Familie Was wäre, wenn das Bügelbrett ein Surfbrett wäre?

Wenn unser Autor ins Träumen kommt ...

(Foto: Holger Link / Unsplash / Bearbeitung SZ.de)

Die Kinder unseres Autors sind viel zu schnell groß geworden. Jetzt steckt er mitten im Väterblues und stellt sich komische Fragen.

Von Gerhard Matzig

Wenn ich nach dem Hemdenbügeln (ich hasse es) das Bügelbrett (ich hasse es ebenfalls) wieder in den Keller trage, stelle ich mir manchmal vor, das Bügelbrett unterm Arm wäre ein Surfbrett. Schön ist das. Ich lebte dann nicht mit Frau (ich liebe sie) und drei Kindern (ich liebe sie ebenfalls) in Waldtrudering, also am Stadtrand von München, der eine gewisse Ähnlichkeit mit dem 50 250 Lichtjahre vom galak­tischen "Star Wars"-Kern entfernt gelegenen Planeten Dagobah aufweist. Und ich wäre dann auch nicht unterwegs in Richtung Waschmaschine, Schuhregal, Werkzeugschrank, Bierkiste, Autoreifen, Nudelpackungen und Spülmittel.

Sondern ich wäre unterwegs zum Wellenreiten. Am Strand von Uluwatu (Bali), Jeffreys Bay (Südafrika) oder Puerto Escondido (Mexiko). Die Surfer unter den Menschen, die einen Sinn haben für schäumende Gischt, rasiermesserscharfe Korallen und den Adrenalinkick im heroischen Kampf mit den Elementen, haben ja jede Menge Auswahl. Die Familienväter unter den Menschen haben in der Regel auch ihre Wahl getroffen: Minivan, Einfamilienhaus bei Dagobah, der Garten natürlich - und am Samstag vor der Bundesliga schnell noch in den Baumarkt. Doch, schon, auch schön.

Übrigens bin ich, damit das klar ist, ein rundum glücklicher Mensch, der von sich sagen darf: Deine Sorgen hätte ja auch manch einer gern. Nur manchmal, bisweilen, aber doch fast immer, wenn ich mit dem Bügelbrett im Keller verschwinde, dann denke ich, was wäre gewesen wenn? Hätte ich mich vor bald einem Vierteljahrhundert für das Surf- und gegen das Bügelbrett entschieden (eine eher akademische Frage, wenn man wie ich gar nicht surfen kann und auch unter Schwimmen nur eine Art kontrolliertes Ertrinken versteht), dann wäre ich jetzt halt kein alternder Minivanfahrer, sondern ein alternder Surfer. Vermutlich ohne Familie. Was die Zeit aber mit einem macht, wenn man Familie hat, das habe ich nun wirklich komplett unterschätzt.

Vollends klar wurde mir das erst vor einiger Zeit, als mir meine beiden Söhne erklärten, warum sie leider nicht mit mir zusammen den neuen "Star Wars"-Film im Kino angucken können. Mauritz, 16, genannt Mau, ist nämlich schon mit seinem Freund Thomas verabredet. Und Leonard, 13, genannt Lelo, ist mit seinem Freund Paul verabredet. Bliebe die Frau, die aber gerade eine Woche auf Sri Lanka verbringt. Nicht zum Surfen, sondern weil sie beruflich hin und wieder über das Reisen schreibt. Ich nehme ja nicht an, dass sie dort auch mit einem Freund verabredet war.

Bliebe die Tochter Marie, 19, genannt Marie, die aber ein Jahr als Au-pair in Paris verbringt. So schnell konnte ich gar nicht "Au-pair" buchstabieren, wie Marie im letzten Sommer gleich nach dem Abitur nach Frankreich zog. Und so geht man nun eben nicht ins Kino, sondern in den Keller. Bügeln kann ein Schicksal sein.

