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Porträt:Kinder? Du hast doch besseres zu tun!

Gisela Erler

Frauen von heute haben feministischen Pionierinnen wie Gisela Erler viel zu verdanken.

(Foto: Friedrich Bungert)

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist Gisela Erlers Lebensthema. Bereits in den Achtzigerjahren setzt sich die Feministin dafür ein - und musste doch schmerzlich selbst erfahren, wie schwierig es ist.

Von Claudia Henzler

An ihren Besuch bei einer SWR-Talkshow im Jahr 1989 erinnert sich Gisela Erler noch genau. "Wie viel Mutter braucht der Mensch?", war der Titel, und Erler, damals Wissenschaftlerin am Deutschen Jugendinstitut in München, sollte von ihrem ungewöhnlichen Lebensmodell erzählen. Denn ihre beiden Söhne, damals zehn und 13, lebten nach der Trennung nicht bei der Mutter, sondern beim Vater in Niederbayern. Erler erzählte also, dass sie etwa eine Woche im Monat mit ihren Söhnen und deren Vater im alten gemeinsamen Zuhause lebe und die übrige Zeit bei ihrem neuen Partner - ihrem heutigen Mann - in Bonn. Von dort aus arbeite sie für das Jugendinstitut in München. Aus der Ferne helfe sie den Söhnen bei den Hausaufgaben - per Fax. Aus heutiger Sicht eine moderne Mutter, aber damals? "Die Dynamik der Gesprächsrunde hat sich schnell so entwickelt, dass ich als Rabenmutter dastand", erinnert sich Erler bei einem Spaziergang durch den Park des Stuttgarter Staatsministeriums. Es sind ihre letzten Tage als ehrenamtliche Staatsrätin im Kabinett von Winfried Kretschmann. Auch 32 Jahre später merkt man ihr an, dass die öffentliche Kritik sie damals getroffen hat. Es war nicht das erste Mal, dass Gisela Erler mit ihrem Lebensmodell aneckte.

Wenn es um die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland geht, ist oft von Alice Schwarzer die Rede. Doch auch Gisela Erler zählt zu den feministischen Pionierinnen. Ihr Lebensthema: Die Gesellschaft so zu verändern, dass Frauen Kinder bekommen können und dadurch keine Nachteile haben. Viele Selbstverständlichkeiten von heute, etwa das Elterngeld oder den Anspruch auf einen Kita-Platz, hat sie mit auf den Weg gebracht - in verschiedenen Rollen: als Aktivistin der neuen Frauenbewegung und bei den Grünen, als Wissenschaftlerin, Politikberaterin und als Unternehmerin.

Erler ist Anfang 20 und Soziologie- und Germanistikstudentin, als sie mit einem Kommilitonen den Trikont-Verlag gründet, der sich schnell zum Publikationshaus der "Neuen Linken" entwickelt. Erst in Köln, dann in München. Wegen ihres bekannten Vaters steht sie dabei immer unter besonderer Beobachtung: Der früh verstorbene Fritz Erler, von den Nationalsozialisten verfolgt und eingesperrt, war ein von vielen bewunderter SPD-Politiker der frühen Bundesrepublik. Helmut Schmidt nannte ihn seinen Mentor und Lehrer.

Kinder? Du hast doch besseres zu tun!

Doch 1975 wird die linke Verlegerin, damals Ende 20, plötzlich zur Außenseiterin im linken Milieu. Denn sie bekommt ein Kind. Die taz schrieb einmal über Erler, dass sie ihre zehn Jahre Studentenbewegung und Kinderkriegen wegen der Verletzungen weitgehend aus der Erinnerung verdrängt habe. Stimmt das? Beim Spaziergang hält Erler inne. Von der Terrasse des Staatsministeriums aus kann man den Blick über die Stuttgarter Innenstadt schweifen lassen. Die noch kühle Frühlingssonne scheint Erler ins Gesicht. "Viele Freunde, Frauen wie Männer, haben gesagt: Du brauchst doch keine Söhne, du hast doch wirklich Besseres zu tun."

