Süddeutsche Zeitung

Familienpolitik:Die französische Legende der Karriere-Mütter bröckelt

  • Seit drei Jahren sinkt in Frankreich die Zahl der Geburten. 2017 lag die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau bei 1,88.
  • Das Land ist damit immer noch Spitzenreiter in der EU. Doch Deutschland holt auf, vor allem weil die Politik hierzulande immer familienfreundlicher wird.

Gastbeitrag von Cécile Calla

Langsam könnte eine gern erzählte französische Legende verblassen: die Legende von einem Land mit kinderreichen Familien, wo Frauen trotzdem Karriere machen und noch sexy aussehen. Denn die Franzosen und Französinnen bringen nicht mehr so viele Kinder auf die Welt wie gewohnt. Seit drei Jahren sinkt die Zahl der Geburten, 2017 ging sie auf 767 000 zurück. Die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau fiel auf 1,88. Vor allem jungen Frauen im Alter von 24 bis 35 Jahren trüben die einstmals schöne Geburtenstatistik. Damit steht Frankreich zwar nach wie vor an der Spitze in Europa, aber es scheint sich etwas zu verändern.

Manche Experten wie der Demograf und Historiker Hervé Le Bras vermuten eine "demografische Wende". Für ein Land, das sich vor allem im Vergleich zu Deutschland für seine Familienpolitik und seine dynamische Demografie stets lobte, ist diese Entwicklung besorgniserregend. Mitte Januar titelte die Tageszeitung Le Monde: "Ende einer französischen Ausnahme?"

Das Thema ist brisant, denn es rührt an einer französischen Obsession. Als Frankreich 1870/71 den Krieg gegen Deutschland verlor, wurde auch die geringe Reproduktionsquote dafür verantwortlich gemacht: Im 19. Jahrhundert war die französische Bevölkerung viel langsamer gewachsen als in den Nachbarländern, was bei etlichen Politikern düstere Projektionen auslöste. Es musste etwas geschehen. Schon während der französischen Volksfront 1936, aber erst recht nach dem Zweiten Weltkrieg setzten die Politiker, allen voran Charles de Gaulle, alle Hebel in Bewegung, die Kinderzahl wieder zu erhöhen. Also ersann die französische Familienpolitik die "écoles maternelles". Die Vorschulen für Kinder von drei bis sechs Jahren entstanden schon Ende des 19. Jahrhunderts, und das Kindergeld wurde 1932 eingeführt.

Als Auslöser der jüngsten Entwicklung gilt vielen Experten die Wirtschaftskrise und die andauernd hohe Arbeitslosigkeit vor allem von jungen Menschen. Das lange Studium und der schwierigen Zugang zum Arbeitsmarkt bieten eine weitere Erklärung. Zudem wird die Familiengründung hinausgeschoben: Die Französinnen bekommen immer später ihr erstes Kind.

Viele hoffen, dass es sich nur um eine vorübergehende Entwicklung handelt. Es könnte aber auch sein, dass sich gerade ein neues Familienmodell entwickelt, so wie es nach dem zweiten Weltkrieg der Fall war: Die vierköpfige Familie mit zwei Kindern wurde damals zum Vorbild und löste einen Babyboom aus. Es herrschte die Vorstellung, dass Kinder unbedingt mit anderen Kindern aufwachsen müssen, und dass die frühe Betreuung soziale Kompetenzen fördere. Deshalb wurden öffentliche Kinderbetreuungsplätze nach dem Krieg massiv gefördert.

Die Philosophin Badinter sprach abschätzig vom "Imperium des Babys"

Seit einigen Jahren beeinflussen auch ökologische Themen (waschbare Windeln, Stillen, Bionahrung) und andere Erziehungsvorbilder (Montessorischulen, Verbot körperlicher Züchtigung) die öffentliche Meinung. Die Philosophin Elisabeth Badinter kritisierte das als "Rückkehr des Naturalismus" und "Imperium des Babys".