Plötzlich wird mir also klar, dass meine Kinder keine Kinder mehr sind. Sie sind Jugendliche, die sich mit Freunden treffen. Oder Fasterwachsene, die ihr eigenes Leben entdecken. Das Leben abseits von Papi und Mami. Das Leben jenseits der Kinderzimmer. Wie sehr habe ich diesen Zeitpunkt ersehnt. Und jetzt ist er da, und ich bin erschüttert.

Als die Kinder kamen, eins, zwei, drei, war ich glücklich. So ganz prinzipiell jedenfalls. Vereinzelt fragte ich mich allerdings, wie lange das Ganze denn noch gehen soll. Also die Sache mit den durchwachten Nächten, den ersten Zähnen, den Windelbergen, diesen Gläschen für dieses und jenes, die existenzielle Frage Schnuller oder nicht Schnuller, die Suche nach dem Krippenplatz, die Suche nach dem Kitaplatz, die Suche nach dem Parkplatz beim ersten Schultag, das Sitzen auf Kinderstühlchen während der Elternabende ... all die Sonntage am Rand wichtiger F-Jugend-Fußballspiele, unvergessen natürlich: der Triumph gegen Helios-Daglfing.

Irgendwann, ich lag weinend auf dem Sofa, nachdem ich festgestellt hatte, dass ich mittlerweile bereits vor der "Tagesschau" einschlafe, erinnerte mich meine Frau daran, ich hätte mal von fünf oder auch mehr Kindern gesprochen. Muss wohl ein anderes Ich gewesen sein. Ein stärkeres, besseres Ich.

Bald hatte ich das Gefühl: Das Leben ist ein Marathon, und ich bin bei Kilometer 5,3 absolut am Ende meiner Kräfte. Kinder, wünschte ich mir damals, wollt ihr bitte nicht ganz bald erwachsen werden? Heute, da die Söhne wie hungrige Kroko­dile auf den Sofas herumliegen und die Lebenserwartung der Müslipackung der einer Sternschnuppe nahekommt, denke ich: Hört doch mal auf zu wachsen! Außerdem würde ich die Zeit sehr gern zurückdrehen.

Ich würde meine Bestimmung endlich in der Planung von Kindergeburtstagen finden. Oder im Märchenerzählen. Im Papasein. Ich würde gerne nochmals (erstmals, wie meine Frau behauptet) Pausenbrote machen. Und ich würde ganz sicher kein Haus vor der Stadt bauen, damit meine Kinder im Wald spielen können. Der Wald hat kein WLAN und keine Steckdose, ist also ein totales No-Go für meine digitalisierten Kinder. Vor allem aber würde ich den Job nicht über die Kinder stellen. Ich würde mir denken: Kinder, wie die Zeit vergeht - und vorsichtiger damit umgehen. Zu spät.

Der Einzige, der im kinderlosen Wald herumtollt, bin ich. Wie ich außerdem weiß: Erst kommt einem die Zeit, die man mit kleinen Kindern hat, vor wie ein Universum. Bald weiß man, dass das Universum zwar eines der Möglichkeitsräume ist, aber keines der Zeiträume. Ein Schmetterlingsflügelschlag - und es ist vorbei.

Ich kann mich aber auch jetzt noch, mit Mitte 50, neu erfinden. Für meine Kinder da sein (falls sie mich brauchen). Meiner Frau jeden Wunsch von den Augen ablesen (falls sie nicht verreist ist). Und mich selbst als Mann neu erfinden. Zur Auswahl stehen aktuell ein Surfkurs auf Hawaii oder der Profibügeltisch "Speed plus". Das Bügelbrett hätte den Vorteil, dass ich mir während des Bügelns Filme vom Surfen angucken kann. Meine Söhne wollen übrigens doch noch mal zu "Star Wars" mitkommen. Möglicherweise aus Mitleid. Das ist mir aber egal, solange die Macht mit mir ist und mit mir ins Kino geht.

Süddeutsche Zeitung Familie
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