Mutter zu sein gilt damals als Hindernis; die Frauen wollen sich aus den traditionellen Rollenmustern befreien. Wie ein emanzipiertes Leben mit Kind aussehen könnte, davon haben sie noch keine Vorstellung. Selbst von guten Freunden fühlt Erler sich angegriffen. "Das war eine massive Ausgrenzung. In der linken Szene fand ja alles nachts statt." Sie verlässt ihre Studenten-WG und zieht mit dem Vater ihres Kindes und anderen Müttern und Vätern in eine Familien-WG .

Trotzdem veröffentlicht sie beim Trikont-Verlag noch weiter linke Schriften - 1975, ihr Sohn ist da wenige Monate alt, auch eine Autobiografie des ehemaligen Linksterroristen Michael "Bommi" Baumann. Aus Erlers Sicht, die selbst betont, nie radikal gewesen zu sein, ist das Buch ein Ausstiegsmanifest, das andere davor warnen soll, in die gewaltbereite linksextreme Szene zu gehen. Die Staatsanwaltschaft sieht das anders. Sie wirft den Verlegern die Verbreitung von Gewaltdarstellungen und die Billigung von Straftaten vor. "Es stand im Raum, dass ich verurteilt werde." Erler kann heute in leichtem Tonfall darüber berichten. Doch es schwingt das Gefühl der Bedrohung von damals mit. "Ich hatte wirklich Angst."

Vereinbarkeit von Beruf und Familie? Die CSU wertete das als "Diskriminierung der Hausfrau"

Ganze zwei Jahre lang zieht sich der Rechtsstreit hin. Erler, die inzwischen beim Deutschen Jugendinstitut arbeitet, kämpft derweil mit dem Alltag einer jungen berufstätigen Mutter. Zu Hause beim Kind zu bleiben, kommt für sie nie infrage. Ihr Lebensgefährte gehört zur ersten Vätergeneration, die in die Kinderbetreuung einsteigt. Außerdem unterstützen sich die Familien in der WG gegenseitig, bauen eine Kita mit auf. Später, als sie mit ihren inzwischen zwei Kindern aufs Land zieht, engagiert sie Tagesmütter oder Au-pairs.

Doch Erler sucht nie nur alleine für sich nach Lösungen, um Kinder und Job zu vereinbaren. Sie will allen Frauen neue Möglichkeiten eröffnen. In einer mehrjährigen Studie begleitet sie ab Mitte der 70er-Jahre ein Modellprojekt über Tagesmütter. Die Fremdbetreuung von unter Dreijährigen ist damals in Westdeutschland höchst umstritten - und das Konzept Tagesmutter noch ziemlich unbekannt. Die SZ erklärt es ihren Lesern 1979 so: "Tagsüber war das Kind bei seiner ,Ersatzmutter', verlor aber nicht den Kontakt mit seinen Eltern oder der alleinstehenden Mutter." Das Ergebnis der Studie: Die Kleinen zeigten keine entwicklungsbedingten Defizite. Sie waren sogar weniger sozial gehemmt und ängstlich als Kinder, die daheim bei ihren Müttern bleiben. Nicht allen gefällt dieses Ergebnis. Vereinbarkeit von Beruf und Familie? Für viele Politiker, besonders aus der CSU, sind allein schon Angebote in diese Richtung eine "Diskriminierung der Hausfrauen". Dafür erzielt Erler 1977 einen anderen Sieg: Der Bundesgerichtshof spricht die Trikont-Verleger frei.

Gisela Erler 1982

"Es stand wirklich im Raum, dass ich verurteilt werde" - als junge Mutter und Verlegerin fürchtete Gisela Erler, wegen "Verbreitung von Gewaltdarstellungen" ins Gefängnis zu kommen.

(Foto: privat)

Doch auch wenn sich die tradierten Rollenmodelle nur extrem mühsam aufbrechen lassen: Erler kämpft weiter - dafür, dass die kinderlose "Karrierefrau", wie das damals noch hieß, nicht das einzige Modell für moderne Frauen bleibt. 1987, da ist sie mitten in der Trennungsphase, pendelt zwischen Niederbayern und Bonn, verfasst sie mit einigen Parteifreundinnen der Grünen, denen sie inzwischen beigetreten ist, ein "Müttermanifest". Darin heißt es, grob zusammengefasst: Frauen müssen auch Mütter sein dürfen, ohne damit aufs Hausfrauendasein beschränkt zu werden. Sie sollen Geld für die Betreuungsarbeit in der Familie bekommen. Vor allem brauchen sie flexiblere Arbeitszeitmodelle.

