Familienpolitik:Mehr erwerbstätige Mütter in Deutschland als in Frankreich

In diesem Kontext wird vielleicht das Einzelkind wieder zur Norm, wie Hervé Le Bras glaubt. Auch der Anteil der kinderlosen Französinnen könnte steigen, vor allem unter Akademikerinnen. Bis jetzt bleiben sehr wenige Familien kinderlos, wie eine Studie des demografischen Instituts Ined zeigt: Nur 6,3 Prozent der Männern und 4,3 Prozent der Frauen gaben an, keine Kinder zu haben und auch keine zu wollen. Eine solche Entscheidung bleibt in der französischen Gesellschaft stigmatisiert. Aber das Interesse an diesem Thema nimmt zu. Das zeigen Dokumentationen und Bücher, die in den vergangenen Jahren veröffentlicht wurden.

Es ist vielleicht ein Zufall, dass Emmanuel Macron als erster kinderloser Präsident der V. Republik gewählt wurde - aber bedeutungslos ist es deswegen nicht. Dagegen scheint in Deutschland die Lust aufs Kinderkriegen zurückgekommen zu sein. In der Familienpolitik hat das Land nach Jahrzehnten der Untätigkeit gewaltige Schritte unternommen: Einführung des Elterngeldes, massiver Ausbau der Kitas und Ganztagsschulen. In Frankreich wird das allerdings nicht immer wahrgenommen.

Das Bild einer erwerbstätigen Mutter ist normal geworden in Deutschland, zumindest in den Großstädten. Die Normen haben sich verändert: Selbst eine Anstellung in Vollzeit erregt nur noch selten die Gemüter. Gleichzeitig können Mütter zunehmend auch anspruchsvolle Jobs ausüben, sogar dann, wenn sie in Teilzeit arbeiten. Es macht den Eindruck, dass Unternehmen in Deutschland Verständnis dafür haben, dass Mitarbeiter wegen ihrer Kinder früher nach Hause gehen müssen. Sehr zu begrüßen ist der Vorschlag der IG Metall, Eltern eine reduzierte Arbeitswoche von 28 Stunden mit teilweisem Gehaltsausgleich für zwei Jahre anzubieten. Deutschland muss in Sache Familienpolitik noch eine lange Strecke aufholen, aber es könnte sein, dass am Ende ein System entsteht, das alle Interessen und Bedürfnisse berücksichtigt: die der Frauen, der Väter, der Familien und der Kinder.

Die Entwicklungen der vergangenen Jahre lassen vermuten, dass sich das französische und das deutsche Modell einander annähern. Die Zahl der Geburten in Deutschland steigt schon seit 2012 stetig und die durchschnittliche Zahl von Kindern pro Frau kommt mit 1,5 im Jahr 2015 langsam an Frankreich heran. Der europäischen Statistikbehörde Eurostat zufolge ist der Anteil der erwerbstätigen Mütter in Deutschland mit 74 Prozent höher als in Frankreich, wo er im Jahr 2016 bei 71 Prozent lag. Emmanuel Macron hatte in seiner Neujahrsansprache von einem "intimen Kolloquium" zwischen Frankreich und Deutschland gesprochen. Er konnte nicht ahnen, dass diese Annäherung auch diesen Bereich erreichen könnte.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema