Farbpsychologie Alles so schön bunt hier!

sueddeutsche.de: Kann man Menschen mit Farben manipulieren?

Vollmar: Ja, sehr sogar. Architektur und Inneneinrichtung arbeiten viel mit Farben. Man kann durch den Einsatz von Farben Decken heben oder senken, Zimmer größer erscheinen lassen. Weiß lässt einen Raum zehn bis 15 Prozent größer erscheinen oder Hellblau an der Decke hebt den Raum optisch. Kalte Farben beeinflussen unser Wärmeempfinden- so kann ein überhitztes Büro, dessen Wände in einer kalten Farbe gestrichen sind, um ein paar Grad kälter wirken.

sueddeutsche.de: Das macht sich auch die Werbung zunutze...

Vollmar: Natürlich. Bei der Produktwerbung werden wir massiv manipuliert: Durch bestimmte Beleuchtungen wird der Käufer zum Kaufen animiert, Obst und Gemüse sieht in bestimmtem Licht frischer aus. Auch die Farbe des Regals oder der Verpackung leitet das Konsumentenverhalten. Dafür gibt es ganze Expertenteams, die sich über Farben in Logos Gedanken machen, um ihre Zielgruppe anzusprechen: Beim Grün der Dresdner Bank hat sich das Entwicklerteam viele Gedanken gemacht: Es durfte nicht zu hell sein, sonst hätten es die Menschen schnell mit einem "Öko-Image" in Verbindung gebracht. Es sollte aber auch nicht zu "kalt" wirken, denn Grün wird unbeliebter, sobald es in den türkisen Farbbereich geht.

sueddeutsche.de: Inwiefern unterscheiden sich verschiedene Kulturen in der Farbwahrnehmung?

Vollmar: Grundsätzlich ist Farbe ein archetypisches Phänomen. Wie Farbe wirkt, ist weltweit vergleichbar. So hat man bei Untersuchungen festgestellt, dass Kinder bis zum vierten Lebensjahr immer wieder nach der Farbe Rot greifen. Allerdings gibt es dann auch kulturell bedingte Unterschiede: Die grundsätzliche Ansprechbarkeit auf Farbe ist weltweit gleich, aber wie dann genau einzelne Farben wirken, ist von geographischen und historischen Faktoren abhängig. Die Farbe Orange zum Beispiel gehört laut Umfragen in Deutschland zu den unbeliebteren Farben. In Holland hingegen reagieren die Menschen auf Orange positiv, da sie damit das Symbol des Königshauses Oranien und die Trikotfarbe der Fußball-Nationalmannschaft verbinden. Oder die Farbe Gelb: Wüstenbewohner, die unter der verbrennenden Hitze leiden, reagieren aggressiv auf gelbe Farbtöne. Menschen, die in Gebieten leben, in denen die Sonne nicht so oft scheint, reagieren dagegen eher gut gelaunt auf Gelb.

sueddeutsche.de: Gelb ist in der Modeindustrie eine eher unbeliebte Farbe. Gibt es dafür einen Grund?

Vollmar: Ja, das liegt daran, dass es noch immer eine kollektive Assoziation von Gelb mit Randgruppen gibt. Gelb war seit dem Mittelalter die Farbe der Außenseiter: Juden, Bankrotteure und Menschen mit ansteckenden Krankheiten wurden mit dieser Farbe stigmatisiert. Daher kommt es unter anderem auch, dass Gelb relativ selten als Modefarbe auftaucht. Außerdem überstrahlt Gelb sehr stark die Haut, die dadurch fahl erscheinen kann. Gelb steht nicht vielen Leuten...

sueddeutsche.de: Aber sonst sieht man Gelb doch recht häufig, zum Beispiel an Häuserfassaden.

Vollmar: Ja, da kommt dann wieder die Assoziation mit Sonne und Licht zum Tragen. Auch die Autoindustrie hat Gelb für sich entdeckt: Ein gelbes Auto wirkt um einiges schneller als ein Auto in einer anderen Farbe bei gleicher Geschwindigkeit.

sueddeutsche.de: Ist das der Grund, warum die Postautos gelb sind?

Vollmar: Das kann gut sein. Aber bei der Post steht vor allem die Bedeutung von Gelb als Farbe der Kommunikation im Mittelpunkt. Deswegen sind auch die Nachrichtenkabel international gelb.

sueddeutsche.de: Heutzutage scheint alles schriller, bunter, greller - sind wir nicht schon längst "farbüberflutet"?

Vollmar: Ja, diese Entwicklung lässt sich seit Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts feststellen, als die chemischen Farben entwickelt wurden. Damit wurde die Welt drastisch bunter. Im Mittelalter hatten wir noch eine Farbumgebung, die relativ wenig unterschiedliche Farbreize bot. Dasselbe hört man ja auch von Leuten, die die ehemalige DDR besucht haben und die dort alles grau fanden.

sueddeutsche.de: Was ist eigentlich Ihre persönliche Lieblingsfarbe?

Vollmar: Meine Lieblingsfarbe ist Gelb, aber ich habe in meiner Garderobe fast nichts Gelbes und mein Auto ist schwarz. Dafür ist aber mein Lebensraum überwiegend gelb und blau - meine Schränke, meine Wände, mein Bett. Aber ein gelbes Auto würde ich mir nie kaufen, das sieht meiner Meinung nach fürchterlich aus.

Der Diplom-Psychologe und Autor Klausbernd Vollmar lebt und schreibt in England, "weil man dort im Alter skurriler werden darf, in Deutschland wird man hingegen meist biederer". Zum Thema Farben hat er mehrere Bücher geschrieben, unter anderem "Das große Handbuch der Farben" und "Das kleine Buch der Farben".