Erziehungs-Kolumne:Wie viel Schminke ist zu viel?

Die 17-Jährige stylt sich wie Rapperin Nicki Minaj. Wie überzeugt man sie, dass Aussehen nicht alles ist - und soll man überhaupt? Das Familientrio gibt Tipps.

Die sehr hübsche 17-jährige Tochter einer Freundin schminkt sich oft wie die Rapperin Nicki Minaj. Kürzlich hat sie ein Foto von sich gepostet, völlig überschminkt, mit ultralangen Wimpern und glänzenden Lippen. Ich habe ihr gesagt, dass das Foto sehr schön sei, aber man sich nicht über das Aussehen definieren müsse. Ihre Antwort: Die Meinung anderer sei ihr egal. Bin ich zu konservativ? Und wie kann ich sie überzeugen, dass Aussehen nicht alles ist? Joseph Z., München

Margit Auer:

Sie gehören zu den Followern einer 17-Jährigen? Ob das gut gehen kann? Eher nicht! Das ist eine eigene Community, in die man sich besser nicht einmischen sollte. Aber anscheinend ist die 17-Jährige an einer Antwort interessiert - wow! Ihre Reaktion gefällt mir auch: Sie haben das Styling nicht niedergemacht. Sie machen alles richtig, wenn Sie das Mädchen ernst nehmen. Vielleicht hat die 17-Jährige sogar ein paar Tipps für Sie parat? Klamotten, Schuhe, Frisur, da geht sicher noch was! Oder passt alles? Schon sind Sie mittendrin im schönsten Gespräch. Ich würde das Gespräch in die Richtung lenken, dass gutes Aussehen natürlich nichts schadet, dass aber noch eine Menge dazukommen muss. Eine Rapperin ist nicht das schlechteste Vorbild: Sie hat es geschafft, sich in der Machowelt durchzusetzen und viel Geld zu verdienen. Wie ist ihr das gelungen? Durch eine tolle Stimme, Ehrgeiz, Mut, Durchsetzungsvermögen - und vielleicht durch ein cooles Styling.

Margit Auer
Schwarz weiß

Margit Auer ist die Autorin der Kinderbuch-Bestseller-Reihe "Die Schule der magischen Tiere", die inzwischen mehr als zwei Millionen Mal gedruckt und in 22 Sprachen übersetzt wurde. Sie hat drei Söhne, die fast alle schon erwachsen sind, und lebt mitten in Bayern.

(Foto: Auer)

Herbert Renz-Polster:

Das ist sicher gut gemeint, dass Sie hier eine Lanze für die inneren Werte brechen wollen. Ihre guten Ratschläge scheinen aber nicht anzukommen. Vielleicht, weil sie auch eine Unterstellung enthalten, oder? Nämlich die Unterstellung, die junge Frau definiere sich über ihr Äußeres. Tut sie das? Vielleicht hat ihr soziales Leben ja mehrere Schichten, vielleicht ist sie sogar "sozial mehrsprachig" und verwendet einmal diese Sprache, einmal jene? Kennen Sie die 17-Jährige denn gut genug, um das einordnen zu können? Sie hat ihnen da womöglich einen Hinweis gegeben: Die Meinung anderer sei ihr egal. Eine Aussage, die aber eigentlich nicht gut zu dem passt, was wir über Menschen wissen, oder? Natürlich interessiert uns die Meinung "anderer"! Allerdings wohl doch vor allem derjenigen "anderen", die in unserem Leben bedeutsam sind, die es mittragen und uns in einem tieferen Sinne verbunden sind. Wenn nicht, dann gehören wir halt doch eher zu den anderen "anderen". Und deren Rat ist uns meist dann doch schnuppe - und zwar zu Recht.

Erziehungs-Kolumne: Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt, Wissenschaftler und Autor von Erziehungsratgebern und des Blogs "Kinder verstehen". Er hat vier erwachsene Kinder und lebt mit Frau und jüngstem Kind in Ravensburg.

Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt, Wissenschaftler und Autor von Erziehungsratgebern und des Blogs "Kinder verstehen". Er hat vier erwachsene Kinder und lebt mit Frau und jüngstem Kind in Ravensburg.

(Foto: Random House)

Collien Ulmen-Fernandes:

Lieber Joseph, mit Verlaub, da muss ich ausnahmsweise mal streng sein: Aber das Aussehen einer fast volljährigen jungen Frau, die nicht Ihre eigene Tochter ist, geht Sie sehr wenig bis gar nichts an. Zugegeben, Nicki Minaj ist in puncto Vorbild nicht ganz das Kaliber einer, sagen wir mal, Alexandria Ocasio-Cortez oder Michelle Obama, aber erstens fielen mir auf Anhieb ein paar Dutzend Prominente ein, an denen man sich noch viel weniger orientieren sollte, und zweitens zwingt Sie ja niemand, sich auf den Social-Media-Kanälen einer 17-Jährigen herumzutreiben. Mit "konservativ" hat das, glaube ich, gar nichts zu tun, nur mit Zuständigkeiten. Wenn Sie unbedingt meinen, einschreiten zu müssen, sprechen Sie mal mit der Mutter und lehnen Sie sich dann entspannt zurück. Aber hey, wer bin ICH eigentlich, Ihnen Ratschläge zu geben? Sie sind ja nicht mein Sohn!

Collien Ulmen-Fernandez

Collien Ulmen-Fernandes ist Schauspielerin und Moderatorin. Die Mutter einer Tochter wohnt in Potsdam und hat den Kinderbuch- Bestseller "Lotti und Otto" und den Elternratgeber "Ich bin dann mal Mama" verfasst.

(Foto: Anatol Kotte)
Haben Sie auch eine Frage?

Schreiben Sie eine E-Mail an: familientrio@sueddeutsche.de

© SZ vom 12.06.2021
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