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Volkssport Fasten:Sauber? Hochgefährlich

Entgiftung? Der britische Arzt und Autor Ben Goldacre ("Die Wissenschaftslüge") hat entlarvt, wie Kunden mit einem Detox-Fußbad hinters Licht geführt werden. Auch seriöse Zeitungen hatten zuvor begeistert darüber berichtet, wie sich das Wasser in der Schüssel dunkel verfärbte, als "Toxine" dem Körper durch die Fußporen entzogen wurden. Es brauchte nur wenig Aufwand, um zu zeigen, dass ein aus dem Chemieunterricht bekannter Vorgang namens Elektrolyse bei den Detox-Fußbädern dazu führt, dass das Wasser braun wird. Eisenelektroden rosten und führen zum veränderten Farbton. Auf Nachfrage konnten und wollten die Hersteller nicht angeben, welche Gifte denn dem Körper entzogen wurden und in der Brühe zu finden seien.

Entsäuern? Der Körper hat das schon selbst geregelt. Die Zellen und das Blut werkeln bei ziemlich konstantem ph-Wert vor sich hin. Dass Stress oder andere Zivilisationspein den Körper übersäuern lassen, konnte nie nachgewiesen werden. Hier muss nichts basisch abgepuffert werden. Einzig die Heilversprechen der Entsagungs-Propheten können einen sauer machen.

Eigentlich ist von Natur aus ganz gut dafür gesorgt, dass der Organismus das los wird, was er nicht mehr braucht. Mehrmals am Tag machen die Menschen klar Schiff mit den überflüssigen Produkten, mit denen ihr Körper nichts mehr anfangen kann. Die Lungen atmen verbrauchte Luft aus. Die Nieren filtern das Blut am Tag mehr als 20 Mal - und lassen dann jene konzentrierten Reste abfließen, die der Stoffwechsel nicht mehr gebrauchen kann. Und der Darm walkt und knetet und resorbiert und saugt auf mehr als fünf Metern Länge so viel Nährstoffe aus den festen Nahrungsbestandteilen heraus, dass nur noch wenig übrigbleibt.

Trotzdem scheinen Wasserlassen und Stuhlgang vielen Menschen noch nicht genug der Reste-Entsorgung zu sein. Merkwürdig.

Welches Selbstverständnis dies enthüllt, wird ein interessantes Forschungsprojekt für die Alltagsarchäologen späterer Generationen sein. Besonders absurd wird es, wenn die vom Körper mühsam abgetrennten Abfallstoffe erneut wieder aufgenommen werden - etliche Menschen sind beispielsweise Anhänger der obskuren Urintherapie. Das entsprechende Buch von Carmen Thomas ("Urin - ein ganz besonderer Saft") hat sich fast eine Million Mal verkauft. Eine rechtschaffene Niere muss sich allerdings gehörig auf den Arm genommen vorkommen, wenn das, was sie mühsam abgepresst und ausgefiltert hat, oben mutwillig wieder reingeschüttet wird.

Popularität der Darmspiegelung

Mit dem Wunsch nach innerer Sauberkeit ist wohl auch die zunehmende - über das Vorsorgegebot gelegentlich hinausgehende - Popularität der Darmspiegelung zu erklären. Obwohl der Eingriff ziemlich lästig ist, hat keine andere Früherkennungsuntersuchung in den letzten Jahren so hohe Zuwachsraten zu verzeichnen, was nicht nur an aggressiven PR-Kampagnen liegt. Zur Vorbereitung muss - häufig noch mit Glaubersalz - abgeführt und der Darm komplett entleert werden. Dann schaut der Arzt persönlich nach, ob alles auch schön aufgeräumt und sauber ist. Die Darmreinigung wird so zur existentiellen Erfahrung.

Sauber? Es wäre hochgefährlich, Darm, Blutgefäße oder Organe blitzeblank zu putzen. Bei der Darmspiegelung passiert das ja nur vorübergehend, damit der Blick auf bösartige Veränderungen frei wird. Auf Dauer wäre es tödlich. Der Darm beinhaltet Abermillionen von Zotten, die zur Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme lebensnotwendig sind. Zudem wird er von Milliarden Bakterien besiedelt, die für die Verdauung unverzichtbar sind. Würden mittels rabiater Reinigung die Zotten und Keime entfernt werden, hätte das fatale Folgen. Auch die Blutgefäße sind keine starren Rohre, die sich mit der Zeit wie eine Wasserleitung zusetzen und wieder von innen blankgeputzt werden können. Blutgefäße sind elastisch, können sich weiten und zusammenziehen und so die Menge des Blutflusses regulieren.

Zwar können sich in den Blutgefäßen sogenannte Plaques bilden. Das sind Ablagerungen aus abgestorbenen Blutzellen und Cholesterinkristallen in den Gefäßen, die verkalken und die Öffnung nach und nach zusetzen können. Doch auch sie sind nicht mit Entgiftungskuren, Entschlackungstees oder anderen "reinigenden" Maßnahmen zu entfernen. Der Befehl "Abfluss frei!" mag im heimischen Badezimmer Wirkung zeigen, im Körper funktioniert er nicht.