So selbstverständlich Erlers Positionen heute klingen - damals sind sie höchst umstritten, selbst innerhalb der Frauenbewegung. Feministinnen machen ihr den Vorwurf, Frauen würden auf die Rolle als Mutter und Hausfrau festgelegt, Männer könnten weitermachen wie bisher. "Das waren Debatten, die kann man sich heute nicht mehr vorstellen", sagt Erler. Andererseits, so wendet sie selbst ein, hätten die Kritikerinnen von damals schon auch einen Punkt gehabt. So sei bei den Arbeitszeitmodellen zwar viel erreicht worden, eine Teilzeit- und Armutsfalle gebe es für Frauen aber immer noch.

Erler war nie eine Freundin des Entweder-oder, sondern eine Fürsprecherin des Sowohl-als-auch. Menschen, die mit ihr zusammengearbeitet haben, nennen sie einen "originellen Kopf", loben ihre Menschlichkeit, die Fähigkeit, jedem auf Augenhöhe zu begegnen, und ihren scharfen Verstand. Statt auf große Umstürze setzt sie auf kleine, schrittweise Veränderungen und hat dabei nicht nur Frauen im Blick, die eine größere Karriere anstreben, sondern zum Beispiel auch die Sachbearbeiterin. Bereits 1985 skizziert sie ein familienfreundliches Arbeitsmodell: Eine Versicherung heuert in dieser Vision fünf Frauen an, die in derselben Siedlung leben. Sie sitzen bei sich zu Hause am Computer und tauschen sich aus, zwei weitere Frauen aus der Siedlung werden als Teilzeit-Tagesmütter engagiert - heute ein realistisches Szenario.

"Die Familie hat mich für irr erklärt"

Erler selbst wagt mit 45 beruflich noch mal einen ganz neuen Schritt. Sie kündigt ihren sicheren Job im öffentlichen Dienst und fängt 1991 an, Tagesmütter an BMW-Mitarbeiterinnen zu vermitteln. "Die ganze Familie stand kopf und hat mich für irr erklärt." Sie lacht. "Und dann explodierte das." Aus einem kleinen Laden in München wird die "pme Familienservice"-Gruppe mit Sitz in Berlin. Ein Privatunternehmen, das vormacht, wie flexible Kinderbetreuung aussehen kann, und das heute fast 2000 Menschen beschäftigt. Die Geschäftsidee hatte Erler von einem Forschungsaufenthalt in den USA mitgebracht: Große Firmen kaufen bei ihr die Vermittlung von Diensten ein, die den Alltag für ihre Mitarbeiter stressfreier machen: Kita-Plätze, Ferienbetreuung, Pflegekräfte für die Großeltern.

Ihr Wechsel in die Politik kam dann eher überraschend - auch für sie. Eigentlich, sagt Erler, habe sie nie in die Politik gewollt, um nicht mit dem Vater verglichen zu werden. Aber als Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann sie fragt, ob sie noch mal etwas Neues wagen würde, reizt es sie doch. 65 ist sie da. Als Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung kümmert sie sich zehn Jahre lang um Kretschmanns prominentestes Wahlversprechen: die "Politik des Gehörtwerdens". Sie etabliert Verfahren, bei denen die Verwaltung Bürger früher in die Planung großer Projekte einbezieht. Und sie führt Bürgerräte ein, deren Teilnehmer per Los gezogen werden, die aber immer zur Hälfte aus Frauen bestehen.

Am 9. Mai ist sie 75 geworden. Der neuen grün-schwarzen Regierung gehört sie nicht mehr an. Sie hat beschlossen, dass es Zeit für sie ist, nach Berlin zurückzukehren, zu ihrem Mann. Ein Leben, mal nur an einem Ort, nicht zwischen mehreren Städten gleichzeitig - wieder mal ein Neuanfang.

© SZ/baso
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