Familientrio:Darf ich den Horterziehern widersprechen?

Ein Stopp zu Hause zwischen Schule und Nachmittagsbetreuung wäre für Kind und Eltern praktisch. Das Personal fürchtet die Versicherung. Was tun? Das Familientrio gibt Rat.

Unser Zweitklässler geht jeden Tag 1,6 km von der Schule zum Hort. Er kommt direkt an meinem Arbeitsplatz und an unserer Wohnung vorbei. Der Hort hat ihm verboten, kurz bei mir oder daheim zu stoppen, etwa um eine Tasche abzulegen - aus Versicherungs- gründen. Wir schätzen das Risiko als gering ein und würden kurze Stopps gerne weiter erlauben. Bringen wir den Sohn so in Konflikt, welcher Vorgabe er folgen soll? Nadine M., Erlangen

Margit Auer:

Die Lösung liegt auf der Hand: Wieso passen Sie den Zweitklässler nicht einfach ab, wenn er bei Ihnen vorbeimarschiert? Sie kennen doch die Zeiten. Oder Sie stellen eine Kiste vor die Tür, in die Ihr Sohn seine Sachen reinlegen kann. Die Diebstahlgefahr für ein Mathebuch oder eine leere Pausenbox hält sich in Grenzen. Als Kinderbuchautorin fallen mir noch viel mehr Möglichkeiten ein: Einen Zettel in Geheimschrift an die Straßenlaterne vor dem Haus kleben: "Wenn du heimkommst, wartet im Kühlschrank ein Pudding auf dich!" Vielleicht sitzt der Familienhund mit einer Nachricht vor der Tür? "Achtung Tante Judith ist da und hat schlechte Laune!" Sie können einen Apfel in den Busch hängen oder auf dem Fensterbrett einen Schokoriegel hinterlegen. Natürlich eingewickelt in einer alten Zeitung, auf der ein Geheimcode steht. Damit machen Sie sich, Ihrem Sohn und den Erziehern des Horts eine Freude. Die haben wirklich genug um die Ohren, Sie sollten die Regeln einfach akzeptieren.

Margit Auer
Schwarz weiß

Margit Auer ist die Autorin der Kinderbuch-Bestseller-Reihe "Die Schule der magischen Tiere", die inzwischen mehr als zwei Millionen Mal gedruckt und in 22 Sprachen übersetzt wurde. Sie hat drei Söhne, die fast alle schon erwachsen sind, und lebt mitten in Bayern.

(Foto: Auer)

Herbert Renz-Polster:

Also eindeutig, eine unmenschliche Entscheidung, Gängelei. Ihr Kind soll leiden (und Sie mit dazu) damit die Bürokratie ihren Frieden hat. Wer so leben will, bitte. Ansonsten gibt es für mich zwei Möglichkeiten - welche die bessere ist hängt auch von der Persönlichkeit Ihres Kindes ab. Version 1: Sie bestehen darauf, dass die Schule dafür sorgt, dass hier eine Ausnahme Teil des Versicherungsvertrags wird. Da denke ich: wo ein Wille ist, wird sich auch ein Zweizeiler formulieren lassen. Oder Sie fragen auf dem Versicherungsmarkt nach, ob sich so ein Abstecher nicht für vertretbares Geld privat absichern lässt. Version 2: Sie machen, was ein Baum tun würde, wenn ... Also: Ihr Kind macht den Abstecher zu Ihnen, mit Ihrer Erlaubnis. Die teilen Sie der Schulleitung schriftlich mit, damit die Dinge klar sind, auch für Ihr Kind. Kommt Ihr Kind dadurch in Loyalitätskonflikte? Nur, wenn die Schule das aktiv betreibt, also das Kind trotzdem mit Vorgaben oder gar einem Verbot belästigt. In dem Fall hängt der gute Rat vom Kind ab. Ist es ein kleiner Huckleberry Finn wird man Schleichwege auf leisen Sohlen finden. Ist es - ohne jede Wertung - ein zögerlich-gewissenhaftes Kind, sollte es selbst entscheiden, ohne jeden Druck und Wertung.

Familientrio: Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt, Wissenschaftler und Autor von Erziehungsratgebern und des Blogs "Kinder verstehen". Er hat vier erwachsene Kinder und lebt mit Frau und jüngstem Kind in Ravensburg.

Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt, Wissenschaftler und Autor von Erziehungsratgebern und des Blogs "Kinder verstehen". Er hat vier erwachsene Kinder und lebt mit Frau und jüngstem Kind in Ravensburg.

(Foto: Random House)

Collien Ulmen-Fernandes:

Na klar, aus Sicht von Versicherungen ist natürlich erstmal alles, was nicht von einer Versicherung gedeckt ist, ein Problem oder eine Marktlücke. Wir leben ja in einer Welt, in der es tendenziell immer weniger Gefahren und Unwägbarkeiten gibt, dafür aber immer mehr Vorschriften, Verbote und Versicherungen. Man könnte sagen, mit steigender Sicherheit und Regulierung wächst auch die Angst, es könnte vielleicht doch mal etwas schiefgehen, und was dann?! Ohje! Braucht es in Ihrem Fall vielleicht noch eine Zusatzversicherung, die ausschließlich minimalste Abweichungen vom Schulweg versichert? Ich würde sagen, gönnen Sie Ihrem Kind und sich selbst das kleine bisschen Risikobereitschaft und Widerständigkeit. Lassen Sie ihn die schweren Taschen entgegen der Weisung zu sich bringen. So wird er - sofern alles gut geht - vielleicht irgendwann zu einem selbstdenkenden Erwachsenen, der nicht nur tut, was Obrigkeiten ihm befehlen. Aber versichern kann ich Ihnen das natürlich nicht...

Collien Ulmen-Fernandez

Collien Ulmen-Fernandes ist Schauspielerin und Moderatorin. Die Mutter einer Tochter wohnt in Potsdam und hat den Kinderbuch- Bestseller "Lotti und Otto" und den Elternratgeber "Ich bin dann mal Mama" verfasst.

(Foto: Anatol Kotte)
Haben Sie auch eine Frage?

Schreiben Sie eine E-Mail an: familientrio@sueddeutsche.de

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