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Familientrio:Schuhe und Schminke

Eine Zehnjährige mag Make-up und High Heels, die Mutter sucht nach Gründen, es zu verbieten. Welche könnte es geben?

Meine Tochter ist erst zehn Jahre alt und will sich unbedingt schminken und hochhackige Schuhe tragen. Wir verbieten ihr beides. Bei den Schuhen bin ich mit meinen Argumenten zufrieden (der Rücken, die Füße), doch beim Make-up fällt mir nichts Besseres ein als "Wie siehst du denn aus?" und "Was sollen die Leute denken?" Solche Sätze wollte ich eigentlich nie sagen. Aber was dann?

Julia W. aus Halle

Margit Auer: Ich habe drei Söhne und bin mit zwei Brüdern aufgewachsen, insofern bin ich keine Expertin auf diesem Gebiet. Diese kleinen Promitöchter, die gestylt und aufgetakelt an der Hand ihrer Promimütter durch Einkaufsstraßen spazieren, finde ich furchtbar (die Promisöhne übrigens auch). Es ist mir ein Rätsel, wozu das gut sein soll und wer daran Spaß hat. Welche Rolle will Ihre Tochter spielen und warum? Was gefällt ihr an diesem Outfit? Was sind ihre Vorbilder? Darüber würde ich mit der Tochter sprechen und gemeinsam überlegen, ob Schminke und hohe Schuhe das richtige Ausdrucksmittel sind.

Vielleicht macht es der Zehnjährigen aber einfach Spaß, sich zu verkleiden und Erwachsene zu spielen? Dann will ich keine Spielverderberin sein. Wäre es eine Lösung, wenn man Schminken und hohe Schuhe an bestimmten Anlässen erlauben würde? Bei einem Mutter-Tochter-Nachmittag? Bei einer Modenschau mit gleichaltrigen Freundinnen? Danach aber bitte wieder Jeans und Turnschuhe anziehen und raus in den Garten!

Margit Auer
Schwarz weiß

Margit Auer ist die Autorin der Kinderbuch-Bestseller-Reihe "Die Schule der magischen Tiere", die inzwischen mehr als zwei Millionen Mal gedruckt und in 22 Sprachen übersetzt wurde. Sie hat drei Söhne, die fast alle schon erwachsen sind, und lebt mitten in Bayern.

(Foto: Auer)

Herbert Renz-Polster: Ich stimme Ihnen bei den hochhackigen Schuhen absolut zu, Ihr Einspruch ist da nachvollziehbar und gut begründet. Wo Kinder sich bleibende Veränderungen wünschen (wie etwa echte Tattoos oder Piercings) oder Dinge, die ihre Gesundheit beeinträchtigen, ist die elterliche Weitsicht gefragt. Die richtige Antwort ist hier das nett formulierte, erklärende Nein.

Aber was ist das Problem von Schminke? Ihre Tochter experimentiert jetzt vielleicht kribbelnd gerne mit ihrem Aussehen, mit Veränderung und Erwachsener-sein-als-man-ist. Auch mit der sozialen Resonanz natürlich: Wer bin ich, wer will ich sein, wie sehen mich die anderen, wie werde ich akzeptiert? Mit verängstigten Reaktionen und abwertenden Kommentaren machen Sie daraus nur ein Thema, bei dem Ihr Kind in einen Spagat getrieben wird: Wem will ich eigentlich gefallen - meinen Eltern oder meiner Clique? Auch wird dann rasch daraus ein Thema, bei dem Sie nichts mehr mitzureden haben. Aber mitreden wollen Sie ja vielleicht, etwa indem Sie zu besonders hautverträglichen, biologischen Produkten raten. Oder vielleicht auch den einen oder anderen Kompromiss in den Raum stellen, der Ihrem Kind hilft nicht über das Ziel hinauszuschießen.

Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt, Wissenschaftler und Autor von Erziehungsratgebern und des Blogs "Kinder verstehen". Er hat vier erwachsene Kinder und lebt mit Frau und jüngstem Kind in Ravensburg.

(Foto: Random House)

Collien Ulmen-Fernandes: Liebe Julia, ich kenne das Problem. Achtung, jetzt kommt ein wenig Küchenpsychologie: Vielleicht fühlt Ihre Tochter sich, so kurz vor der Pubertät, schon wie eine junge Frau und möchte sich optisch von ihrem alten, kindlichen Ich abgrenzen. Helfen Sie ihr dabei. Gehen Sie mit ihr shoppen. Vielleicht hilft auch eine neue Frisur? Präsentieren Sie ihr Role Models, die ihr zeigen, dass ein Frauenlook nicht per se mit High Heels und starkem Make-up daherkommen muss.

Sollte das nicht funktionieren, drehen Sie den Spieß doch einfach um: tragen SIE ab sofort prolliges Make-up auf, tragen Sie einen Minirock und billige Pumps, bringen Sie ihre Tochter in diesem Aufzug zur Schule und am besten gleich bis ins Klassenzimmer. Was denken Sie, wie schnell sie sich für ihre Mutter schämt und bald nur noch im hochgeschlossenen Hosenanzug vor die Tür treten will?

Collien Ulmen-Fernandez

Collien Ulmen-Fernandes ist Schauspielerin und Moderatorin. Die Mutter einer Tochter wohnt in Potsdam und hat den Kinderbuch- Bestseller "Lotti und Otto" und den Elternratgeber "Ich bin dann mal Mama" verfasst.

(Foto: Anatol Kotte)
Haben Sie auch eine Frage?

Schreiben Sie eine E-Mail an: familientrio@sueddeutsche.de

© SZ vom 05.06.2021
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