Familie und Partnerschaft "Träume sind oftmals schöner als die Wirklichkeit"

Der Durchbruch kam mit Gronkh, einem der erfolgreichsten deutschen Youtuber. Im Januar bezeichnete er sich in einem seiner Videos als Fan der Marmeladenoma. Tausende Menschen fluteten ihren Kanal danach mit liebevollen Kommentaren, brachten den Stream zum Absturz und spendeten insgesamt 4500 Euro für eine Reise nach Tirol - weil Helga in einem früheren Video gesagt hatte: "Tirol ist schön, da wollt ich mein Leben lang hin, hab's nie geschafft."

Überwältigt von so viel Zuneigung schrieb Helga einen Brief und bedankte sich damit am nächsten Tag in einer Videobotschaft. Sie erklärte, schwer gehbehindert zu sein und nicht mehr verreisen zu können. "Träume sind oftmals schöner als die Wirklichkeit", sagt sie. "Was hindert mich daran, in Gedanken auf Reisen zu gehen?" Von dem gespendeten Geld kaufte sie Janik einen neuen Computer.

Als das tapfere Schneiderlein gerade ein Einhorn überlistet, hat Janik längst aufgehört, seiner Oma zuzuhören. Er tippt auf seiner Tastatur und chattet mit den Zuschauern, beantwortet Fragen, mit denen Helga ohnehin nichts anfangen kann: Welche Kamera habt ihr? Welches Mikrofon? Wie viel Gigahertz hat euer Computer? Dabei isst Janik eines der beiden Zwiebelwurstbrötchen, die ihm seine Oma wie jede Woche vor der Sendung geschmiert und an den Schreibtisch gebracht hat.

Auch außerhalb des Internets wurde die Marmeladenoma in den vergangenen Monaten bekannt. Journalisten baten um Interviews, ein Kamerateam aus Frankfurt kam zu Helga nach Hause. Eine Einladung in die Kindershow eines privaten Fernsehsenders lehnte sie ab. "Ich könnte viel Geld verdienen", sagt Helga. Aber das sei nicht der Sinn der Märcheninsel. "Ich liebe die Menschen. Geben ist schön", sagt sie. "Und es kommt ja auch was zurück." Jede Woche schicken ihre Zuschauer während der Sendung digitale Herzen in allen Farben.

Anfang Juni gewannen Helga und Janik den Webvideopreis Deutschland in der Kategorie Livestream, die Internetversion des deutschen Fernsehpreises. Bei der Verleihung in Düsseldorf mühte Helga sich von Janik gestützt auf die Bühne, das junge Publikum im Saal klatschte stehend Beifall. Als die Moderatorin den nervösen Janik fragte, wie es mit der Marmeladenoma weitergehe, stammelte der nur, dass er es nicht genau wisse. Helga dagegen sagte, sie sei wild entschlossen und zu allem bereit.

Das tapfere Schneiderlein ist König, die Geschichte zu Ende. Helga schließt das Märchenbuch und legt ihr iPad vor sich auf den Tisch. Nach dem Vorlesen beantwortet sie Fragen ihrer Zuschauer. Etwas unbeholfen wischt sie mit den Fingern auf dem Bildschirm herum. Ihre Fans sind neugierig, die Fragen meist eher banal. Trotzdem antwortet sie mit großer Freude. Warst du schon einmal in Salzburg? Nein, leider nicht. Was ist dein Lieblingsessen? Brot. Interessierst du dich für Astronomie? Nicht wirklich. Sie erzählt, dass Beethoven ihr Lieblingsmusiker ist, dass sie Mathe in der Schule nicht mochte und mit sieben Geschwistern auf einem Bauernhof aufgewachsen ist.

Die Marmeladenoma hat in der analogen Welt ein eigenes Postfach. Fast jeden Tag fährt sie in die Stadt und holt ihre Fanpost ab. Im Wohnzimmer liegt ein ganzer Stapel, den sie noch beantworten muss. Ihre Fans schicken Zeichnungen und Basteleien. So banal die Kommentare im Internet sein mögen, so bewegend sind einige der Briefe, die sie bekommt. Für viele Menschen ist Helga eine Vertrauensperson. Sie bitten sie um Rat, fragen, ob sie einem anderen Menschen verzeihen sollen, erzählen von Problemen. "Eine Frau schrieb mir, sie wolle sich umbringen. Sie hat mir jede Woche geschrieben. Ich habe immer zurückgeschrieben. Jetzt lebt sie wieder gerne."

"Ich liebe die Menschen. Geben ist schön", sagt sie. "Und es kommt ja auch was zurück."

Die Adresse ihrer Wohnung hält Helga ebenso geheim wie ihren Nachnamen. "Die Leute würden ja sonst alle bei mir vor der Haustür stehen", sagt sie. Ein Junge aus Ettlingen habe bereits herausgefunden, wo sie zum Einkaufen hingehe. In einem ihrer Videos sagte sie ihm: "Wenn du mich triffst, dann lade ich dich zum Kaffee ein."

Trotz aller Liebesbekundungen: Vor Bösewichten ist auch die Marmeladenoma nicht sicher. Ein Zuschauer fragt während der Sendung, ob Helga einen Disstrack gegen Janik machen kann. "Was ist das?", fragt sie ihren Enkel. Janik erklärt, dass das ein Lied ist, in dem man jemanden beleidigt. "Warum sollte ich das machen", fragt Helga entsetzt. "Was ist das für ein Ansinnen? Ich liebe meinen Enkel Janik über die Maßen." Der nächste Kommentar erscheint auf dem Bildschirm: "Ich finde es so toll, was Sie machen. Sie zaubern so vielen Menschen ein Lächeln ins Gesicht." Helga bedankt sich, sagt aber: "Der Janik gehört auch dazu. Wir sind ein Team."

Dann wischt sie wieder mit dem Finger auf dem iPad herum: "Wo muss ich jetzt draufdrücken?" Janik steht auf und hilft. "Ich hab dir das doch schon tausendmal erklärt", sagt er. Helga lacht und sagt: "Ich und Technik, das ist etwas Furchtbares." Wenn Janik am Wochenende einmal keine Zeit hat, muss die Sendung ausfallen.

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