Familien-Studie:Der Mythos vom Elternglück

Klassischer Fall von Selbstbetrug: Kinder nerven und kosten Geld. Trotzdem - oder gerade deswegen - reden Mütter und Väter sich ein, dass die lieben Kleinen ihr Leben bereichern, so eine Studie kanadischer Psychologen.

Christian Weber

Spätestens seitdem die Kinderarbeit verboten ist und Verhütungsmittel frei erhältlich sind, gehört es zu den ungelösten Rätseln der psychologischen Wissenschaft und ökonomisch inspirierter Entscheidungstheorien, wieso Menschen sich Kinder anschaffen.

Mütter mit ihren Kindern

Freuden der Elternschaft? Das Leben in der jungen Familie hält viele Prüfungen bereit: schreiende Kinder auf dem Spielplatz, durchwachte Nächte und ein lädiertes Liebesleben. Psychologen behaupten nun, dass Eltern sich das Glück nur einbilden.

(Foto: dpa)

In früheren Zeiten brachte der Nachwuchs immerhin schon in jungen Jahren einen Lohnscheck nach Hause oder half auf dem Feld aus. Heute hingegen investiert einer neueren Schätzung zufolge eine Mittelstandsfamilie in den USA 190.000 Dollar bis ein Kind das 18. Lebensjahr erreicht hat; in Deutschland dürfte die Größenordnung ähnlich sein.

Zugleich ertragen die Eltern lange Zeit durchwachte Nächte, stinkende Windeln, ein lädiertes Liebesleben und die Undankbarkeit pubertierender Teenager. Insofern wundert es auf den ersten Blick nicht, dass die empirische Glücksforschung immer wieder ermittelt, dass Eltern in der Regel emotional verwahrloster dastehen als kinderlose Paare und insgesamt mit Leben und Beziehung unzufriedener sind. Warum aber beharrt in Umfragen dennoch die Mehrzahl der Väter und Mütter darauf, dass Kinder das Leben erfüllen und bereichern?

In einer Studie in dem führenden Fachmagazin Psychological Science (Bd. 22, S. 203, 2011) versuchen die Psychologen Eichard Eibach und Steven Mock von der kanadischen University of Waterloo dieses Verhalten als eine Art Selbstbetrug zu entlarven. In dem Bestreben kognitive Dissonanz zu vermeiden, würden sich Eltern ihr Leben schönreden, ähnlich wie es Menschen tun, die einen missglückten Haus- oder Autokauf rationalisieren wollen: Was teuer war, muss einfach gut sein.

Um ihre These zu belegen, testeten die Forscher 80 Väter und Mütter, die mindestens ein minderjähriges Kind betreuten in verschiedenen Situationen. In einem Experiment wurde die eine Hälfte der Versuchsteilnehmer mit Hilfe eines Dokumentes auf die hohen Kosten der Kinderaufzucht hingewiesen - auf eben jene 190.000 Dollar. Der zweiten Hälfte wurde hingegen zusätzlich nahegebracht, dass Kinder auch viele Vorteile brächten, schließlich könnten sie die Eltern im Alter finanziell und praktisch unterstützen.

Ein anschließender emotionspsychologischer Test ergab, wenig überraschend, dass die allein auf die Kosten hingewiesene Gruppe sich unwohler fühlte als die andere Gruppe. Zugleich aber bekundete sie in einem anschließenden Fragebogentest eine stärkere Identifikation mit der Elternrolle.

Kosten mit Emotionen kompensieren

Noch deutlicher wurde der Effekt, als die Psychologen erst nach der emotionalen Bedeutung der Elternschaft fragten und danach den Gemütszustand testeten: In diesem Fall war die Kosten-Gruppe sogar besser gestimmt als die Gruppe, die sich Unterstützung im Alter erwartet. Für die Forscher ist das Ergebnis ein klarer Beweis dafür, dass diese Väter und Mütter ihre im Moment als höher empfundenen Erziehungskosten mit guten Emotionen kompensieren wollen, indem sie ihr Eltern-Dasein besonders stark idealisieren.

Ähnliche Ergebnisse ergab ein weiteres Experiment, in der die zwei unterschiedlich instruierten Gruppen Fragen über ihre bevorzugten Freizeitaktivitäten beantworten sollten. Diejenigen Eltern, die ihre hohen Erziehungskosten im Hinterkopf hatten, bekundeten deutlich stärker, dass es ihnen Freude bereitet, bei ihren Kindern zu sein. Außerdem wollten sie bei nächster Gelegenheit mehr Zeit mit diesen verbringen.

Die Studienautoren Eibach und Mock vermuten, dass sie mit ihren Experimenten das Paradox gelöst haben, wieso ausgerechnet in Zeiten, in denen die Kinder so teuer geworden sind, die Elternschaft als besonders freudvoller Lebenszustand wahrgenommen wird. "Unsere Resultate lösen dieses Paradox, weil sie zeigen, das gerade die Kosten der Kinder-Aufzucht Eltern motivieren, ihre Elternschaft zu idealisieren."

Mehr noch: Weil Eltern gegenüber kinderlosen Paaren so sehr vom Glück durch Kinder schwärmten, würden diese erst angestiftet, selbst Nachwuchs zu zeugen. "So funktioniert die idealisierte Elternschaft als ein sich selbst erhaltendes Glaubenssystem", folgern die Autoren, das praktischerweise auch der Staatskasse diene: "Wenn man die emotionalen Gewinne überhöht, die Eltern durch die Kindererziehung erhalten, dann erwarten diese vielleicht weniger, dass sich die Gesellschaft an ihren Kosten beteiligt."

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