Dieser Text stammt aus dem Familien-Newsletter der „Süddeutschen Zeitung“, der jeden Freitagabend verschickt wird. Hier können Sie ihn abonnieren.
Liebe Leserin, lieber Leser,
während ich diese Zeilen schreibe, bin ich gedanklich eigentlich schon weiter: Was mache ich danach? Einkaufen, die Wochenkonferenz, die Reportage des Kollegen aus Berlin redigieren, ein Geburtstagsgeschenk für die Freundin besorgen (oder besser bestellen?), Mittagessen kochen, die E-Mails abarbeiten, den Termin beim Kieferorthopäden für den Sohn verschieben, die Zeitung für die zweite Ferienwoche abbestellen... Als Frau mit Kindern, Job und Freunden habe ich oft das Gefühl, dass mir die Zeit nicht reicht. Vielleicht kennen Sie das.
Seit dem vergangenen Wochenende weiß ich: Ich bin eine Zeitoptimistin. Die schwedische Psychologin Michaela Thomas hat den Begriff geprägt. Meine Kollegin Anne Goebel hat mit ihr zum Start der Pfingstferien darüber gesprochen, warum manche Menschen immer pünktlich oder zu früh dran sind, während andere Termine oft gerade so schaffen (SZ Plus). Was ich besonders interessant fand: Thomas meint, dass für den Umgang mit Zeit auch die familiäre Prägung eine Rolle spielt: „Wie wir erzogen wurden, was wir über Pünktlichkeit gelernt haben, all das haben wir ja gespeichert.“
Ich habe mich natürlich sofort gefragt, welchen Umgang mit Zeit ich meinen Kindern vermittle. Hetze ich sie durch den Tag? Trichtere ich Ihnen ein, sich beeilen zu müssen, um alles zu schaffen? Bei dem Gedanken an durchgetaktete Kinderalltage musste ich an dieses Interview mit Bernhard Hanel aus dem Schwarzwald denken (SZ Plus). Er baut weltweit Spielplätze und hat mir bei unserem Treffen im vergangenen Jahr von einem Auftrag in Hanoi in Vietnam erzählt. Die Kinder seien dort von morgens bis abends in Einrichtungen und hätten keine Zeit, frei zu spielen. „Als sie schließlich in die Schule kamen, waren die komplett durch.“ Er hat dort zwei große Spielstraßen gebaut, denn: „Kinder kommen im Spiel in ihre Fantasie, sie sammeln Erfahrungen, aus denen sie ein Selbstbewusstsein in Bezug zur Welt entwickelt. Das trägt sie ihr Leben lang.“
Wenn ich die Psychologin Michaela Thomas richtig verstehe, brauchen auch Erwachsene Zeit - beziehungsweise ein realistisches Verhältnis dazu. Zeitoptimisten rät sie darum, sich selbst Grenzen zu setzen und Aufgaben zu reduzieren - und zu lernen, vermeintlich ungenutzte Slots auch mal auszuhalten: die zehn Minuten in der Warteschlange, am Bahnhof oder vor einem Termin.
Ich habe mir vorgenommen, mir weniger vorzunehmen. Auch wegen meiner Kinder, vor allem meiner Töchter. Denn junge Frauen sind laut Thomas „durch immer mehr perfektionistische Tendenzen“ besonders gefährdet, ihre Terminkalender zu überladen und irgendwann nur noch durch ihr Leben zu hetzen. „Besonders moderne Mütter, die versuchen, alles zu schaffen, alles zu haben, alles gleichzeitig zu sein, erfolgreich im Job, eine gute Mutter, eine gute beste Freundin.“ Klingt erschreckend lebensnah. Darum: Ich mach' jetzt mal eine Pause!
Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende,
Carolin Fries

