt Zeit. Zudem ist es schwierig, wenn man unter einer Last von Schuldgefühlen steckt, sich zu verändern.

Und was raten Sie dann?

Hilfreich in diesem Zusammenhang ist das Bild der bedingungslosen Liebe. Was muss ein Baby leisten, um geliebt zu werden? Nichts. Die pure Existenz macht es liebenswert. Die Eltern tun alles für das Wohl ihres Kindes. Später wird das Kind gefordert und gefördert, aber wenn es gut läuft, werden die Eltern trotz verschiedener Querelen immer auch die Botschaft senden: Es kann kommen was will, nichts wird uns davon abhalten, für dich das Beste zu wollen. Sich selbst zu lieben heißt in diesem Zusammenhang, sich selbst mit seinen Fehlern, Schwächen und der eigenen Lebensgeschichte anzunehmen. Wir sind es wert, geliebt zu werden, einfach, weil wir existieren.

Überleben

Wir veröffentlichen an dieser Stelle in loser Folge Gesprächsprotokolle unter dem Label "ÜberLeben". Sie handeln von Brüchen, Schicksalen, tiefen Erlebnissen. Menschen erzählen von einschneidenden Erlebnissen. Wieso brechen die einen zusammen, während andere mit schweren Problemen klarkommen? Wie geht Überlebenskunst? Alle Geschichten finden Sie hier. Wenn Sie selbst Ihre erzählen wollen, dann schreiben Sie eine E-Mail an: ueberleben@sz.de

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