Fastenmonat Ramadan:"Wieviel Uhr ist es?"

Children sit next to food placed for Muslims before the Iftar meal, during the holy fasting month of Ramadan, at the Jama Masjid in the old quarters of Delhi

In der Altstadt von Delhi warten Kinder auf den Beginn von Iftar, der Mahlzeit des täglichen Fastenbrechens.

(Foto: REUTERS)

Wenn gefastet wird, haben Nicht-Muslime viele Fragen. Darf man wirklich nichts trinken? Ist das nicht anstrengend? Alle Fragen, die Sie sich gestellt haben: hier werden sie beantwortet.

Von Hakan Tanriverdi

Dieser Text ist im Ramadan 2013 zuerst auf kleinerdrei erschienen. Kleinerdrei ist ein Blog, das sich mit Feminismus, Gesellschaft, Pop- und Nerdkultur beschäftigt.

Wie ich mit Nicht-Muslimen über Fasten rede.

ER: "Dieser Schokoriegel ist ein Traum. Pekannüsse, so so lecker! Willst Du mal probieren?

(Meine innere Stimme: Sag jetzt bloß nicht, dass du fastest. Dann geht gleich wieder die Diskussion los.)

Ich: "Nee, du, danke. Passt schon."

ER: "Warum denn nicht? Du verpasst was. Hier... warte" - bricht ein Stück ab, ich kriege sogar den Teil mit viel Pekannuss - "sooo, fertig. Nimm! So lecker. Ein! Traum!"

(Innere Stimme: Ochnöö. Jetzt hat er sich ganz umsonst die Finger klebrig gedrückt. Einfach nix sagen. Mach' eine Handbewegung. Erfinde irgendwas. Sag, du hast eine Pekannuss-Allergie.)

Ich: "Nee. Ernsthaft. Saunett, aber nein."

ER: "Komm schon!"

Ich: "Nein, grad keine Lust zu essen."

(Innere Stimme: Clever. Als ob er jetzt nicht nach dem Grund fragen wird.)

ER: "Wieso? Geht's Dir nicht gut?"

(Innere Stimme: "...")

Ich: "..."

(Innere Stimme: "Mein Gott, dann bringen wir es eben kurz hinter uns.)

Ich: "Ne, ich faste."

ER: "Achsooo. Stimmt. Ra-Ma-Dan! Jetzt schon?"

(Innere Stimme: "Nein, ist nur ein Warm-Up meinerseits!")

Ich: "Ja."

ER: "War das letztes Jahr auch schon so früh?"

Ich: "Nein, die Muslime haben Mondjahre. Jedes Jahr schiebt sich das ein paar Tage weiter nach vorne."

ER: "Also mitten in den Sommer."

(Innere Stimme: "Oh Gott. Wie Recht er hat. Noch zehn Jahre Sommerfasten.")

ER: "Das heißt, Du isst jetzt gar nix, von Sonnenauf- bis Untergang, einen Monat lang oder wie?"

Ich: "Yes, genau."

ER: "Im Sommer? Aber das ist doch sauheiß! Geht das überhaupt?"

(Innere Stimme: "Sag nein! Sag nein!")

Ich: "Ja, eigentlich geht das ganz gut. Ist die ersten Tage halt schwierig, weil es eine Umstellung ist. Aber ab dann gewöhnt man sich relativ schnell dran."

ER: "Ich könnte das ja nicht."

(Innere Stimme: "Warum solltest du das denn auch können sollen/wollen?")

Pause

ER: "Muss das jeder machen? Auch alte Menschen? Was ist mit alten Menschen?

Ich: "Ne, machen müssen das nur Menschen, die sich körperlich dazu in der Lage fühlen. Kranke Menschen nicht, alte Menschen nicht, schwangere Frauen nicht, keine Kleinkinder. Ich glaube, auch Leute, die tagsüber in der Sonne auf dem Bau arbeiten nicht, aber da bin ich mir gerade nicht sicher. Generell ist es so, dass safety first gilt."

(Innere Stimme: "Dieses Jahr recherchierst Du das endlich mal!")

ER: "Aha, und wie ist das in den Ländern, in denen die Sonne überhaupt nicht untergeht?"

(Innere Stimme: "Geil, endlich kannst Du die Frage beantworten.")

Ich: "Die richten sich nach der Uhrzeit von Mekka. Da hat ein Gelehrter für die eine Fatwa erteilt, ein Rechtsgutachten, seitdem dürfen die das. Ich kenne aber auch eine islamische Community, hier in München, die richten sich auch nach der Mekka-Zeit. Die sagen, dass der Prophet das ja auch so gemacht hat und warum sollten sie das für einen längeren Zeitraum machen als er."

ER: "Okay. Hart. Aber trinken geht schon?"

(Innere Stimme: "Here we go.")

Ich: "Nein, auch kein Trinken."

ER: "Das kann doch nicht..."

Ich (parallel dazu): "Kein Rauchen, kein "Ich umarme und küsse meine Frau/meinen Mann". Abstinent bleiben."

ER: "...gesund sein! ... !!!!"

Ich: "Ist es nicht. Ehrlich gesagt, keine Ahnung. Muslime, die fasten, sagen, dass es sie nicht stört. Und ich kann auch nur von mir aus sprechen: Das Keinwassertrinken ist schon machbar, es ist auch nicht so schlimm, wie man sich das wohl vorstellt. Aber klar, wissenschaftlich gesehen gibt es schon größere Bedenken. Die Muslime sehen das eher nach dem "Wird schon gehen"-Prinzip."

(Innere Stimme: "Als ob sich da auch nur einer aus deiner Familie Gedanken macht über die Gesundheit. Auch die Alten fasten, einfach, weil sie zu stolz sind, teilweise.")

ER: "Aha. Aha. Und warum das Ganze? Also, was ist der Sinn dahinter?" (InVoice: "Hungern, Mann!")

Ich: "Ach, das übliche Religionsding. Man versetzt sich durch das permanente Nichtessen und Trinken automatisch in die Lage von Bedürftigen, man wird an das Spenden erinnert, man nimmt seinen Körper bewusster wahr. Außerdem ist das Essen abends ganz schön, weil sich dann in der Regel sich die ganze Familie trifft und das ein Stück weit auch identitätsstiftend ist."

ER: "Abends haut ihr richtig rein, ge?"

Ich: "Also ich kann da nicht so allzuviel essen. Aber andere, ja. Da wird schon ordentlich aufgetischt und diniert."

ER: "Aber da nimmt man dann ja gar nicht ab von?"

(Innere Stimme: "Da hat ja auch niemand was davon gesagt zu Dir in den letzten fünf Minuten, oder?)

Ich: "Nein."

ER: "Krass."

Gespräch Ende.

Wie ich mit Muslimen über Fasten rede.

(Abends, zu Tisch)

(Innere Stimme: "Hunger!")

Ich: "Wann ist heute Fastenbrechen?"

SIE: "21:06, eine Minute früher als gestern!"

Ich: "Okay. Wie war dein Tag?"

SIE: "Passt schon!"

Ich: "Wieviel Uhr ist es?"

SIE: "21:03″

Stille

(Innere Stimme: "Das waren bestimmt schon drei Minuten, seitdem du vom Teller zum Fernseher und wieder zurück geschaut hast. Frag' nach der Uhrzeit!)

Ich: "Wieviel Uhr ist es?"

SIE: "21:04″

Stille

(Innere Stimme: "Die Uhrzeit!")

Ich: "Wieviel Uhr ist es?"

(Innere Stimme: "Null-Sechs, ist es. Null. Sechs!")

SIE: "21:05″

Ich: "Und jetzt?"

SIE: "21:05″

(Innere Stimme: "Wie lecker das aussieht. Guck' doch mal hin.")

Ich: "Meine Uhr zeigt aber 21:06. Ich fang' jetzt an, mir doch egal, Als ob es auf die eine Minute ankommt."

SIE: "Warte halt noch! Mach' den Teletext an. So. 21:05:59. Hadi, hayirli iftarlar. Afiyet olsun.

Ich (mundvoll): "An Guadn."

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