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Familie verzichtet auf Plastik:In der Muttermilch und auf den Gipfeln des Himalaya

Im September 2009 war die Physiotherapeutin Krautwaschl mit einer Freundin in Graz im Kino gewesen und hatte den Film "Plastic Planet" von Dokumentarfilmer Werner Boote gesehen. Sie reagierte wie die meisten Kinobesucher: Wahnsinn, wie abhängig wir von dem Zeug sind, und wie giftig es sein kann, wie unkaputtbar, wie es unsere Umwelt, unsere Meere zumüllt, wie es die Welt in Beschlag nimmt. Wie viele Ressourcen die Herstellung verschlingt, wie viel CO2-Ausstoß die Produktion mit sich bringt.

Sie hörte, dass in den Ozeanen heute sechs Mal mehr Plastikmüll schwimmt als Plankton, dass man mit allem Kunststoff, der bis heute hergestellt wurde, die Erde sechs Mal komplett in Folie verpacken könnte. Dass das Zeug in der Muttermilch ist und im Blut, in den Mägen sterbender Vögel und auf den Gipfeln des Himalaya, dass viele Kunststoffe Substanzen enthalten, die das Erbgut schädigen können. Und dass Recycling allein zwar gut für das Gewissen ist, aber nicht entscheidend für den Klimaschutz.

Nachdem sie das alles gesehen hatte, rief Krautwaschl ihren Mann Peter an, der als Sonderschullehrer in einer Behinderteneinrichtung arbeitet, und schlug ihm das Experiment vor. "Warum nicht", sagte dieser, der so zurückhaltend und bedächtig wirkt wie seine Frau redegewandt und temperamentvoll, "aber wir brechen ab, wenn es zu schwer wird, wenn es uns dauerhaft die Stimmung verhagelt."

Dokumentarfilmer Boote wurde angemailt, der das Ganze begleitete, ein Blog wurde eingerichtet mit einer Art Experimental-Tagebuch, und nun ist auch ein Buch erschienen ("Plastikfreie Zone", Heyne), in dem Sandra Krautwaschl berichtet, wie man das macht, ein Leben - fast - ohne Kunststoff. Warum man das macht, das brauche nicht viel Erklärung: Es spare Geld und Ressourcen, es bedeute mehr Gesundheit und weniger Müll, sagt sie in ihrer Küche inmitten von Kinderzeichnungen, Bastelarbeiten, leeren Flaschen und vollen Kisten, aber sie sei eh schon viel weiter: "Unser Konsumverhalten hat sich grundlegend geändert."

Zähne werden mit Birkenwasser geputzt

Das nämlich, findet Krautwaschl, sei wohl das Aufschlussreichste gewesen: wie sich die Bedürfnisse ändern und damit das Einkaufsverhalten. Wie man plötzlich weniger kauft, weil es dies oder das eben nur mit oder in Plastik gebe, und plötzlich feststellt, was Marlene als erste wusste: Mir fehlt nichts. Wie man weniger Vorräte anlegt, weil keine Tupperdosen mehr in der Kammer stehen und keine Plastiktüten für die Tiefkühlkost in der Schublade liegen, und wie man plötzlich weniger Essen wegwirft, frischer kocht, bewusster.

Am Anfang war das eine harte Übung. Wo bekommt man Zahnbürsten mit Holzgriff her? Gibt es Spülmittel, das nicht in Nachfüllpackungen aus Plastik angeboten wird? Warum hat jede Zahnpastatube einen Deckel aus Plastik? Die Familie recherchierte im Internet, mailte herum, bekam Tipps, suchte und fand. Eine mühsame Zeit. Seither werden Zähne mit Birkenzucker geputzt und Zahnbürsten mit Holzgriff aus Deutschland importiert, das Spülmittel im Großcontainer ist gleichzeitig Putzmittel, Shampoo und Seife. Die Plastikmöbel im Garten werden sukzessive durch Selbstgebautes aus Holz ersetzt.

Manchmal maulen die Kinder: "Was nützt das, wenn nur wir so etwas machen?" Marlene hat das mal gefragt, obwohl sie ja bis heute durchaus findet, dass das ganze Experiment eine gute Sache ist. Darauf antwortet ihre Mutter dann:"Jeder kann und sollte tun, was in seiner Verantwortung steht, auch wenn man sich manchmal fühlt wie ein Sandkorn im Getriebe der Welt."

Bei der Spülmaschine hört der Spaß auf

Und manchmal, um weiter zu gehen, probieren es die fünf auch für kurze Zeit mit radikaleren Lösungen, dann schaffen sie Spülmaschine (ganz viel Plastik) oder Staubsauger (praktisch nur Plastik) ab, aber das dauert nicht lange: "Da hörte der Spaß auf", sagt Sandra Krautwaschl, "per Hand spülen und waschen, das braucht einfach zu viel von meiner Energie." Das Auto teilen sie nun mit einer anderen Familie. Aber die Fahrradhelme sind weiter aus Plastik. Für manche Dinge gibt es einfach keinen Ersatz.

Ihre Energie braucht die Krankengymnastin längst fast mehr für andere Menschen als für sich selbst und die Familie: Immer öfter muss sie Mails von Nachahmern beantworten oder wird zu Vorträgen eingeladen. Dort soll sie erzählen, wie man das durchhält, so ein Leben, immer auf der Suche nach Ersatz für Selbstverständlichkeiten, für Gummistiefel oder kaputte Steckdosen, und warum man sich für ein solches Leben entscheidet, wenn man kein Spinner und auch kein Guru sein möchte. Sondern nur bei den Grünen aktiv ist und im Sportverein, wenn man gern Musik macht und in den Urlaub fährt - wo man sich schließlich wundert über all den Plastikmüll, der an die Strände schwappt oder die Brotscheiben, die am Frühstücksbuffet einzeln verschweißt angeboten werden.

Dann sagt Sandra Krautwaschl, dass sie mittlerweile ganz anders denkt als früher. "Wir recyceln mehr, tauschen oft, kaufen Secondhand." Noch häufiger aber stellt sich Sandra Krautwaschl heute selbst Fragen. Und die lauten: Brauche ich das? Und: Was brauche ich wirklich?