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Farbforschung in der Mode:Rabenschwarze Zeiten

In Berlin haben internationale Mode-Experten die Farben der Zukunft gesucht. Der Geschäftsführer des Deutschen Mode-Instituts war dabei - und erklärt, was uns erwartet.

Ulrike Bretz

sueddeutsche.de: Wie sieht sie denn aus, die Farbe der Zukunft?

Farbe der Zukunft, iStockphotos

So sieht es aus, wenn Schwarz farbig wird: Die Farbe der Zukunft orientiert sich am Gefieder des Raben.

(Foto: Foto: iStockphotos)

Gerd Müller-Thomkins: Es geht nicht um eine einzelne Farbe. Am Ende des Workshops, zu dem sich das Experten-Netzwerk Intercolour in Berlin getroffen hat, steht eine ganze Farbkarte, für zwei Jahre im Voraus. Auf diesen Katalog aus 32 Farben müssen sich alle Teilnehmer einigen. Sie geben eine Farbstimmung wieder.

sueddeutsche.de: Und wie wird in den Jahren 2010/2011 die Stimmung sein?

Müller-Thomkins: Die dunklen Farben werden heller, die hellen Farben werden dunkler. Und die neutralen Farben Schwarz und Weiß werden farbiger.

sueddeutsche.de: Wie soll das denn bitte funktionieren?

Müller-Thomkins: Man muss sich das vorstellen wie das Gefieder eines Raben: Der ist ja auch nicht eindeutig nur "schwarzschwarz". Sein Gefieder changiert, es erscheint mal violett, blau oder grün. Die Farbpalette wird größer, aber flacher. Alles wird mit einem Grauschleier überzogen.

sueddeutsche.de: Das sind ja düstere Aussichten.

Müller-Thomkins: Es ist tatsächlich der vorläufige Abschied von den knalligen, expressiven und leuchtenden Neonfarben der Gegenwart, die asiatisch beeinflusst sind. Das schrille Grün, das leuchtende Rot - all das wird sich abmildern. Wir treten in eine Phase des Understatements ein.

sueddeutsche.de: Ist den Menschen nicht mehr nach bunt zumute?

Müller-Thomkins: In anstrengenden Krisenzeiten wie in diesen ziehen sich die Menschen auf das Wesentliche zurück. Harte, eindeutige Farben wie ein "Schwarzschwarz" auf der einen Seite, ein überzogenes "Neonneon" auf der anderen - solchen Kontrasten glaubt man nicht mehr. Die Menschen haben jetzt eine Sucht nach Harmonie, sie wollen Verlässlichkeit. Die Farben werden wieder runtergekocht und neu zusammengebracht - sozusagen als Ausgleich.

sueddeutsche.de: Ist das nicht ein wenig zu konstruiert? Was hat die wirtschaftliche Stimmung mit den Farben zu tun?

Müller-Thomkins: Das Expertennetzwerk Intercolour ist kein esoterischer Zirkel. Wir schauen nicht in eine mystische Glaskugel. Beim Workshop untersuchen Fachleute aus der Mode, Textil- und Konsumgüterindustrie aus 13 europäischen und asiatischen Ländern die Entwicklung der Farbe. Das alles übrigens ist völlig unkommerziell. Sie reflektieren Märkte, analysieren Filme, Ausstellungen, Musik und Videoclips aus ihren Ländern. Sämtliche kulturellen Erscheinungsformen aus Europa und Asien fließen in die Forschung mit ein.

sueddeutsche.de: Wie entsteht am Ende ein neuer Trend?

Müller-Thomkins: Das ist wie beim Spielen im Sandkasten. Jeder bringt die Förmchen aus seinem Land mit, also konkrete Farbblininen und Collagen, und dann baut man daraus gemeinsam eine Burg. Wir sammeln Begriffe, berücksichtigen die kulturellen Unterschiede und versuchen, einen gemeinsamen globalen Zeitgeist zu umreißen.

sueddeutsche.de: Was sollten die Farben in China mit den Farben in Finnland gemeinsam haben?

Müller-Thomkins: Die Stimmung ist heute überall dieselbe. Die Menschen in Finnland haben bei dieser Wirtschaftskrise ganz ähnliche Sorgen wie die Menschen in der Türkei. Es geht um einen Mainstream, darum, den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden. Jeder beschreibt seine Perspektive, und am Ende sucht man den roten Faden.

sueddeutsche.de: Und der rote Faden ist in Zukunft schwarz?

Müller-Thomkins: So wie der Konsum ja noch da ist, ist auch die Farbe noch da. Sie bleibt erhalten - aber sie dunkelt sich ab, sie verdüstert sich. Diese Entwicklung spiegelt die Ängstlichkeit wider. Die Menschen haben Respekt vor dem, was kommen wird. Aber man darf nicht vergesssen, dass dies eine Prognose ist, die von heute aus gemacht wird. Innerhalb von zwei Jahren kann sich das noch um ein paar Nuancen ändern - je nachdem, wie es in der Welt weitergeht. Und es kann gut sein, dass es danach wieder bunter wird - das Auge sieht sich an Dingen satt und bekommt Hunger auf die Farben, die es nicht mehr kennt.

sueddeutsche.de: Für welche Farbe haben Sie sich denn heute entschieden?

Müller-Thomkins: Ich trage heute Schwarz.

© sueddeutsche.de/vs
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