bedeckt München

Familiengeschichte:Die rote Kiste

Porträts, Briefe, Zeitschriften, Manuskripte, Tagebücher - die Kiste erzählt, wovon der Großvater schwieg.

(Foto: Urban Zintel)

Die alte Truhe aus einer Scheune offenbart unserer Autorin ein allzu deutsches Leben: das ihres Großvaters, der Hitler ablehnte und trotzdem der SS beitrat.

Von Carolin Pirich, SZ-Magazin

Als sich mein Onkel auf seinen Tod vorbereitete, erzählte er mir von der Kiste. Darin lägen Sachen meines Großvaters, die diesem wichtig gewesen seien. So wichtig, dass mein Großvater sie quer durch Mitteleuropa geschleppt hat: 1941 über die Alpen aus Deutschland raus, 1944 auf der Flucht in ein Bergdorf, und dann, ein paar Jahre später, über die Alpen wieder nach Deutschland rein. Mein Opa ist vor gut dreißig Jahren gestorben, die Kiste landete bei meinem Onkel. Und zog mit ihm mehrere Male um. Zum Schluss brachte er sie in sein "Lager". Ich kenne dieses Lager, es ist eine Scheune auf dem Land. Das Tor lässt sich nur aufschieben, wenn man zu zweit ist. Blinde Fenster, Feuchtigkeit in den Backsteinen. Alte Drucker, ausrangierte Sessel, Steuerordner, Kartons mit V8-Filmrollen und Fotoalben. Kein Problem, sagte mein Onkel bei einem unserer letzten Gespräche am Telefon, die Kiste könne ich leicht finden, sie sei rot, schwer, mit Füßchen dran. Nicht zu übersehen. Er sagte, ich solle sie haben. Von allen Enkeln könne ich vielleicht am meisten damit anfangen, sagte er, es gebe doch erstaunliche Parallelen zwischen ihm und mir: Ich sei Journalistin, wie mein Opa Journalist war. Nur lägen mehr als siebzig Jahre zwischen uns, und seine Zeit sei eben eine heftige gewesen.

SZ-Plus-Abonnenten lesen auch:
Studium: Studenten in einem Hörsaal der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz
Jurastudium
Durchgefallen
Umarmung
Psychologie
"Verzeihen ist wichtig für die psychische Gesundheit"
Rollator, Corona, Seite Drei
Covid-19
Ich doch nicht
Video-Konferenz von Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten
Manuela Schwesig
Angekommen
Schornsteine
Montagsinterview
"Kalt duschen ist auch keine Alternative"
Zur SZ-Startseite