„In meine Schatztruhe passen Switch und Tablet genau rein. Ich klappe den Deckel zu, umwickle sie mit Klebestreifen. Das war’s jetzt erst mal mit Spielen. Eine Woche soll ich darauf verzichten. Fasten nennt das Mama. Eine Woche kein Mario Kart. ‚Kein Problem‘, sage ich fest. ‚Wie soll ich das überstehen?‘, denke ich heimlich.
Seit ich zum Geburtstag die Nintendo-Switch geschenkt bekommen habe, bin ich gut darin geworden. Erst habe ich mich auf Mario Kart gestürzt, bis ich kaum noch von jemandem zu schlagen war, jetzt sind noch andere Spiele dazugekommen. Mama meckert oft, dass es zu viel ist, dass ich süchtig werde. Und dann lässt sie mich doch wieder dran, weil sie was zu tun hat und weiß, dass ich damit gut beschäftigt bin.
Es ist nicht das erste Mal, dass sie auf die Idee mit dem Fasten kommt. Als ich kleiner war, schickte Mama das Tablet immer mal auf die Reise. Wir steckten es in einen Briefumschlag, und dann verschwand es. Mama erzählte mir Geschichten, was es alles erlebt hat. Es machte Fotos bei einer Hochzeit, und eine Oma lernte damit in zwei Tagen jonglieren. Ich bekam sogar eine Karte vom Tablet aus Mauritius. Für so was bin ich jetzt zu groß.
Irgendwie fühlt sich der Anfang gut an. Es ist Montag. Wir haben uns eine Liste gemacht, was ich stattdessen machen könnte. Nach der Schule fällt es mir schwer. Ich bin erschöpft und würde mich gern zum Spielen zurückziehen. Abschalten nach dem lauten Tag. ,Du siehst weiter auf dein Telefon und ich soll verzichten‘, sage ich zu Mama. Sie verspricht mitzumachen. Das fällt ihr nicht leicht. ‚Komm wir gehen eine Runde spazieren‘, sagt sie. ‚Spazieren?‘ ‚Erzähl mir was über dein Spiel‘, bittet sie. ‚Wirklich? Interessiert es dich?‘ ‚Und wie.‘ Ich erzähle von der Entstehung der Super-Mario-Spiele 1985 und dessen Entwickler. ‚Er lebt in Japan.‘ ‚Wie heißt er?‘ ‚Sprich mal nach: Shigeru Miyamoto. Merk dir das! Ist mir wichtig.‘ Mama ist erstaunt. ‚Du bist ja ein Experte‘, sagt sie.
Um mich zu retten, hat mein Freund Emil am Dienstag seine Konsole angeschleppt. Ich weiß schon, das geht nicht. Wir spielen Monopoly. Es ist fast lustiger als sonst. Ich erwische am Abend Mama, wie sie auf ihr Handy sieht. ‚Das ist gemein.‘ ‚Oh – tut mir leid. Hab es vergessen.‘ Sie will dafür einen Tag länger fasten. ‚Können wir spazieren?,‘ frage dieses Mal ich. ‚Na klar.‘ Ich erzähle weiter. Sie hört richtig zu und fragt sogar nach.
Mittwoch – keine Lust mehr auf die Verzichterei. Meine Stimmung ist im Keller. Ich schleiche um die Schatztruhe, als wäre da Gold drin, kratze mit dem Finger an dem Klebestreifen. Sitze auf dem Sofa rum – plötzlich blitzt eine Idee auf. Die Wölkchenstadt. Mit Papier und Stiften mache ich mich an die Arbeit. Die Wölkchenstadt ist wie ein Spiel auf der Konsole, aber gemalt und geschrieben, mit Aufgaben, Sternen und Münzen.
Am Donnerstag darf Mama das Wölkchenspiel ausprobieren. Es macht uns beiden Spaß. Ich bastle noch eine Zeitung mit den News der Stadt. Wir überlegen, wie es nach der Fastenzeit weitergehen kann. Ich frage: ,Wie hieß noch mal der japanische Erfinder?‘ ‚Shiitmoto?‘ Sie bricht sich fast die Zunge. ‚Ach Mama.‘
Mein Gefühl von Freiheit ist am Freitag nach der Schule nicht so groß wie sonst. Kein einziges Spiel. Wir fahren auf eine kleine Reise, ohne Geräte. Dafür spielen wir abends Stadt, Land, Fluss. Ich helfe sogar, Salat zu machen, und nasche den Käse aus der Schüssel.
Die Woche ist schneller vergangen als gedacht. Mama sagt, sie ist stolz auf mich. ‚Danke, dass du mir so viel erzählt hast. Vielleicht wirst du selbst mal Entwickler einer Wölkchenstadt in Japan – oh, lieber nicht so weit weg.‘ Wir haben für jeden Tag eine feste Spielzeit ausgemacht. ,Weißt du, was das Schönste an der Woche war? Dass du nicht ein einziges Mal geschimpft hast. Können wir weiter die Spaziergänge machen?‘, frage ich. ‚Unbedingt.‘
Ich habe die Klebestreifen von der Truhe gekratzt und die Geräte befreit. Bevor ich hineingreife, sagt Mama: ‚Warte mal! Grüß mir Shigeru Miyamoto.‘“