In Büchern, Vorträgen, Reden wird das französische Modell der Familienpolitik oft gelobt, weil es Frauen ermöglicht, nach der Geburt eines Kindes schnell an den Arbeitsplatz zurückzukehren - und dies meist in Vollzeit. Was verschwiegen wird, sind die Schattenseiten dieses Systems: Unternehmen, die zu starre Arbeitsbedingungen anbieten und mehr Präsenz als Effizienz fordern; Männer, die sich zu wenig an Hausarbeit und Kinderbetreuung beteiligen. Zu oft wird erwartet, dass Frauen sich nach einer Geburt verhalten, als ob nichts geschehen wäre. Für Familien, die sich mehr Flexibilität oder Teilzeit wünschen, gibt es nur wenige Angebote. Teilzeitstellen sind in Frankreich selten und gelten als Karrierekiller. Das Ergebnis: Sehr viele Frauen stehen am Rande des Nervenzusammenbruches, was sich auch auf das Familienleben auswirkt.

Mehr erwerbstätige Mütter in Deutschland als in Frankreich

In diesem Kontext wird vielleicht das Einzelkind wieder zur Norm, wie Hervé Le Bras glaubt. Auch der Anteil der kinderlosen Französinnen könnte steigen, vor allem unter Akademikerinnen. Bis jetzt bleiben sehr wenige Familien kinderlos, wie eine Studie des demografischen Instituts Ined zeigt: Nur 6,3 Prozent der Männern und 4,3 Prozent der Frauen gaben an, keine Kinder zu haben und auch keine zu wollen. Eine solche Entscheidung bleibt in der französischen Gesellschaft stigmatisiert. Aber das Interesse an diesem Thema nimmt zu. Das zeigen Dokumentationen und Bücher, die in den vergangenen Jahren veröffentlicht wurden.

Es ist vielleicht ein Zufall, dass Emmanuel Macron als erster kinderloser Präsident der V. Republik gewählt wurde - aber bedeutungslos ist es deswegen nicht. Dagegen scheint in Deutschland die Lust aufs Kinderkriegen zurückgekommen zu sein. In der Familienpolitik hat das Land nach Jahrzehnten der Untätigkeit gewaltige Schritte unternommen: Einführung des Elterngeldes, massiver Ausbau der Kitas und Ganztagsschulen. In Frankreich wird das allerdings nicht immer wahrgenommen.

Das Bild einer erwerbstätigen Mutter ist normal geworden in Deutschland, zumindest in den Großstädten. Die Normen haben sich verändert: Selbst eine Anstellung in Vollzeit erregt nur noch selten die Gemüter. Gleichzeitig können Mütter zunehmend auch anspruchsvolle Jobs ausüben, sogar dann, wenn sie in Teilzeit arbeiten. Es macht den Eindruck, dass Unternehmen in Deutschland Verständnis dafür haben, dass Mitarbeiter wegen ihrer Kinder früher nach Hause gehen müssen. Sehr zu begrüßen ist der Vorschlag der IG Metall, Eltern eine reduzierte Arbeitswoche von 28 Stunden mit teilweisem Gehaltsausgleich für zwei Jahre anzubieten. Deutschland muss in Sache Familienpolitik noch eine lange Strecke aufholen, aber es könnte sein, dass am Ende ein System entsteht, das alle Interessen und Bedürfnisse berücksichtigt: die der Frauen, der Väter, der Familien und der Kinder.

Die Entwicklungen der vergangenen Jahre lassen vermuten, dass sich das französische und das deutsche Modell einander annähern. Die Zahl der Geburten in Deutschland steigt schon seit 2012 stetig und die durchschnittliche Zahl von Kindern pro Frau kommt mit 1,5 im Jahr 2015 langsam an Frankreich heran. Der europäischen Statistikbehörde Eurostat zufolge ist der Anteil der erwerbstätigen Mütter in Deutschland mit 74 Prozent höher als in Frankreich, wo er im Jahr 2016 bei 71 Prozent lag. Emmanuel Macron hatte in seiner Neujahrsansprache von einem "intimen Kolloquium" zwischen Frankreich und Deutschland gesprochen. Er konnte nicht ahnen, dass diese Annäherung auch diesen Bereich erreichen könnte.

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